DIE ZEIT: In der vergangenen Ausgabe der ZEIT erklärten Sie, Fußballvereine würden unprofessionell geführt. Was genau irritiert Sie am Management?

Wolfram Eilenberger: Bei den Vereinsoberen regiert oftmals eine Mischung aus Geltungssucht und quasikriminellen Seilschaften. Im Ausland sind es ja nicht selten skrupellose Unternehmer aus der Immobilienbranche, die sich an die Spitze putschen.

ZEIT: In Deutschland üben ehemalige Spieler oft den Job des Präsidenten oder Managers aus.

Eilenberger: Das geht in der Regel auf Kosten der Kompetenz und auch der Integrität. Sie sehen doch an der Nachfolgediskussion um Sepp Blatter, dass es niemanden zu geben scheint, der nicht Teil des Systems wäre. Niemanden, der eine klare Stimme hätte, mit der die Menschen zu begeistern wären. Weder der Uefa-Präsident Michel Platini noch Luis Figo, noch der Brasilianer Zico verkörpert einen Geist des Aufbruchs. Auch nicht DFB-Präsident Wolfgang Niersbach. Aber zumindest die Bundesliga gibt derzeit Grund zur Hoffnung.

ZEIT: Was lässt Sie hoffen?

Eilenberger: Neue Leitgestalten in tragfähigen Strukturen, wie etwa das Modell Markus Weinzierl in Augsburg oder auch Thomas Tuchel in Dortmund. Nach seiner Einschätzung zum Fifa-Skandal gefragt, sagte er vor Kurzem, er könne keine Verbindung mehr zwischen dem Spiel auf dem Platz und der Arbeit dieser Funktionäre aufbauen. Zuerst dachte ich, das sei resignatives Desinteresse.

ZEIT: War es das nicht?

Eilenberger: Nein. Tuchel strebt mit jungen, übungswilligen Menschen nach Perfektion auf dem Platz. Das ist seine Mission. Gleichzeitig sieht er, wie korrupte Funktionäre alle Werte, die auf dem Platz zählen sollten, schamlos verraten. Da kann man leicht zynisch werden. Oder aber wie Tuchel versuchen, einen offen-naiven Optimismus zu wahren und zu hoffen, dass die Werte des Sports heilsam auf die Werte der Institution rückwirken.

ZEIT: Sie glauben, Tuchel nimmt Naivität als Leitlinie seines Handelns?

Eilenberger: Er kennt das Geschäft und seine Mechanismen, dennoch tut er so, als ob die Welt, die er sich wünscht, schon jetzt Realität ist, und handelt konsequent unter dieser Prämisse. Das hat etwas Mitreißendes und verlangt natürlich auch nach unbedingter Unterstützung des Vereins, die ich ihm wünsche.

ZEIT: Wird das Genre des Trainers immer bedeutender?

Eilenberger: Ja. Und damit auch die Macht- und Gestaltungsansprüche. Bayern-Trainer Pep Guardiola ist das beste Beispiel. Er verbindet faktisch bereits die Rolle des Trainers mit der des Managers und Funktionärs. Er hat das Standing, die Intelligenz und auch die nötige Kälte, um das in Bayern entstandene Machtvakuum zu nutzen. Allerdings bleibt da, bei aller Bewunderung, ein dunkler Fleck auf seiner Weste: Pep Guardiola war der entscheidende europäische Türöffner für die Weltmeisterschaft in Katar. Mit seiner Unterstützung wurde Katar salonfähig. Bei seiner gedanklichen Tiefe verstehe ich nicht, warum er zu dieser Skandalvergabe bis heute schweigt. Würde Guardiola sich von der WM in Katar distanzieren, könnte vielleicht eine neue Dynamik entstehen.

ZEIT: Guardiola spricht leider selten öffentlich über seine Gedanken. Weinzierl und Tuchel hingegen haben ihre Gefühle formuliert. Tuchel sagte, er habe Respekt davor gespürt, sich mit einem Engagement beim HSV zu übernehmen. Weinzierl war noch nicht bereit für Schalke. Er ließ sich auch nicht vom Besuch des Präsidenten Clemens Tönnies umstimmen. Wie deuten Sie diese neue Form der Offenheit?

Eilenberger: Als großes Glück und Reifesignal. Sie zeugt von einer gefestigten Trainerpersönlichkeit. Bisher haben sich die Verantwortlichen doch meist in ihrer Wagenburg versteckt, es hieß: Bloß keinen reinlassen! Aus meiner Sicht geht es dabei insbesondere um Angst, befeuert von dem Wissen um die eigenen Versäumnisse und Unzulänglichkeiten. Mit Odo Marquard könnte man sagen: Im Fußball regiert bis heute vor allem die "Inkompetenzvertuschungskompetenz". Speziell unter Männern schafft das eine bestimmte Form von Zirkeln. Dass diese nun durchbrochen werden, hat mit dem Versagen der Weltmeistermannschaft von 1990 zu tun.

ZEIT: Welche Form des Versagens meinen Sie?

Eilenberger: Die Legenden dieser Mannschaft, zum Beispiel Brehme, Matthäus oder Häßler, erwiesen sich – ungeachtet ihrer Erfolge – weder für die Rolle des Trainers noch des Funktionärs als geeignet.