DIE ZEIT: Herr Schorlemmer, Sie haben sich schon für die Umwelt eingesetzt, als man dafür noch politische Haft riskierte. In den frühen Siebzigern gehörten Sie in der DDR zu den renitenten jungen Leuten, die Frieden, Freiheit und Umweltschutz forderten. Deprimiert es Sie, dass nach all der Zeit nun noch der Papst gegen unsere Umweltsünden predigen muss?

Friedrich Schorlemmer: Überhaupt nicht! Im Gegenteil. Ich habe damals in der Giftküche Merseburg gelebt, zwischen den Chemiegiganten Buna und Leuna. Ich habe gesehen, wie schwarz die Saale war. Wenn jetzt vom Heiligen Stuhl aus die unheilige Welt kritisiert wird, dann bin ich – tja, was? Beglückt, dass der Papst das macht. Sein neues Schreiben ist für mich ein kirchengeschichtliches Ereignis. Eine Hoffnungsfanfare!

ZEIT: Aber es benennt ein hässliches Desaster!

Schorlemmer: Ja, leider. Doch der Papst klagt nicht, sondern beharrt darauf: Wir können auch anders! Er verficht in schlichten Worten die christliche Hoffnung auf Umkehr. Er fordert uns auf, die Welt nicht länger als Objekt zu betrachten, das wir ausnutzen, beherrschen und verwüsten dürfen. Und warum dürfen wir das nicht? Weil wir eben keine Herren der Schöpfung sind, sondern selber nur Geschöpfe.

ZEIT: Also ein Aufruf zur Demut?

Schorlemmer: Von mir aus, ja, aber zu einer klugen und selbstbewussten Demut. Die Enzyklika wurde natürlich gleich als naives Weltverbesserertum geschmäht. Wer so etwas sagt, dem wünsche ich, dass er mal in eine klimabedingte Hitze oder Überschwemmung gerät. Oder dass er Bürgermeister von Lampedusa sein muss. Ich finde, die Ratschläge, die dieser Franziskus uns gibt, sind in keinster Weise moralin, sondern von Weisheit getränkt.

ZEIT: Was ist weise?

Schorlemmer: Seine visionäre Menschenfreundlichkeit. Seine völlig undiplomatische Klarheit, mit der er "alle Menschen guten Willens" erreichen will. Und natürlich der Gedanke, dass man die drei Themen Frieden, Gerechtigkeit und Schöpfung nicht trennen kann. Franziskus erklärt: Wenn wir die Schöpfung bewahren wollen, dann ist eine einige Kirche gefragt – und Einigkeit weit über das Christentum hinaus. Sehr schön arbeitet er die Lebensweisheiten des Alten Testaments herausgearbeitet und geistlich durchdrungen. Der Effekt: Das Schreiben überzeugt mich nicht nur, sondern leuchtet mir ein. Einleuchten heißt Licht in eine Sache bringen. Der Papst tut es in einer Sprache, die offen ist auch für Leute, die keine Kirchensteuer zahlen. Er denunziert niemanden, er gibt niemandem einfach die Schuld, sondern mahnt uns: Wir sind alle miteinander auf einem fatalen Zivilsationsweg.

ZEIT: Und wir haben das noch nicht gemerkt?

Schorlemmer: Doch. Aber was von der Wissenschaft gesagt und von der Politik verhandelt wurde, hat nicht gereicht, uns vom Holzweg abzubringen.

ZEIT: Ich habe immer noch nicht verstanden, was der Papst nun kann, was keiner vorher konnte.

Schorlemmer: Vielleicht war es an der Zeit, dass mal eine Warnschrift kommt, die uns nicht betrübt, sondern begeistert. Dazu hat Franziskus die geistige und geistliche Kraft. Er schärft uns keine falsche Gottesfurcht, sondern tiefe Mitmenschlichkeit ein.

ZEIT: Heute ist das grüne Bewusstsein in Westeuropa weit verbreitet. Ökostrom ist populär, Biogemüse fast schon Standard. Wo liegt unser Problem?

Schorlemmer: Es genügt nicht, im Bioladen einzukaufen. Echter Umweltschutz, wie Franziskus ihn fordert, ist nichts für Leute, die Socken stricken und das Klimadesaster bürgerlich verniedlichen. Wir müssen auch unsere Gier und unsere Hybris ablegen, ein Konkurrenzdenken, das fast schon zum Grundprinzip unseres Lebens geworden ist.

ZEIT: Haben Sie an der Enzyklika denn gar nichts auszusetzen?

Schorlemmer: Leider doch. Denn der Papst hat meinen Helden Albert Schweitzer vergessen. Dass ich kein Zitat von dem großen Ökophilosophen gefunden habe, ist mehr als verwunderlich.

ZEIT: Welches Zitat hätte sich denn geeignet?

Schorlemmer: "Ich bin Leben, das leben will, mitten unter Leben, das leben will." Das steht in der Enzyklika sinngemäß drin. Aber Schweitzer hat vor hundert Jahren schon versucht, es zu leben und zu reflektieren. Beides! Zu traurig, dass der Papst keinen Berater hatte, der ihm das erzählt hätte. Ich finde, das ist keine lässliche Sünde, sondern eine Sünde wider den Geist. (lacht) Und beim Zitieren von Psalm 148 hätte der Papst mal eine kleine Übersetzung von Ernesto Cardenal nehmen können.