Im Plastik gefangen

Ein paar Hundert Meter vom Nordseestrand entfernt steht der Biologe Nils Guse vor einem großen Metalltisch, auf dem zwei verendete Eissturmvögel liegen. Die Wellen haben die toten Tiere an Land getragen, jetzt will ihnen Guse die Mägen aufschneiden.

Eissturmvögel sind etwa so groß wie Krähen, sie haben grau-weißes Gefieder und leben fast das ganze Jahr über auf hoher See. Sie ernähren sich von Fischen und Krebsen, von Schnecken und Quallen. Alles, was sie fressen, stammt aus dem Meer.

Guse zieht sich einen weißen Overall und ein Paar Handschuhe über, er betrachtet die beiden toten Vögel, hebt sie hoch und dreht sie um. Sie sind stark abgemagert. Guse greift zum Skalpell und schneidet den Bauch eines Vogels auf. Keinerlei Fett. Die Brustmuskeln verkümmert. Der Vogel, sagt Guse, muss seine eigenen Muskeln verbrannt haben, weil er keine Nahrung mehr bekam. Guse öffnet den Bauchraum, er findet den Magen, kaum größer als ein Tischtennisball, er schneidet ihn auf.

Ein Tier, das verhungert, stirbt daran, dass es nichts in den Magen bekommt, normalerweise. Der Magen des Eissturmvogels auf Guses Seziertisch aber ist randvoll. Guse holt ein Gewirr aus kleinen Nylonfäden heraus, ein Stückchen Styropor, eine Ecke hellgrünen Schaumstoffs, einen dunkelgrünen Kunststoffsplitter, zwei Fetzen Folie.

Auch der Magen des zweiten Vogels ist voller Plastik. Schwarze und weiße Kunststoffpartikel, kurze Fäden, ein Nylonknäuel.

Die beiden Tiere sind nicht verhungert, weil ihre Mägen leer waren, sondern weil keine Nahrung mehr hineinpasste, echte Nahrung. Sie fraßen das bunte, unverdauliche Plastik, weil sie es für Beute hielten. So starben sie mit vollem Bauch.

Nils Guse arbeitet für das Forschungs- und Technologiezentrum Westküste im schleswig-holsteinischen Büsum. "Der Eissturmvogel als Indikator für die Plastikmüllbelastung der Nordsee" – so heißt sein Forschungsprojekt. Guse und seine Kollegen arbeiten mit niederländischen Wissenschaftlern zusammen, die bereits Langzeitdaten ermittelt haben. Das Ergebnis: 97 Prozent aller Eissturmvögel in der Nordsee haben Plastikmüll im Magen. Der durchschnittliche Mageninhalt enthält 30 Partikel.

"Das ist die Hinterlassenschaft des Homo sapiens", sagt Nils Guse. "Wir leben im Plastozän."

Plastik ist das umgangssprachliche Wort für Kunststoff, in der Regel wird es aus Rohöl hergestellt. Bakelit war 1907 der erste industriell gefertigte Kunststoff. Es folgten Nylon, Zelluloid, Cellophan, Resopal, Polyester, Styropor. Richtig in Fahrt kam die Kunsstoffproduktion nach dem Zweiten Weltkrieg. Nach Angaben der Industrie wurden im Jahr 1950 weltweit eine Million Tonnen Plastik fabriziert, heute sind es rund 300 Millionen Tonnen im Jahr.

Wir leben längst in einer Plastikwelt. In unseren Häusern sorgen Dämmstoffe, Fensterrahmen und Bodenbeläge aus Plastik für warme Räume. In unseren Autos senken Stoßdämpfer, Armaturentafeln und Motorabdeckungen aus Kunststoff das Gewicht. In unseren Supermärkten halten Verpackungen aus Plastik die Ware frisch. Aus Plastik werden Tennisschläger, Laufschuhe, Yogamatten und Fußbälle gefertigt, Kugelschreiber, Schreibtischlampen, Couchtische und Gartenstühle, Gehhilfen, Hüftgelenke und Armprothesen. Plastik steckt in Smartphones, Kühlschränken und Flachbildschirmen, in Kaffeemaschinen, Fotoapparaten und Lautsprecherboxen. Plastik ist, irgendwie, in fast allem. Auch im Meer.

Ende der neunziger Jahre durchquerte der amerikanische Segler und Meeresforscher Charles J. Moore den Nordpazifik und entdeckte eine Art schwimmende Mülldeponie, so groß wie Mitteleuropa, eine riesige Ansammlung von Plastikteilen, die unentwegt zwischen Asien und Nordamerika im Kreis herumtreibt, in Gang gehalten von Wind und Erdrotation. Später fanden Wissenschaftler weitere solcher Müllstrudel – im Atlantik, im Südpazifik, im Indischen Ozean.

Der Müll im Meer – das war eine gruselige Geschichte, erzählt in Ausstellungen, Dokumentarfilmen und Zeitungsreportagen. Doch es schien auch eine Geschichte zu sein, die sich weit entfernt von Europa abspielte, vor den Küsten der Dritten Welt.


Inzwischen aber taucht auch in der Deutschen Bucht immer mehr Müll auf. Schätzungen zufolge enthält die Nordsee mittlerweile 700.000 Kubikmeter Plastikmüll.

Die Müllstrudel im Pazifik entstanden, weil die Anrainerstaaten seit Jahrzehnten ihren Abfall ins Meer werfen. Allein die neue Wirtschaftsmacht China entsorgt jedes Jahr zwischen 1,3 und 3,5 Millionen Tonnen Kunststoff im Pazifik, wie kürzlich eine Gruppe von Wissenschaftlern in der Zeitschrift Science berichtete. Zweitgrößter Verursacher von Plastikmüll ist Indonesien, gefolgt von den Philippinen, Vietnam und Sri Lanka. In all diesen Ländern werden mehr als 80 Prozent des gesamten Abfalls "falsch gehandhabt", wie die Forscher es ausdrücken. Soll heißen: Der Müll wird direkt ins Meer gekippt oder auf Deponien gelagert, von wo der Wind die Plastiktüten und Plastikfetzen in Flüsse oder gleich ins Meer weht.

Eine PET-Flasche zerfällt erst in 450 Jahren

Deutschland verhält sich im Vergleich dazu sehr viel umweltbewusster. Im Land des Grünen Punkts und des Gelben Sacks landet heute kaum noch Abfall auf Deponien. Fast der gesamte Plastikmüll wird eingeschmolzen und neu verarbeitet oder mit dem Restmüll verbrannt. Auch die meisten übrigen Anrainerstaaten der Nordsee wie die Niederlande, Dänemark und Schweden verbrennen den Großteil ihres Kunststoffmülls.

Wie also kommt all das Plastik in die Nordsee?

Eine erste Antwort führt in die Vergangenheit. Ein Grund, weshalb Kunststoffe heute vielerorts Holz, Leder und Metalle ersetzt haben, ist ihre Haltbarkeit. Plastik vermodert nicht, es verrottet nicht, es zerfällt nicht, oder jedenfalls nur sehr, sehr langsam.

Die Plastikteilchen, die der Biologe Nils Guse in den Mägen der toten Eissturmvögel findet, sind oft Jahrzehnte alt, sie mögen irgendwann als Einwegfeuerzeug oder Frischhaltefolie in die Welt gekommen sein, vielleicht lange bevor in Deutschland irgendjemand von Plastikrecycling sprach. Eine Einkaufstüte schwimmt 10 bis 20 Jahre lang im Meer, bis sie vollständig zerrieben ist, ein Styroporbecher braucht 50 Jahre, um zu zerbröseln. Eine PET-Flasche zerfällt erst innerhalb von 450 Jahren, eine Angelschnur in 600 Jahren. Das jedenfalls haben Schätzungen ergeben, es dauert ja noch mehr als 400 Jahre, bis die erste PET-Flasche ihren möglichen Zerfallszeitpunkt erreicht hat. Selbst wenn einige EU-Staaten, wie derzeit diskutiert, Plastiktüten stärker besteuern oder sogar verbieten sollten, werden noch auf Jahre hinaus unzählige Tüten im Meer herumschwimmen.

Welchen Schaden das zähe Altplastik anrichtet, lässt sich auf Helgoland besichtigen. Jedes Frühjahr kommen Meeresvögel wie Basstölpel, Eissturmvögel und Lummen, die ansonsten nur auf hoher See leben, auf die Insel, um zu brüten. Bis zu 20.000 Vögel sitzen dann auf dem berühmten roten Lummenfelsen aus Buntsandstein oder nebenan auf der Langen Anna, einer frei stehenden Felsnadel. Sie bauen sich Nester aus Seetang und Algen. Doch seit einigen Jahren haben immer mehr Nester auf Helgoland ungewöhnliche Farben. Schon von Weitem leuchten sie rot, grün, gelb, blau. Was die Vögel für Tang und Algen halten, sind in Wahrheit Plastikfetzen und Kunststofffäden, die schwer reißen. Verfängt sich ein Vogel darin, verendet er.

Eine Rettung der Vögel scheitert an dem porösen Buntsandstein. Zu groß ist die Gefahr, dass Kletterer abstürzen. So erreicht kein Helfer die Tiere, und die Vogelkadaver hängen oft jahrelang in den Netzen.

Im Frühjahr und Sommer kommen viele Touristen nach Helgoland. Der Biologe Guse, der nicht nur in Büsum, sondern auch auf der Insel arbeitet, sagt, mancher Besucher erleide einen regelrechten Schock, wenn er sehe, wie sich die Vögel selbst strangulieren. Auch frisch geschlüpfte Küken verheddern sich immer wieder. Die Jungvögel machen ihre ersten Flugversuche, verfangen sich in den Fäden und verenden. Viele Meeresvögel aber brüten nur ein einziges Küken im Jahr aus. Stirbt es, entfällt der Nachwuchs für ein ganzes Jahr.

Der Müll in der Nordsee habe inzwischen zu "Verlusten in der Biodiversität" geführt, konstatiert das Umweltbundesamt, das heißt zu einer Verringerung der Artenvielfalt. Es sind nicht nur Vögel, denen das Plastik zum Verhängnis wird, sondern auch Seehunde, Kegelrobben, Schweinswale und zahlreiche Fischarten.

Ende der fünfziger Jahre, als die globale Plastikproduktion massiv zu steigen begann, setzte der Siegeszug einer weiteren menschlichen Erfindung ein, des Schiffscontainers. Der ist aus Metall, nicht aus Kunststoff, trotzdem hat er viel mit dem Plastikmüll im Meer zu tun.

Der Container erleichterte den Warentransport und senkte die Frachtpreise. Er sorgte dafür, dass die Welt von heute nicht nur eine Plastikwelt, sondern auch eine Transportwelt ist. Fotokameras, Spielzeug und T-Shirts werden aus Japan, China und Bangladesch über die Weltmeere nach Deutschland verschifft. Der globale Seeverkehr hat sich in den vergangenen Jahren vervielfacht – und damit auch der Kunststoffabfall. Denn so wie es für Unternehmen günstiger ist, Flachbildschirme aus Asien nach Deutschland zu verfrachten, als sie in Deutschland zu produzieren, so ist es für Schiffsbesatzungen günstiger, ihren Müll ins Meer zu werfen, als ihn auf dem Festland zu entsorgen.

Und so wie es aus Sicht des einzelnen Kapitäns keinen großen Schaden anrichten kann, wenn ein zusätzlicher alter Plastikkanister in diese riesige Wassermasse fällt, wächst doch die inzwischen ebenfalls riesige Masse an Müll immer weiter, wenn sehr viele Schiffe mit sehr vielen Kapitänen unterwegs sind, die so denken.

Die Nordsee mit ihren Großhäfen in Rotterdam und Hamburg ist heute eines der meistbefahrenen Meere der Welt. Es ist daher keine Überraschung, dass das Umweltbundesamt zu dem Ergebnis kommt, ein Großteil des Mülls, der an deutschen Nordseestränden gefunden wird, stamme "sehr wahrscheinlich aus der Schifffahrt". Eine Wissenschaftlerin der Universität Hamburg fand heraus, dass dort, wo besonders viele Schiffe fahren, auch besonders viel Müll im Wasser treibt.

Vor einigen Jahren hat das Nationalparkamt Schleswig-Holsteinisches Wattenmeer mit einem sogenannten Spülsaum-Monitoring an der Nordseeküste begonnen. Mitarbeiter des Amts erfassen, was die Wellen ans Ufer spülen. Auch an den Küsten anderer Nordsee-Anrainerstaaten sind regelmäßig Müllsucher unterwegs. Im Durchschnitt finden sich je 100 Meter Strand 712 Müllteile, von großen, sperrigen wie Bierkästen über Flip-Flops und Zahnbürsten bis hin zu winzigen Plastikteilchen, die mit bloßem Auge kaum zu erkennen sind.

Man kann nicht behaupten, dass der Welt die Verschmutzung der Meere gleichgültig wäre. Schon 1983 trat das "Internationale Übereinkommen zur Verhütung der Meeresverschmutzung durch Schiffe" in Kraft, das sogenannte Marpol-Abkommen. Die meisten Staaten der Erde haben es unterzeichnet, auch große Müllverursacher wie China, Indonesien und die Philippinen.

Das Abkommen wurde mehrfach erweitert, die Nordsee ist heute als belastetes "Sondergebiet" ausgewiesen, ebenso wie zum Beispiel das Mittelmeer und die Karibik. In diese Meere darf mittlerweile keinerlei Müll mehr entsorgt werden – außer unbehandelten Lebensmittelabfällen, und auch dies nur mit einem Mindestabstand zur Küste von zwölf Seemeilen. Der Müll aus den Schiffen muss an Land gebracht werden – das ist die Wirklichkeit, wie die Völkergemeinschaft sie sich vorstellt.

Doch die Zahl von 712 Müllteilen je 100 Meter Nordseeküste hat sich trotz des Verbots nicht verringert. Sowohl das Marpol-Abkommen als auch weitere Vorschriften, etwa zur Entsorgung von Schiffsmüll in den Häfen, "haben bisher zu keiner Reduktion des an der Küste angeschwemmten Mülls geführt", kritisiert das Umweltbundesamt. Zwischen der Regel und der Realität klafft eine große Lücke.

Strandspaziergang auf Mikroplastik

Ein Mittwochmorgen im Hamburger Hafen. Im Kommissariat 2 der Wasserschutzpolizei, einem zweigeschossigen Bürocontainer, gehen zwei Beamte die Liste der Schiffe durch, die am Tag zuvor eingelaufen sind. Die Wasserschutzpolizei ist gewissermaßen der Exekutor des Marpol-Abkommens vor Ort. Jeden Tag wählt sie ein Schiff aus, das sie kontrolliert. Macht 365 Schiffe im Jahr – von knapp 10.000 Schiffen, die den Hamburger Hafen jedes Jahr anlaufen.

An diesem Tag entscheiden sich die beiden Beamten für einen Bananenfrachter, der unter der Flagge der Bahamas fährt. Vor zwei Monaten hat er den Hafen Puerto Bolivar in Ecuador verlassen. Als die Polizisten die schmale, steile Gangway nach oben steigen, laden die philippinischen Seeleute gerade Bananenkisten aus. Oben führt der Erste Offizier, ein junger Pole, den Beamten die Abfallbehälter vor: Hausmüll, Plastikmüll, Lebensmittelabfälle. Saubere Mülltrennung, wie in einer deutschen Reihenhaussiedlung. Aber wer weiß, ob wirklich der gesamte Müll in den Behältern gelandet ist? Wer weiß, was auf den rund 9600 Schiffen im Hamburger Hafen geschieht, die nicht von der Polizei kontrolliert werden?

Die Beamten auf dem Bananenfrachter blättern im sogenannten Müllbehandlungsplan, in dem die Schiffsbesatzung dokumentieren soll, welchen Abfall sie auf welche Weise entsorgt hat. Die Zahlen wirken verdächtig. Die Polizisten vermuten, dass die Seeleute auf dem Schiff unerlaubterweise Müll verbrannt haben, um sich die Entsorgung im Hafen zu sparen. Sie verhängen ein Bußgeld von 35 Euro, was der Erste Offizier ohne Zögern akzeptiert. Die Polizisten stellen eine Quittung aus, dann gehen sie von Bord. Kontrolle beendet.

140 Kilometer weiter nördlich, an der Küste des Seebads St. Peter-Ording, steht Johannes Mahnsen, der Chef der Strandreinigung, und lässt den Blick über die Wellen schweifen. Schiffskontrollen? Da kann er nur lachen! "Hier wird alles angeschwemmt", sagt er. "Die Seeleute kippen alles über Bord, was sie loswerden wollen." Neulich erst lag wieder ein Fernsehapparat am Strand.

Wenn der Nord-Ostsee-Kanal gesperrt ist, zum Beispiel weil eine Schleuse nicht mehr funktioniert, merken sie das hier sofort. Dann kommen mehr Schiffe als sonst an der Küste vorbei, und es wird mehr Müll angespült.

Den Übernachtungszahlen nach ist St. Peter-Ording das beliebteste Seebad Schleswig-Holsteins. Sein wertvollstes Gut ist der Strand, angeblich der größte an der ganzen Nordsee – "fünfmal so breit wie die Pariser Champs-Élysées, knapp viermal so lang wie der Ku’damm in Berlin", wirbt der Ort. Drei Viertel der Gäste kommen wegen dieses Strands, sagt die Tourismus-Chefin. Wegen des Sandstrands, nicht wegen des Plastikstrands.

Jeden Morgen, bevor die Urlauber sich in ihre Strandkörbe setzen und ihre Handtücher auf dem Sand ausbreiten, sammeln die Männer von der Strandreinigung den neu angeschwemmten Müll ein. Vor Kurzem hat die Strandreinigung eine spezielle Maschine angeschafft. 70.000 Euro hat der Beach Tech 2000 gekostet, er sieht ein wenig aus wie eine Erntemaschine, nur dass er nicht Kartoffeln aus dem Boden holt, sondern Müll. Johannes Mahnsen sieht dem Traktor hinterher, der das hellblaue Gefährt über den Strand zieht. 22.000 Quadratmeter Sand reinigt der Beach Tech 2000 laut Hersteller pro Stunde, auch kleine, nur zentimetergroße Plastiksplitter sortiert er aus.

Zweimal im Jahr, am "Strandreinigungs-Aktionstag", gehen in St. Peter-Ording zusätzlich die Einheimischen gemeinsam mit Urlaubern los und suchen nach weiterem Müll. Sie finden genug. Beim letzten Mal trugen sie 1260 Kubikmeter Abfall zusammen, das entspricht etwa dem Volumen von 36 Standard-Schiffscontainern – voll mit Plastikteilen, Styroporresten, Tetrapaks, Blechdosen, Schuhen, Glasflaschen und Fischernetzen. Diesmal war auch ein Unterkiefergebiss dabei.

Danach war der Strand wieder sauber.

Oder zumindest sah er so aus.

Johannes Mahnsen schaut nach unten, auf den Boden zu seinen Füßen. Kein Müll ist zu sehen, da sind nur winzige Sandkörnchen, weiß, silbrig, beige, grün. Grün? Ja, grün. Bei genauem Hinschauen erkennt man auch blaue und rote Partikel, das kann kein Sand sein.

"Mikroplastik", sagt Mahnsen.

Unter diesen Begriff fallen alle Kunststoffstücke, die kleiner sind als fünf Millimeter. Winzige Teilchen. Vom Wasser herangetragen, bleiben sie liegen und vermischen sich mit dem Sand. Oft ist das Mikroplastik mit bloßem Auge kaum zu erkennen.

Überall an der Nordsee werden die Urlauber auch in diesem Sommer wieder über die weiten, weißen Strände laufen. Sie werden die Körnchen unter ihren Füßen und zwischen ihren Zehen fühlen, sie werden kaum ahnen, dass es nicht nur Sand ist, was sie da spüren.

Die Kunststoffteilchen sind das, was vom Plastik übrig blieb. Zerborstene Benzinkanister und zerbrochene Getränkeflaschen, zersplitterte Kugelschreiber und zerrissene Fischernetze. Die Sonnenstrahlen machen die Kunststoffteile spröde, die Sandkörner zerreiben sie, die Wellen schleifen sie glatt, aber auch dann sind sie nicht verschwunden, es bleibt das Mikroplastik übrig.

Mikroplastik aus Kunstfasern und Pflegeprodukten

Inzwischen haben Wissenschaftler neben dem zerbröselten Altplastik noch weitere Quellen für die winzigen Partikel gefunden. Das Mikroplastik stammt nicht nur aus der Vergangenheit, es kommt auch aus der Gegenwart, zum Beispiel aus einer Einkaufspassage in der Kölner Innenstadt, wo in orangeroten Buchstaben der Schriftzug "Globetrotter" an einer alten Fassade hängt.

Es gibt in diesem Geschäft ein großes Wasserbecken, in dem man die neuesten Kajaks und Taucheranzüge ausprobieren kann. In einer Kältekammer mit schweren Eisquadern testen Kunden bei minus 20 Grad, wie gut Daunenjacken und Thermohosen isolieren. An einer künstlichen Felswand probiert eine junge Frau verschiedene Kletterschuhe aus.

Vier Stockwerke, 7000 Quadratmeter Verkaufsfläche: Die Kölner Niederlassung von Globetrotter nennt sich "Erlebnisfiliale", sie ist nach Angaben des Unternehmens "der größte Outdoor-Store Europas".

Globetrotter ist eine Kaufhauskette für Wanderer, Bergsteiger, Kletterer, Radfahrer, Paddler. Für Menschen, die gerne draußen sind und die Natur lieben. Es ist nur so, dass Plastik die Natur ein wenig angenehmer macht.

Alexander Szameitat ist stellvertretender Leiter der Kölner Globetrotter-Filiale. Er sagt, seit Hape Kerkelings Bestseller Ich bin dann mal weg sei Pilgern "der große Renner". Nicht so sehr als spirituelles Erlebnis, sondern "als Slow-Travel-Sport". Früher waren Pilger zufrieden mit Hosen und Pullovern aus Baumwolle und Wolle, heute tragen sie Fleecejacken und Fleecepullover aus Polyester, denn die sind langlebig, warm und trotzdem leicht. Auch die Wanderhosen sind heute aus Kunstfasern, genau wie die T-Shirts, die Unterhemden, die Halstücher. Die Kleidung müsse schnell trocknen und pflegeleicht sein, sagt Szameitat. "Kunstfasern sind in diesen Punkten Baumwolle überlegen." Dank Plastik wird Slow Travelling zum Easy Travelling.

Szameitat nimmt eine Alpinjacke für Bergsteiger vom Kleiderständer. Sie besteht aus drei Kunststoffschichten: außen Polyamid, in der Mitte eine Membran aus wasserdichtem Goretex, innen Polyester. Wasserdicht, leicht, atmungsaktiv. Wenn sie schmutzig ist, stopft man sie – wie die Kleidungsstücke aus Baumwolle – in die Waschmaschine.

Und genau da beginnt das Problem. Jedes Mal, wenn eine Jacke, eine Hose, ein T-Shirt aus Kunstfasern gewaschen wird, werden ein paar Fussel abgerieben, winzige Teilchen von Plastikfäden. Nach einer Studie von Wissenschaftlern mehrerer angelsächsischer Universitäten verliert ein Kleidungsstück aus Kunstfasern bei einem einzigen Waschgang bis zu 1900 Fasern. Die Partikel fließen mit dem Abwasser in die Kanalisation und von dort in die Flüsse. Die Klärwerke halten nur einen Teil von ihnen auf, wie eine Untersuchung des Alfred-Wegener-Instituts in Bremerhaven ergab. Die Wissenschaftler des Instituts beschäftigen sich mit Polar- und Meeresforschung. Sie kamen zu dem Schluss: Die Partikel sind zu klein. Die Flüsse tragen sie ins Meer.

Auch Wollpullover und Baumwollhemden verlieren Fasern, nur sind diese biologisch abbaubar. Die Kunststofffasern aber bleiben, auch wenn sie niemand sieht.

Längst sind nicht nur Sporthemden, Outdoorjacken und Badehosen aus Kunstfasern. In Jeans und T-Shirts aus Baumwolle wird heute oftmals Elastan eingearbeitet, das lässt sie enger am Körper anliegen. Viskose sorgt dafür, dass Sommerkleider fließend fallen. Polyacryl macht Jacken wasserdicht. Selbst Pullover aus Wolle enthalten oft zusätzlich Polyester, so bleiben sie besser in Form.

Nicht weit von der Kölner Globetrotter-Filiale steht eine Drogerie, wie es sie in jeder deutschen Fußgängerzone, in jeder Innenstadt gibt. Die Regale sind voll mit Shampoos, Puder, Gesichtsreiniger, Lidschatten, Lippenstiften, Bodylotions, Duschgels und Sonnencremes. Alles Produkte, die nicht nur in Plastik verpackt sind, sondern oft auch Plastik enthalten.

Da ist der Lipgloss Perfect Stay 8h von Astor, von dem Heidi Klum in der Werbung sagt: "Ich kann nicht glauben, wie lange er hält, ohne erneut aufgetragen werden zu müssen."

Da ist das Shampoo Elvital Total Repair von L’Oréal mit einer "Formel mit Ceramid und Pro-Keratin".

Da ist die "Mango Mambo Dusche" von Balea, der Hausmarke der Drogeriemarktkette dm, auf der gelben Packung steht: "Mit exotischem Mango-Duft".

Von Mikroplastik, von winzigen Kunststoffkügelchen steht nichts auf den Packungen, den Internetseiten und Werbeplakaten. Dabei sind sie seit Jahren wichtiger Bestandteil von Kosmetik- und Pflegeprodukten. In Gesichts- und Körperpeelings dienen die Plastikpartikel als Schleifmittel der Entfernung von toten Hautzellen und überschüssigem Talg. Die Hersteller von Shampoos benutzen sie als Filmbildner, in Gesichtscremes fungieren sie als Bindemittel. Die Kunden schmieren sich das Plastik auf die Haut, sie waschen es ab, so gelangen die winzigen Partikel ins Abwasser.

Der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) hat einen Einkaufsratgeber veröffentlicht, in dem er Kosmetika aufzählt, die Mikroplastik enthalten. 643 Produkte stehen auf der Liste und fast alle bekannten Markennamen: Avon, Balea, Clinique, Garnier, L’Oréal, Nivea, Shiseido, The Body Shop, Vichy, Yves Rocher.

Der Ratgeber wurde schon über 400.000-mal aus dem Internet heruntergeladen, sagt Nadja Ziebarth, die Meeresschutz-Beauftragte des BUND. Viele Menschen hätten weitere Kosmetikprodukte mit Mikroplastik gemeldet.

Der öffentliche Pranger hat inzwischen Wirkung gezeigt. Die Zahnpasta-Produzenten setzten mittlerweile keine Plastikkügelchen mehr ein, sagt Nadja Ziebarth. Ihr sei keine Zahnpasta bekannt, die noch Mikropartikel enthalte.

Auch eine Reihe von bisher mikroplastikhaltigen Kosmetikprodukten sollen bald ohne diese Stoffe auskommen. Von der Ankündigung der Hersteller bis zur Umsetzung dauert es mitunter allerdings eine Weile. Die Leiterin der PR-Abteilung von Yves Rocher etwa sagt, man habe "bereits im Frühjahr 2014 entschieden, die Verwendung von Mikroplastik in unseren Peeling-Produkten einzustellen".

Die "Weihnachts-Edition" 2014 von Yves Rocher jedoch, so hat Nadja Ziebarth vom BUND bei Kontrollkäufen festgestellt, enthielt immer noch Mikroplastik.

Schon vor etwas mehr als zehn Jahren bemerkte der britische Meeresbiologe Richard Thompson von der Universität Plymouth in Südwestengland, dass immer mehr Kleinstplastik durch die Meere trieb. Thompson verglich alte und neue Wasserproben aus dem Nordatlantik und stellte fest: Die Menge des Mikroplastiks im Meer hatte sich verdreifacht. Dann sah er sich die Entwicklung der weltweiten Kunststoffproduktion an und stellte fest: Sie war ähnlich stark gestiegen.

Was richten die Fremdkörper aus dem Meer im Menschen an

Inzwischen entdecken Forscher die Mikropartikel in allen Weltmeeren. Mancherorts finden die Wissenschaftler bis zu 1770 Plastikpartikelchen in einem Liter Wasser.

Kleine Würmer, Krebse, Schnecken, Meerasseln, sie alle schlucken die Teilchen – Tiere, die dann wiederum von Fischen gefressen werden. So gelangt der Kunststoff in die Nahrungskette. Im Kot von Seehunden, Kegelrobben und Schweinswalen, in den Därmen von Dorschen und Makrelen, in den Körpern von Miesmuscheln und Strandkrabben – überall haben Wissenschaftler das Mikroplastik schon nachgewiesen.

Wie gefährlich können die winzigen Partikel einem Lebewesen werden? Darüber ist noch sehr wenig bekannt. "Wir stehen ganz am Anfang der Erkenntnis", sagt der Biologe Lars Gutow vom Alfred-Wegener-Institut in Bremerhaven. Gutow hat im vergangenen Jahr an einer Studie mitgearbeitet, die herausfinden sollte, wie Meerasseln der Gattung Idotea emarginata auf das Mikroplastik reagieren. Die Forscher zerbröselten Kunststoffgranulat, zerschnitten Fäden aus Polyacryl und vermischten die winzigen Stückchen mit Algenfutter, das die Asseln zu fressen bekamen. Das Ergebnis: Die Konzentration des Plastiks in den Ausscheidungen war genauso hoch wie im Futter, die Asseln haben alle Partikel wieder ausgeschieden. In der Verdauungsdrüse der Tiere, wo die Aufnahme von Nährstoffen stattfindet, war kein Mikroplastik nachzuweisen. Wachstum und Lebensdauer der Tiere änderten sich nicht.

Kann man also Entwarnung geben? Keineswegs. Denn in einer anderen Studie fand eine von Gutows Kolleginnen am Alfred-Wegener-Institut heraus, dass zum Beispiel Miesmuscheln die Plastikpartikel nicht einfach wieder ausscheiden. Sie lagern sie, anders als die Asseln, im Körper ein, wo sie Entzündungen auslösen. Offenbar reagieren verschiedene Organismen sehr unterschiedlich auf die Fremdstoffe aus dem Meerwasser.

Die Frage ist, was sie im Menschen anrichten. Der Mensch bringt das Plastik in die Welt, als nützliches, praktisches Produkt, über die Nahrungskette kommt es in winziger Form, ohne dass er es merkt, zu ihm zurück.

Und manchmal bringt es noch etwas mit.

Denn die Plastikpartikel, auch dies haben Wissenschaftler herausgefunden, haben eine bemerkenswerte Eigenschaft: Sie reichern sich im Wasser mit dort vorhandenen Schadstoffen an, die an ihnen haften bleiben wie Kleber. An Kunststoffteilchen gefunden wurden etwa Gifte wie Dichlordiphenyltrichlorethan (DDT) sowie Polychlorierte Biphenyle (PCB) und Polycyclische aromatische Kohlenwasserstoffe (PAK), allesamt krebserregend. Wird das Mikroplastik von Meerestieren aufgenommen, gelangen nicht nur die Kunststoffkrümel in die Nahrungskette, sondern auch diese Schadstoffe.

"Unser Leben wäre heute ohne Plastik nicht mehr vorstellbar, unser Lebensstandard, unsere Sicherheit", sagt der Biologe Lars Gutow vom Alfred-Wegener-Institut. "Wir haben ein riesiges Naturexperiment gestartet." Es ist das Experiment des Plastozäns.