Gar nicht selbstverständlich ist, dass Köche gerne essen. Manche ähneln Modellbauern, die mit unendlicher Sorgfalt Eisenbahnlandschaften entwerfen, ohne je damit zu spielen. Solche Köche kochen oft Gerichte, die toll schmecken müssten – so wie dieses Mosaik von Gänsestopfleber und Rhabarber.

Die Idee leuchtet ein: Die sauren Stängel nehmen dem buttrigen Fleisch seine Schwere und bringen einen Frühlingsgeschmack auf den Teller. Doch dann zieht es einem so arg den Mund zusammen, dass man nicht mal mehr sagen kann, ob die beiden Zutaten überhaupt gewürzt worden sind.

Zubereitet hat diesen Gang einer der begabtesten Hamburger Köche. Boris Kasprik war Küchenchef des Chezfou in Bahrenfeld, das trotz seines guten Essens gerade mal ein Jahr lang durchhielt. In seinem eigenen Restaurant ist er dem Französischen treu geblieben. Das Petit Amour eröffnete vor wenigen Tagen am Spritzenplatz in Ottensen, zwischen Lokalen mit Namen wie Markt-Schänke oder Gasthof Möhrchen. Die vormalige Bierkneipe sieht man ihm nicht mehr an. Avantgardistische Lampen und Polke-Drucke signalisieren der Astra-Klientel: Hier trinkt man Wein, kredenzt vom Sommelier, der so französisch ist wie die Musik, die die Waschräume beschallt. Es gibt ein Luxus-Arrangement mit sechs Gläsern zum Menü für 85 Euro – das Essen nicht inbegriffen. Vier Gänge sind quasi Mindestverzehr, plus Amuse Bouche und Pralinen; Kasprik will zeigen, was er kann.

Und viele wollen es sehen. Der kleine Raum ist voll mit Kennern und Bescheidwissern. In einer Ecke sind gleich zwei Spiegelreflexkameras im Anschlag, die aufschnurren, wann immer ein Teller gebracht wird. Sie sind auch wirklich schön angerichtet, und das mit schönen Produkten. Kasprik protzt nicht nur mit Limousin-Lamm oder bretonischem Kaisergranat, er bekommt sie auch in einer Qualität, die andere nach Jahren der Selbstständigkeit nicht heranschaffen können.

Was er daraus macht, verrät Perfektionismus; da werden Erbsen nicht nur aus der Schote, sondern sogar aus dem Häutchen gepult. Auch am Mut zu ungewohnten Kontrasten fehlt es nicht. Die Gelbflossenmakrele kommt als angeräuchertes Tatar mit einem Sorbet aus Gurken; der Steinbutt mit Pfifferlingen, Schalotten und einer Jus vom raren Vin Jaune. Gut komponiert, gut umgesetzt, aber nicht gut abgeschmeckt. Die Aromen entwickeln sich knapp aneinander vorbei. Wie viel mehr da geht, ahnt man, wenn man die Erbsensuppe mit Hummer gekostet hat: die zarte Süße wie ein Samttuch auf dem festen, salzigen Fleisch – ein tolles Gericht.

Am späten Abend macht Boris Kasprik seine Runde: ein junger, nachdenklicher Mann, den man sich tatsächlich als Modellbauer vorstellen könnte. Das Gemecker über seine Rhabarberleber nimmt er mit freundlicher Neugier auf: Zu sauer, soso. Ob man die karamellisierte Brioche dazu gegessen habe, die solle ja die Brücke bilden. Die Antwort darauf schluckt gnädig der Lärm. Zwei angeschickerte Tischgesellschaften schaukeln einander hoch. "Sie haben uns den Abend verdorben", poltert ein Mann und erntet höhnisches Lachen. Als lebte ein Rest der Kneipen-Ära im Haus am Spritzenplatz fort. Wer immer hier Brücken bauen will, sollte sie robust anlegen.

Petit Amour, Spritzenplatz 11, Ottensen. Tel. 30 74 65 56, www.petitamour-hh.com. Geöffnet di–sa 18–23 Uhr, Donnerstags zusätzlich 12–14.30 Uhr. Menü ab 49 €.