Es soll die Show des Jahres sein – mit Russland als Mittelpunkt der Welt. Präsident Wladimir Putin präsentiert seine Gäste auf dem Petersburger Weltwirtschaftsforum: Der Präsident von Myanmar, bitte schön! Ein chinesischer Vizepremier, von dem noch niemand gehört hat – Applaus! Den Nächsten kennt man natürlich, den griechischen Ministerpräsidenten Alexis Tsipras. Wieder Klatschen. Eine Gästeliste von Wucht ist das nicht. Vor zwei Jahren war bei diesem Forum noch Angela Merkel aufgetreten.

Dieses Mal ist Wladimir Putin das einzige Schwergewicht auf der Bühne, und er lässt seine Gäste wissen: Russland wolle einen einheitlichen Wirtschaftsraum mit China schaffen. "Die Weltkarte der Wirtschaftsmächte ändert sich", sagt Putin. "Asien wird zum wichtigsten Markt der Erde."

Für den Kreml und seine Propagandisten ist der Aufbruch nach Asien die natürliche Reaktion auf die Sanktionen der Europäischen Union und der USA im Zuge des russisch-ukrainischen Krieges seit 2014. Dieser Aufbruch fällt zusammen mit der Rede vom Ende westlicher Dominanz auf dem Globus und der Annahme, Schwellenländer wie Russland und China würden künftig die Geschicke der Welt lenken. Auf dem Wirtschaftsforum in St. Petersburg kennen die russischen Teilnehmer denn auch fast nur ein Thema: den "rasworot na wostok" – die Wende nach Osten.

Das Ausstellungsgelände Lenexpo liegt direkt an der Ostseeküste. Draußen ankern Containerschiffe, liegen ein Frachter im Dock und ein U-Boot am Kai. Drinnen sitzen über tausend Teilnehmer in weißen Konferenzsälen und schauen auf die Bühne: weiße Ledersessel, Glastische, riesige Bildschirme für die Zuschauer, an der Wand die Logos der Sponsoren, darunter viele westliche Firmen. Sieht aus wie Davos, zielt aber in eine andere Richtung: nach Osten. Wladimir Putin lässt die wichtigste Wirtschaftskonferenz des Westens an der Ostsee kopieren, um zu demonstrieren, dass der Westen nicht mehr so wichtig ist. Dabei helfen ihm seine Vertrauten aus alter Zeit.

Dmitri Mesenzew kommt wie Putin aus der historischen Zarenhauptstadt an der Newa, aber im Laufe seiner Karriere hat es ihn von der Ostsee weit nach Osten verschlagen. Der 55-Jährige war erst Gouverneur der sibirischen Stadt Irkutsk, jetzt ist er Generalsekretär der Shanghaier Organisation für Zusammenarbeit (SOZ). China und Russland sind darin die führenden Mächte, dazu kommen Usbekistan, Kasachstan, Kirgisistan und Tadschikistan. Indien, Pakistan und der Iran sind Beobachter. Die Diskussion über die Zukunft der SOZ eröffnet das Forum.

"Russland ist ein eurasisches Land", sagt Mesenzew und lächelt den deutschen Reporter an. Man habe es mit Europa lange versucht. "Aber wenn wir uns schneller in Richtung Osten integrieren können, dann werden wir den Prozess beschleunigen." Russland setze darauf, "die SOZ und die Eurasische Wirtschaftsunion zu verschränken".

Die westlichen Mächte und Japan trafen sich ohne Putin im bayerischen Elmau zum G-7-Gipfel, dafür treibt Russland seine Gegengipfel in drei verschiedenen Organisationen voran. Die SOZ ist der älteste Verbund, er wurde schon 1996 gegründet. Die Eurasische Wirtschaftsunion (EWU) hat Putin 2014 als Konkurrenzorganisation zur EU ins Leben gerufen. Eigentlich sollte auch die Ukraine dazugehören; es blieb bei Russland, Belarus, Armenien, Kasachstan und Kirgisistan. Dazu kommt der Verbund der Brics-Staaten, bestehend aus den bevölkerungsreichen Schwellenländern Brasilien, Russland, Indien, China und Südafrika, der wohl der mächtigste ist. Dessen erster Gipfel war 2010, jetzt hat man sogar den Aufbau einer gemeinsamen Bank in Konkurrenz zur Weltbank beschlossen – 100 Milliarden Dollar Einlagekapital sind geplant. Um die Europäer zu ärgern, hat Russland Griechenland eingeladen, der Bank beizutreten.

Diese Organisationen sind im Vergleich zur EU alle im Embryonalstadium. Viele Abkommen sind nicht bindend, es fehlen feste Institutionen, und von Souveränitätsverzicht ist keine Spur. Aber die russischen Teilnehmer in St. Petersburg wärmen sich an den Zukunftsperspektiven. Der russische Dumaabgeordnete Anatolij Aksakow etwa hofft auf eine künftige Bank der SOZ neben der Brics-Bank. "Damit können wir viele Kreditfragen regeln, die sich seit vorigem Jahr stellen." Aksakow spielt auf die Sanktionen des Westens an, die den Zugang russischer Unternehmen zum internationalen Kreditmarkt eingeschränkt haben. Die Russen hoffen, dass die SOZ-Bank ihnen mit chinesischem Geld aus der Klemme helfen wird.

Für Putin ist das Wirtschaftsforum der glanzvolle Auftakt für eine Serie von Gipfeln, weil Russland in diesem Jahr die Präsidentschaft von zwei Organisationen innehat. Am 8. Juli werden sich in Ufa die Präsidenten der Brics-Staaten treffen, am 9. Juli versammeln sich die Oberhäupter der SOZ-Länder in der Hauptstadt des russischen Baschkortostan nördlich von Kasachstan. Der Wunsch nach Verschmelzung mit dem Osten kennt kaum Grenzen. Ein Dumaabgeordneter sagt voraus, dass auf dem SOZ-Gipfel der Beitrittsprozess für Pakistan und Indien beschlossen werde. Ein anderer Teilnehmer hofft, dass die Brics-Staaten vereinbaren, den Dollar als Leitwährung für Energieexporte abzulösen. Ein weiterer fordert eine russisch-chinesische Universität, um Spezialisten jenseits westlicher Lehren auszubilden.

Der Vorsitzende der Eurasischen Wirtschaftsunion, Viktor Christenko, hat Europäer, Amerikaner und Asiaten zu einer Diskussion über die Außenbeziehungen der EWU gebeten. Auf dem Tisch liegt die Idee der Bundesregierung, dass die EU mit der EWU institutionelle Beziehungen knüpfen solle. In den weißen Sesseln sitzen Eckhard Cordes, Vorsitzender des Ostausschusses der deutschen Wirtschaft, und ein Vertreter des Münchner Energiekonzerns E.on, eines der größten Investoren in Russland. Doch sprechen dürfen sie noch nicht. Erst kommen ein vietnamesischer Staatssekretär zu Wort, dann armenische und indische Diplomaten, ein US-Lobbyist, ein UN-Beamter. Endlich, es ist kaum mehr Zeit übrig, wendet sich Christenko an die "alten Partner, die ihn an früher erinnern", und lässt die Deutschen reden, mit der Ermahnung, sich kurzzufassen. Eine gezielte Erniedrigung.

Solche Spielchen gehen an den wirklichen Kräfteverhältnissen vorbei. Die EU ist nach wie vor der wichtigste Handelspartner Russlands. Auch wenn das deutsch-russische Handelsvolumen seit vergangenem Jahr um ein Drittel gesunken ist, liegt Deutschland in der Rangliste auf Platz zwei hinter China. Während Gazprom erst in Jahren über die Altai-Pipeline Gas an China liefern wird, legen Deutsche und Russen schon bald die zweite Nord-Stream-Pipeline durch die Ostsee. Christenko rächt sich ausgerechnet an Cordes, einem Mann, der sich in Deutschland bis zur Gefährdung seines Rufs für die Aufhebung der Sanktionen starkmacht. Die russische Führung gibt sich beleidigt und ersehnt sich Erlösung aus dem Osten.