Urlaubsstimmung geht anders, weniger nass zum Beispiel. Kräftige Böen treiben Regenschleier über das Castlefield Basin. Auch das Hausboot, das dort im Hafenbecken liegt, lässt nicht erwarten, dass diese Tour komfortabel wird. Zwar kommt die Rakiraki auf geschätzte 30 Meter Länge, aber sie ist kaum mehr als zwei Meter breit. Eng dürfte das werden, und dass neun einander fremde Menschen die nächsten drei Tage und Nächte im Regen auf dem Kahn zubringen sollen, kann nur reizvoll finden, wer eine spezielle Verbindung von ungehemmter Zwischenmenschlichkeit und englischem Wetter schätzt.

Und dann noch Manchester. Der Kapitalismus gleichen Namens ist hier vor 150 Jahren erfunden worden. Als Kurort ist die Stadt bisher nicht in Erscheinung getreten, schon gar nicht damals, als Friedrich Engels die elende Lage der arbeitenden Klasse in England beschrieb. Was der Miterfinder des Kommunismus nicht wahrgenommen hatte, war, dass es eine Unterabteilung des Proletariats gab, der es besonders dreckig ging: die boating people .

Sie schafften auf Lastkähnen heran, was die wachsenden Fabriken brauchten: Steine, Kohle, Baumwolle, Stahl. Die Kanäle dafür hatten irische Tagelöhner mit Hacken und Spaten in die Landschaft von Lancashire gegraben – und weil das weniger kostete, waren sie sehr schmal. Die Boote darauf ebenfalls: Narrowboats , so wie die Rakiraki eines ist.

Von Manchesters Industrie ist nicht viel geblieben, auf den alten Kanälen schippern heute Freizeitkapitäne und Touristen, die Erlebnisse etwas abseits des Gängigen suchen. Für drei Tage will ich ein water gypsy sein – so nannte man einst die Lastenschiffer, weil sie nirgends sesshaft und die Boote ihre einzige Bleibe waren.

Meine Reisegefährten sind Hillary und Ian, Mittdreißiger aus Los Angeles auf siebenwöchiger Hochzeitsreise durch Europa; Jean und Manny aus Manchester feiern ihren 38. Hochzeitstag auf der Tour, die sie aus Begeisterung für "unser industrielles Erbe" unternehmen; Caterina kommt vom Comer See und globetrottet aus Passion; einen weiteren Ian, gebürtiger Australier und seit 20 Jahren in England sesshaft, hat es auf die Kanäle gezogen, weil er seine Gattin partout nicht an die Gestade der Türkei begleiten wollte. Mark Bratt und seine Frau Ruth schließlich betreiben das Reiseunternehmen Wandering Duck und sind unsere Gastgeber: Vor vier Jahren stellte das Paar seine Pläne für ein eigenes Backpacker-Hostel zurück, um stattdessen für 50 000 Pfund die Rakiraki zu kaufen und zum Hotelschiff auszubauen. Das einzige Narrowboat , auf dem Touristen eine Flusskreuzfahrt buchen können.

Die Schiffserkundung erfordert englische Höflichkeit mit vielen "sorrys". Der Gang im Deckshaus ist einen halben Meter eng, Körperkontakte sind unvermeidlich. Mittschiffs sind zu beiden Seiten die bunks, 60 Zentimeter breite Doppelstockbetten ohne Vorhänge, niemand wird hier nachts einsam sein. Pech für die Honeymooner. Ein paar schmale Spinde gibt es auch und zwei kaum größere Bäder, mit Duschen darin, immerhin. Im Bug und im Heck je drei Quadratmeter offenes Deck.

Als die Reise beginnt, versucht jeder einen Platz im Freien zu finden. Ich geselle mich zu der hölzernen Ente in Wanderschuhen, die im Bug den Schnabel in den Wind reckt. Die Rakiraki nimmt Kurs auf den Bridgewater Canal, den der dritte Duke gleichen Namens schon gegen 1760 hat anlegen lassen, weil er der rapide wachsenden Stadt die Kohle aus seinen acht Meilen entfernten Bergwerken in Worsley verkaufen wollte. Mit Pferdewagen war wenig zu machen, auf den morastigen Straßen konnte ein Gaul nur eine halbe Tonne ziehen. Ließ man das Pferd aber auf einem Treidelweg neben einem Kanal laufen, bewegte es locker einen Kahn mit 30 Tonnen. Produktivitätssteigerung nennt der Kapitalist das. Bis die industrielle Revolution Mitte des 19. Jahrhunderts richtig losging, war im Raum Manchester ein System von Kanälen entstanden, das heute der Canal & River Trust als technisches Erbe pflegt.