DIE ZEIT: Herr d’Agata, Sie gehören zu den radikalsten Fotografen der Welt. In Ihren Fotos thematisieren Sie Gewalt, Sex, Drogen, Exzess. Hat Hamburg genug von alldem?

Antoine d’Agata: Ich kenne Hamburg nicht, nur St. Pauli. Das Viertel ist ein riesiger Sexsupermarkt. Ich war 1999 zum ersten Mal hier und war fasziniert von dieser Mischung aus Bratwürstchen, pubertierenden Osteuropäern und Prostituierten hinter Glasscheiben: sozialer Brennpunkt und Vergnügungsort. Ich lebe und fotografiere nachts. Ich bin ein Schlafloser. Dieser Ort gefiel mir, denn er war zu dieser Uhrzeit noch sehr lebendig.

ZEIT: Nach Ihrem Studium in New York sind Sie zurück nach Frankreich gegangen und hatten die Fotografie eigentlich aufgegeben. Hier fingen Sie wieder an. Wie hat diese Stadt das geschafft?

D’Agata: Ich fand eine Bar, die Goldener Handschuh hieß. Um die Ecke gingen die Transvestiten anschaffen. Hier sah ich, wie die Verzweifelten nach ein paar Drinks glücklich wurden. Fremde und Freunde lagen sich betrunken in den Armen, gierig nach Umarmungen. So etwas hatte ich in keinem anderen Land auf der Welt gesehen. Auf einem der Sofas habe ich eine Frau geküsst. Sie war achtzig. Es war ein Ort, der keine Grenzen kannte. Egal, ob alt, arm, krank: Wir alle brauchen einen Ort, wo wir uns verlieren können, um zu überleben.

ZEIT: Eine Arbeit, die hier entstanden ist, zeigt Porträts von Prostituierten. War es schwer, ihnen nahezukommen?

D’Agata: Der Anfang war hart für mich. Denn für meine Arbeit brauche ich eine besondere Intimität zu den Personen, die ich fotografieren will. Ich war so scheu, mich Menschen zu nähern, dass ich anfangs die meiste Zeit betrunken oder auf Drogen war. Die Unschärfe ist natürlich Teil meiner Ästhetik. Doch meistens habe ich beim Fotografieren geschwankt.

ZEIT: In Kambodscha lebten Sie zeitweise sogar mit den Prostituierten zusammen.

D’Agata: Um das Leben und seine Abgründe zu verstehen, muss man darin eintauchen. Deswegen fotografiere ich. Ich habe mich immer dafür interessiert, Grenzen auszutesten.

ZEIT: Wie haben Sie den Teilnehmern Ihres Workshops Grenzenlosigkeit beigebracht?

D’Agata: Ich habe sie in die Hamburger Nacht geschickt. Sie mussten sich in einer Stadt zurechtfinden, die einigen vollkommen fremd war. Ein Student fotografierte Obdachlose auf der Straße, ein anderer nackte Fremde oder tanzende Pärchen in intimer Umarmung. Ich glaube, ich habe sie richtig gequält.

ZEIT: Wie?

D’Agata: Um zu lernen, muss man seine eigene Komfortzone verlassen. Ich wollte jeden Tag zwischen 500 und 1.000 Bilder sehen. Fotografiert wurde nachts. Tagsüber haben wir uns gemeinsam die Bilder angeschaut und eine Auswahl getroffen. Ich wollte, dass sie lernen, in der Fotografie ihre eigene Stimme zu finden. Geschlafen hat kaum einer. Sie sind vollkommen fertig. Aber auch zufrieden.

ZEIT: Das erste Mal waren Sie vor 15 Jahren in Hamburg. Hat sich die Stadt in Ihren Augen sehr verändert?

D’Agata: Die Zeit, in der Menschen in Bars weinen, ist vorbei.

ZEIT: Die Menschen weinen weniger?

D’Agata: Im Goldenen Handschuh habe ich jeden Tag Menschen weinen sehen. Einige zogen sich aus. Heute haben die Menschen vielleicht mehr Angst, aus dem Raster zu fallen. Wie in vielen Städten der Welt sieht man die Folgen von Gentrifizierung und Kommerzialisierung. Hochhäuser haben Teile der Nachbarschaft von St. Pauli aufgefressen. Große Clubs haben die kleineren ersetzt. Ich denke, es wird immer schwieriger für die Menschen am Rande der Gesellschaft, zu überleben. Es sieht aus, als wolle jemand den ursprünglichsten Teil der Stadt zähmen.