Die Rote Flora, ein muffiges Loch, in dem schwarz gewandete Linksradikale in grimmigen Vollversammlungen ihre Wursthaarköpfe zusammenstecken? Think again! Seit Mitte Juni präsentiert sich Hamburgs bekannteste Problemimmobilie mit neuen, kundenfreundlichen Angeboten: Ein neues Treppenhaus, neue Toiletten und eine grundsanierte "Vokü" (Volxküche) zeugen vom Sanierungseifer der Besetzer. Weiße Wände, lichte Räume, ein "Gefahrengebiet"-Wandmosaik, Steinchen für Steinchen von zarter Autonomenhand gelegt. Für die kommenden Monate haben die Flora-Aktivisten eine "Sommerbaustelle" angekündigt. Mit einer Ausstellung zur Geschichte des Hauses und seiner Umbauten werben sie um die Gunst des Publikums. Man wolle sich wieder mehr dem Stadtteil öffnen, heißt es.

Was ist da los? Wird die Rote Flora jetzt ein stinknormales Haus, in das jeder einfach so reinspazieren kann? Ach, na ja. Einerseits war das Bild von der linksautonom-vernagelten Trutzburg seit je auch ein sorgsam gepflegtes Feindbild. Dutzende von Print- und Fernsehberichten bezeugen: Eigentlich haben die Genossen vom Schulterblatt die Bude immer brav aufgesperrt, wenn die Öffentlichkeit mal wieder wissen wollte, was da eigentlich abgeht. Haben die Motorrad-Selbsthilfewerkstatt im Keller hergezeigt, die Proberäume und das mit Flugblättern vollgestopfte "Archiv der sozialen Bewegungen" – und haben den Reportern geduldig erklärt, wie das zu verstehen ist: Die Rote Flora als Stachel im Fleisch der herrschenden Eigentumsordnung, als kollektiv betriebenes Projekt, das sich nicht darum schert, wem das Gebäude gehört, das man deshalb am liebsten aus dem Grundbuch gestrichen sähe. Seit die Stadt die Flora dem insolventen Vorbesitzer zwangsabgekauft und der städtischen Lawaetz-Stiftung übergeben hat, ist dieser Outlaw-Status quasi Staatsräson. Längst wirbt auch Hamburg Marketing mit der Roten Flora als Landmark-Building für das "alternative und trendy" Schanzenviertel.

Andererseits ist das, was die Floristen derzeit an PR-Offensive betreiben, nicht mehr und nicht weniger als eine Crowdfunding-Kampagne. Die Besetzer wollen eben weder mit der Lawaetz-Stiftung noch mit anderen städtischen Stellen über Sanierungsgelder verhandeln. Denn um öffentliche Mittel in Anspruch nehmen zu können, müsste man womöglich einen Vertrag mit der Stadt schließen – und dass die Flora "unverträglich" bleibt, ist das oberste Gebot am Schulterblatt 71. Die Besetzer des Gängeviertels wählten vor ein paar Jahren einen anderen Weg: Sie schafften es, die Stadt dazu zu bewegen, das Areal von einem maroden Immobilienfonds zurückzukaufen und es mit geschätzten 20 Millionen Euro zu sanieren. Seither zanken sich die Gängeviertel-Nutzer mit dem von der Stadt beauftragten Sanierungsträger Steg herum, was wie saniert werden soll und wie viel Selbstverwaltung möglich bleiben kann.

Das soll der Roten Flora nicht passieren. "Kein Weg mit der Steg" schallte es vor zwei Jahrzehnten aus dem autonomen Zentrum. Das Flora-Umfeld will es aus eigener Kraft schaffen. Und wirbt daher um Geldspenden und Arbeitseinsatz. Da ist ein bisschen Zurschaustellen der eigenen Zugänglichkeit nicht die schlechteste Idee.

Schon als die Besetzer 1989 das alte Varietétheater im Schanzenviertel übernahmen, war die Flora eine dem Abriss geweihte Ruine. Und sie ist bis zum heutigen Tage Baustelle geblieben. Das muss wohl auch so sein. Schließlich sind autonome Zentren in den achtziger Jahren nicht zuletzt als Gegenmodell entstanden – zum fix und fertig hingestellten Jugendzentrum sozialdemokratischer Prägung, das viel zu abwaschbar, TÜV-geprüft und rauchfrei war, um attraktiv zu sein für den rebellischen Teil der Stadtjugend. Wer in der Flora feiern wollte, musste erst mal selbst ran. Hunderte von Party-Baubrigaden haben die dunkle, rohe Höhle in den vergangenen zweieinhalb Jahrzehnten immer wieder für knallbunte, glamouröse Partynächte geschmückt, Wochenende für Wochenende.

Der unfertige, selbst gebastelte Status hat dem Haus immer auch neue Helfer zugeführt: Der Brand im Jahr 1998, der die Flora beinahe ruiniert hätte, zog eine Welle der Unterstützung nach sich. Plötzlich waren die Plena und Vollversammlungen wieder brechend voll. Die Geschichte wiederholt sich. Auch in den vergangenen Jahren war die Personaldecke hinter der bröckelig-gelben Fassade dünn. Das soll sich mit der Sanierung ändern. 50 Wandergesellen treten im Juli an zur Fassaden-, Terrassen und Balkonsanierung. Am Ende ist die Revolution nämlich auch bloß eine Baustelle – wo ließe sich das besser erleben als in der Roten Flora.