Inzwischen haben Wissenschaftler neben dem zerbröselten Altplastik noch weitere Quellen für die winzigen Partikel gefunden. Das Mikroplastik stammt nicht nur aus der Vergangenheit, es kommt auch aus der Gegenwart, zum Beispiel aus einer Einkaufspassage in der Kölner Innenstadt, wo in orangeroten Buchstaben der Schriftzug "Globetrotter" an einer alten Fassade hängt.

Es gibt in diesem Geschäft ein großes Wasserbecken, in dem man die neuesten Kajaks und Taucheranzüge ausprobieren kann. In einer Kältekammer mit schweren Eisquadern testen Kunden bei minus 20 Grad, wie gut Daunenjacken und Thermohosen isolieren. An einer künstlichen Felswand probiert eine junge Frau verschiedene Kletterschuhe aus.

Vier Stockwerke, 7000 Quadratmeter Verkaufsfläche: Die Kölner Niederlassung von Globetrotter nennt sich "Erlebnisfiliale", sie ist nach Angaben des Unternehmens "der größte Outdoor-Store Europas".

Globetrotter ist eine Kaufhauskette für Wanderer, Bergsteiger, Kletterer, Radfahrer, Paddler. Für Menschen, die gerne draußen sind und die Natur lieben. Es ist nur so, dass Plastik die Natur ein wenig angenehmer macht.

Alexander Szameitat ist stellvertretender Leiter der Kölner Globetrotter-Filiale. Er sagt, seit Hape Kerkelings Bestseller Ich bin dann mal weg sei Pilgern "der große Renner". Nicht so sehr als spirituelles Erlebnis, sondern "als Slow-Travel-Sport". Früher waren Pilger zufrieden mit Hosen und Pullovern aus Baumwolle und Wolle, heute tragen sie Fleecejacken und Fleecepullover aus Polyester, denn die sind langlebig, warm und trotzdem leicht. Auch die Wanderhosen sind heute aus Kunstfasern, genau wie die T-Shirts, die Unterhemden, die Halstücher. Die Kleidung müsse schnell trocknen und pflegeleicht sein, sagt Szameitat. "Kunstfasern sind in diesen Punkten Baumwolle überlegen." Dank Plastik wird Slow Travelling zum Easy Travelling.

Szameitat nimmt eine Alpinjacke für Bergsteiger vom Kleiderständer. Sie besteht aus drei Kunststoffschichten: außen Polyamid, in der Mitte eine Membran aus wasserdichtem Goretex, innen Polyester. Wasserdicht, leicht, atmungsaktiv. Wenn sie schmutzig ist, stopft man sie – wie die Kleidungsstücke aus Baumwolle – in die Waschmaschine.

Und genau da beginnt das Problem. Jedes Mal, wenn eine Jacke, eine Hose, ein T-Shirt aus Kunstfasern gewaschen wird, werden ein paar Fussel abgerieben, winzige Teilchen von Plastikfäden. Nach einer Studie von Wissenschaftlern mehrerer angelsächsischer Universitäten verliert ein Kleidungsstück aus Kunstfasern bei einem einzigen Waschgang bis zu 1900 Fasern. Die Partikel fließen mit dem Abwasser in die Kanalisation und von dort in die Flüsse. Die Klärwerke halten nur einen Teil von ihnen auf, wie eine Untersuchung des Alfred-Wegener-Instituts in Bremerhaven ergab. Die Wissenschaftler des Instituts beschäftigen sich mit Polar- und Meeresforschung. Sie kamen zu dem Schluss: Die Partikel sind zu klein. Die Flüsse tragen sie ins Meer.

Auch Wollpullover und Baumwollhemden verlieren Fasern, nur sind diese biologisch abbaubar. Die Kunststofffasern aber bleiben, auch wenn sie niemand sieht.

Längst sind nicht nur Sporthemden, Outdoorjacken und Badehosen aus Kunstfasern. In Jeans und T-Shirts aus Baumwolle wird heute oftmals Elastan eingearbeitet, das lässt sie enger am Körper anliegen. Viskose sorgt dafür, dass Sommerkleider fließend fallen. Polyacryl macht Jacken wasserdicht. Selbst Pullover aus Wolle enthalten oft zusätzlich Polyester, so bleiben sie besser in Form.

Nicht weit von der Kölner Globetrotter-Filiale steht eine Drogerie, wie es sie in jeder deutschen Fußgängerzone, in jeder Innenstadt gibt. Die Regale sind voll mit Shampoos, Puder, Gesichtsreiniger, Lidschatten, Lippenstiften, Bodylotions, Duschgels und Sonnencremes. Alles Produkte, die nicht nur in Plastik verpackt sind, sondern oft auch Plastik enthalten.

Da ist der Lipgloss Perfect Stay 8h von Astor, von dem Heidi Klum in der Werbung sagt: "Ich kann nicht glauben, wie lange er hält, ohne erneut aufgetragen werden zu müssen."

Da ist das Shampoo Elvital Total Repair von L’Oréal mit einer "Formel mit Ceramid und Pro-Keratin".

Da ist die "Mango Mambo Dusche" von Balea, der Hausmarke der Drogeriemarktkette dm, auf der gelben Packung steht: "Mit exotischem Mango-Duft".

Von Mikroplastik, von winzigen Kunststoffkügelchen steht nichts auf den Packungen, den Internetseiten und Werbeplakaten. Dabei sind sie seit Jahren wichtiger Bestandteil von Kosmetik- und Pflegeprodukten. In Gesichts- und Körperpeelings dienen die Plastikpartikel als Schleifmittel der Entfernung von toten Hautzellen und überschüssigem Talg. Die Hersteller von Shampoos benutzen sie als Filmbildner, in Gesichtscremes fungieren sie als Bindemittel. Die Kunden schmieren sich das Plastik auf die Haut, sie waschen es ab, so gelangen die winzigen Partikel ins Abwasser.

Der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) hat einen Einkaufsratgeber veröffentlicht, in dem er Kosmetika aufzählt, die Mikroplastik enthalten. 643 Produkte stehen auf der Liste und fast alle bekannten Markennamen: Avon, Balea, Clinique, Garnier, L’Oréal, Nivea, Shiseido, The Body Shop, Vichy, Yves Rocher.

Der Ratgeber wurde schon über 400.000-mal aus dem Internet heruntergeladen, sagt Nadja Ziebarth, die Meeresschutz-Beauftragte des BUND. Viele Menschen hätten weitere Kosmetikprodukte mit Mikroplastik gemeldet.

Der öffentliche Pranger hat inzwischen Wirkung gezeigt. Die Zahnpasta-Produzenten setzten mittlerweile keine Plastikkügelchen mehr ein, sagt Nadja Ziebarth. Ihr sei keine Zahnpasta bekannt, die noch Mikropartikel enthalte.

Auch eine Reihe von bisher mikroplastikhaltigen Kosmetikprodukten sollen bald ohne diese Stoffe auskommen. Von der Ankündigung der Hersteller bis zur Umsetzung dauert es mitunter allerdings eine Weile. Die Leiterin der PR-Abteilung von Yves Rocher etwa sagt, man habe "bereits im Frühjahr 2014 entschieden, die Verwendung von Mikroplastik in unseren Peeling-Produkten einzustellen".

Die "Weihnachts-Edition" 2014 von Yves Rocher jedoch, so hat Nadja Ziebarth vom BUND bei Kontrollkäufen festgestellt, enthielt immer noch Mikroplastik.

Schon vor etwas mehr als zehn Jahren bemerkte der britische Meeresbiologe Richard Thompson von der Universität Plymouth in Südwestengland, dass immer mehr Kleinstplastik durch die Meere trieb. Thompson verglich alte und neue Wasserproben aus dem Nordatlantik und stellte fest: Die Menge des Mikroplastiks im Meer hatte sich verdreifacht. Dann sah er sich die Entwicklung der weltweiten Kunststoffproduktion an und stellte fest: Sie war ähnlich stark gestiegen.