Es ist ein dramatischer Moment im Leben von Jordi Mir, als er am 7. Januar 2015 um kurz vor zwölf aus seiner Wohnung auf die Straße blickt. Er sieht zwei Vermummte, die Maschinengewehre im Anschlag. Jordi Mir greift zum Handy, filmt, 42 Sekunden lang. Auf dem Boden liegt der Polizist Ahmed Merabet, der, um Gnade flehend, die Hände hebt. Dann fallen die Schüsse, die Merabet töten. Die Attentäter, die kurz zuvor etliche Redakteure und Mitarbeiter der Satirezeitschrift Charlie Hebdo erschossen haben, springen ins Auto und flüchten. Jordi Mir weiß nicht wirklich, was er gefilmt hat. Er denkt an einen Banküberfall, lädt das Video wie in Trance auf Facebook hoch und löscht es nur eine Viertelstunde später, weil er ahnt, dass der Ad-hoc-Einfall der Publikation keine gute Idee war.

Aber da ist schon alles zu spät. Rasend verbreiten sich die Bilder der Exekution. Jordi Mir hat den ikonischen Moment des Anschlags als reproduktionsfähiges Dokument geliefert. Keine Stunde später bringt das französische Fernsehen die Erschießung, dann folgt der Rest der Medienwelt.

Der Bruder des Getöteten wird später vor die Kameras treten und sagen: "Wie könnt ihr es wagen, dieses Video zu senden? Ich habe seine Stimme gehört. Ich habe ihn erkannt. Ich habe gesehen, wie man ihn abgeschlachtet hat." Unter Journalisten entbrennt eine Debatte darüber, ob man so etwas zeigen darf, unverpixelt, in anonymisierter Form – oder gar nicht. Auch Jordi Mir wendet sich ein weiteres Mal an die Öffentlichkeit. Er bittet die Familie des Getöteten um Verzeihung, nennt sein Handeln einen "dummen Reflex", eine Idiotie, die ihm im Moment der Überforderung passiert ist.

Man kann diese Szene als Hinweis verstehen, dass wir, wie der Journalist Friedemann Karig in einem klugen Essay schrieb, eine Ethik des Teilens benötigen, eine sensible Moral des Users, der Inhalte nicht gedankenlos weiterleiten, Exekutionsbilder nicht online stellen, womöglich Gerüchte nicht verbreiten sollte. Tatsächlich ist die Verantwortung für die öffentliche Sphäre heute auch ins Lager derjenigen diffundiert, die man einst zum "Publikum" zählte. Und tatsächlich ist es auch eine Entscheidung der vernetzten vielen und nicht mehr nur der oft so intensiv gescholtenen Medien, was aus der Öffentlichkeit wird. Ein gigantischer Pool aus Blutbildern und pulsierenden Hitlisten von immer lustigeren Katzenvideos? Eine Sphäre des Spektakels? Eine Manege für überdrehte Clowns und für diejenigen, die am lautesten brüllen? Oder doch, wie Jürgen Habermas, der Doyen der Öffentlichkeitstheorie, hofft, eine Welt, in der der "zwanglose Zwang des besseren Arguments" noch etwas zählt?

Allerdings ist die Forderung nach einer Ethik des Teilens einigermaßen wolkig. Sie hat etwas von einer gut gemeinten Predigt, der es an konkreten Standards fehlt. Kurzum: Sie ist die falsche Antwort auf die richtige Frage, wie man publizistische Verantwortung in den Wirkungsnetzen des digitalen Zeitalters neu definieren kann. Jordi Mir postet bei Facebook, irgendwer leitet sein Video weiter, der klassische Journalismus reagiert. Und alles explodiert in einem aufschäumenden Aufmerksamkeitsexzess.

In einem solchen Zusammenwirken der unterschiedlichsten Kräfte zeigt sich eine Neuverteilung der publizistischen Machtverhältnisse. Einerseits verlieren die traditionellen Gatekeeper des Journalismus an Macht, aber damit beginnt nicht das Reich totaler Freiheit, sondern es gewinnen Gatekeeper neuen Typs an Einfluss, die ihre publizistische Mitverantwortung bislang offensiv ignorieren. Auf eine Formel gebracht: Beobachtbar ist eine Disintermediation bei gleichzeitiger Hyperintermediation. Das sind, zugegebenermaßen, ziemlich scheußliche Ausdrücke aus dem Begriffsarsenal der Medienwissenschaft. Sie zeigen jedoch, warum die Ausweitung der Verantwortungszone in all den Debatten über die Macht der Medien und die Veränderung der Öffentlichkeit unbedingt geleistet werden muss und warum die allgemeinen Appelle in Richtung einer Publikumsethik ins Leere gehen. Disintermediation bedeutet, dass klassische Vermittler von Informationen und Nachrichten schwächer werden und sich jeder, der einen Netzzugang besitzt, barrierefrei an die Öffentlichkeit wenden kann – mit drei elementaren Konsequenzen für das, was Öffentlichkeit ausmacht. Zum einen wird der Einzelne, eben noch zur Passivität verdammt, zum Sender (und damit zum Enthüller neuen Typs). Zum anderen hat Disintermediation zur Folge, dass jeder Themenideen, aber eben auch Propaganda und raffiniert aufbereiteten Werbemüll verbreiten kann (und damit sehr direkt über die Qualität des Öffentlichen mitbestimmt). Und schließlich bedeutet dies, dass der klassische Journalismus an Deutungsautorität verliert (und damit die Agenda der Allgemeinheit an Strahlkraft und Verbindlichkeit einbüßt). Der gesamte Mechanismus der Weltaneignung und Wirklichkeitskonstruktion, den Disintermediation ermöglicht, ist also zwiespältig: Er kann uns befreien, weil auf einmal für jeden sichtbar die Diktatur der Mono-Perspektive zerbröselt. Und er kann uns in eine neue Verbiesterung und ideologische Verhärtung hineinlocken, weil sich nun der Einzelne – ohne offizielles Korrektiv, ohne die Irritation durch einen allgemein anerkannten Glaubwürdigkeitsfilter – seine Weltsicht zusammenbasteln und in seine höchstpersönliche Wirklichkeitsblase hineingoogeln kann. Minderheitenmeinungen werden dann plötzlich als universal und absolut gültige Totalwahrheiten erlebbar – ganz gleich, ob es um den Sinn von Masernimpfungen oder die Existenz von Außerirdischen geht.

Der gegenläufige Trend der Hyperintermediation handelt hingegen von der Macht neuer Gatekeeper. Dies sind die Plattformmonopolisten, die Suchmaschinen und Sozialen Netzwerke, die überhaupt erst die blitzschnelle Entdeckung und Zirkulation all der Daten und Dokumente ermöglichen, selbst jedoch als weitgehend unsichtbare Instanzen wirken. Sie werden von Milliarden von Menschen täglich genutzt. Sie modulieren, wie man aus Facebook-Experimenten weiß, die Stimmungen der Nutzer. Sie organisieren das, was öffentlich wirksam wird, mithilfe von Algorithmen, mathematischen Entscheidungsprozeduren. Sie sind, entgegen anders lautenden Behauptungen, nicht gänzlich neutral.