In der Tonlage kollektiver Gefühle erinnerten die nationalen Reaktionen auf die Ermordung von neun Afroamerikanern durch einen weißen Rassisten in einer Kirche, die zu den südlichen Gedenkorten der Kämpfe um die Selbstbefreiung der Sklaven und um die Bürgerrechte gehört, an die Zeit des 11. September 2001. Nach der ersten Wut und Sprachlosigkeit in den Situationen des Alltags verbreitete sich, von Charleston, South Carolina ausgehend, eine verschiedene Religionen, soziale Klassen und ethnische Gruppen vereinigende Stimmung der Solidarität im Schmerz. "Die Rassen kommen in ihrer Trauer über die neun Opfer zusammen", titelte die New York Times am 19. Juni, und Präsident Obama fand ungewohnt klare Worte, als er dem Podcast WTF sagte: "Wir sind vom Rassismus nicht geheilt." Und "es geht nicht nur darum, dass es unhöflich ist, in der Öffentlichkeit 'Nigger' zu sagen".

Ob man den Täter nun als "pathologisch verblendet" oder als "hasserfüllt und kaltblütig" klassifizieren will, er wirkt offenbar – auch und gerade in den Vereinigten Staaten – exzentrisch genug, um eine Einheit auszulösen, die bei den Verwandten der Opfer bis zu Impulsen christlicher Vergebung ging. Auf der anderen Seite wurden zum ersten Mal seit Langem wieder Stimmen hörbar, die auf ein bedingungsloses Verbot der Südstaatenflagge aus dem Bürgerkrieg drängen, der Flagge jener Bundesstaaten, welche im 19 Jahrhundert für die Erhaltung der Sklaverei gekämpft hatten und mit der sich der Charleston-Attentäter im Netz gezeigt hat. Noch in dieser verspäteten Unduldsamkeit gegenüber der sichtbaren Konzession an eine rassistische Minderheit manifestiert sich ein von den Morden ausgelöster Wille zu einer entschlossen anderen Zukunft. Die Gemütslage der Nation nach dem Massaker von Charleston steht jedenfalls in drastischem Gegensatz zu der Verzweiflung, aber auch zu der Verwirrung, welche während des vergangenen Jahres die Todesserie junger schwarzer Männer in der Konfrontation mit und im Gewahrsam der Polizei ausgelöst hatte.

Am hilflosesten wirkten die Reaktionen der afroamerikanischen Elite auf den gewaltsamen Tod von Michael Brown in Ferguson und von Freddie Gray in Baltimore – was wohl kein Zufall war. Allen voran sprach Barack Obama, den ich für einen guten Präsidenten halte, von "einer sich langsam entwickelnden Krise" (als ob Naturkräfte am Werk gewesen seien) und von der Notwendigkeit einer "tiefen Gewissenserforschung" der Nation und ihrer Polizei (als ob gute moralische Absichten schon zur Lösung eines sozialen Problems führen könnten, das sich seit Jahrzehnten immer nur verschärft hat). Stephanie Rawlings-Blake, die Bürgermeisterin von Baltimore, entschuldigte sich bei jeder Gelegenheit für ihren Gebrauch des rassistisch konnotierten Worts thug ("Halbstarker", heute ausschließlich auf Afroamerikaner angewandt) im Blick auf die über mehrere Tage sich hinstreckenden, bedrohlichen Protestaktionen in ihrer Stadt und versprach außerdem, dass sie sich nach Kräften bemühen werde, es nun allen recht zu machen. Schließlich berichtete ihr Polizeichef eher lakonisch, dass er sich "in eine ferne gesellschaftliche Vergangenheit zurückversetzt gefühlt" habe, als er vor wenigen Jahren sein Amt in Baltimore übernahm.

Eine neue Schicht afroamerikanischer Aufsteiger ist entstanden

Längst existiert in den Vereinigten Staaten eine gehobene Mittelschicht von Afroamerikanern, die beim Ausbrechen solcher Konflikte nicht nur Besitz und Ämter zu verlieren haben, sondern auch die oft stark aufgetragene Sympathie der traditionellen Eliten und das eigene gute Gewissen, mit dem sie gerne von der Solidarität zu ihren schwarzen "Brüdern und Schwestern" reden. Deshalb geht die unter Intellektuellen weltweit beliebte "kritische" Bemerkung, dass "sich nichts verändert" habe seit der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung in den sechziger Jahren, gleich doppelt an den Tatsachen vorbei. Zum einen ist seither jene neue Gesellschaftsschicht als ein motivierender Horizont des sozialen Aufstiegs von Afroamerikanern entstanden, und auf der anderen Seite sehen fast alle Statistiken im Bezug auf die soziale Situation schwarzer Männer heute noch katastrophaler aus als früher. Die Zahlen verdichten sich zu dem berühmt-berüchtigten Befund, dass auf 100 afroamerikanische Frauen nur 87 afroamerikanische Männer kommen; die anderen 13 Prozent von ihnen sterben entweder eines gewaltsamen Todes oder sind in Haft. Aus dieser Lage entstehen alltägliche Reflexe. Man erkundigt sich bei den schwarzen Schulfreunden der eigenen Kinder höflich nach Mutter und Großmüttern – aber bloß selten nach dem Vater.

Der amerikanischen Gesellschaft weiterhin "Rassismus" vorzuwerfen hat also eine gewisse Berechtigung – und wirkt zugleich intern irritierend. Niemand kann die harten Fakten leugnen, denn die sogenannte color line hält sich entlang vielfacher Verwerfungen als eine in ihrer Permanenz nicht leicht zu erklärende Form des Rassismus. Andere Statistiken belegen allerdings, dass die soziale Mobilität in den Vereinigten Staaten bis heute besonders hoch geblieben ist. Derzeit setzt sie sich – nach langem Stocken – mit der Integration der spanischsprachigen Bevölkerungsgruppen fort. Europäische Belehrung im saturierten Ton guten Gewissens braucht Amerika nicht. Doch dass sich auf der anderen Seite die notwendige Unnachgiebigkeit in der Konzentration auf unsere brennenden nationalen Probleme nicht eingestellt hat, zeigt das sanfte Verebben des Schreckens über Ferguson und Baltimore.

Bis zum 17. Juni diesen Jahres, dem Datum des rassistischen Massakers von Charleston, berichtete selbst die New York Times beinahe täglich und allzu erleichtert, wie die vom Präsidenten geforderte "Gewissenserforschung" mit vielfachen Reformen zur Überwachung und Ausbildung von Polizisten in Gang gekommen sei. Das Time Magazine hatte seine Titelstory über Baltimore am 11. Mai mit der absurden Volte beschlossen, dass "Gewissenserforschung sich durchaus auch auf positive Erfahrungen beziehen dürfe", zum Beispiel auf zwei Gangs, die der Bürgermeisterin ihre Unterstützung bei der Kontrolle der Proteste angeboten hatten. Doch wo kann jene Analyse einsetzen, die solch übereilten und erfahrungsgemäß zu kurz greifenden Maßnahmen vorauszugehen hat? Warum sind afroamerikanische Männer heute mehr denn je die Opfer einer Gesellschaft, in deren Medien sie zentrale Rollen als Helden und Sympathieträger besetzen – ohne zu afroamerikanischen Frauen wie Beyoncé oder Oprah Winfrey aufzuschließen, die als Embleme einer singulären Gender-Asymmetrie fast unbegrenzten Einfluss und Reichtum erlangt haben? Vielleicht müsste sich eine weiterführende Reflexion auch auf solche Erfolgsgeschichten beziehen – nicht allein auf die Ghettos und die Psychopathologie weißer Rassisten.