Häufen sich die Rücktritte der Fernsehstars, die den Abstieg vom Zenit ihrer Karriere nicht erleben wollen? Nach Günther Jauch hat sich nun Stefan Raab verabschiedet, und zwar auf eine so untypisch dezente Weise, dass einige sogleich nach der versteckten Aggression zu forschen begannen. Man fand sie im Zeitpunkt der Bekanntgabe, die es der Bild-Zeitung unmöglich machte, aktuell zu reagieren. Plausibel oder nicht – das triumphierende Haifischlächeln des Entertainers sich noch einmal vorstellen zu wollen machte die Unterstellung attraktiv. Denn Macht und Ausnahmestellung Stefan Raabs zeigten sich nirgends so deutlich wie in seiner Stammfehde mit der Zeitung, die noch jeden Promi kleingekriegt hat, aber an ihm scheiterte. Sein Privatleben blieb undurchdringlich. Sein Image ("Raab ist das Böse im deutschen Fernsehen", ZEIT Nr. 19/07) ließ sich nicht ruinieren; unter anderem weil Bild und Raab einander in Sachen Zynismus und Menschenverhöhnung nichts vormachen konnten.

Unvergesslich (nach den Ewigkeitsmaßstäben der Medien) wird bleiben, was Raab mit Namenswitzen auf Kosten der sechzehnjährigen Lisa Loch angestellt hat, wie er aus dem Nachbarschaftsstreit einer älteren Dame den satirischen Hit vom Maschen-Draht-Zaun destillierte, wie er seine gottlosen Scherze sogar aus Reminiszenzen an Bombenkrieg und RAF-Terror beziehen konnte. Falsch wäre es, ihn deswegen als dumpfen Grobian zu sehen. Er trat als Grobian nur auf; und zwar genauso kalkuliert, wie er komponierte, selber sang oder Songs produzierte. Raab war nicht nur Entdecker und Komponist von Stars des European Song Contest, von Lena Meyer-Landrut und Guildo Horn, er hat selbst mit unvergesslichem Nonsens (Wadde hadde dudde da) brilliert und könnte als dadaistisches Genie gelten – wenngleich eines Dadaismus von ausgesuchter Grausamkeit. Seine Erkennungsmelodie funkelte auf dem Raubtiergebiss. Die Physiognomik, die im Alltag zu Recht nichts mehr gilt, ist im Fernsehen ein Bedeutungsträger ersten Ranges. Stefan Raabs glitzernde Zähne, im Siegerlächeln dargeboten, waren das Signal eines proletarischen Machotums, das sich seiner Schlägermentalität nicht schämt.

Niemals ist ein frenetisch applaudierendes Publikum im Fernsehen so gnadenlos entlarvt worden – indem Raab ihm gab, was es wollte, zeigte er, dass es Niedriges wollte. Der Sohn eines Metzgers wusste, dass man den Borniertheiten des Milieus nur nach oben oder unten entkommt. Der Weg nach oben hätte die Inszenierung eines elitären Dandytums verlangt, zu dem Raab begabt gewesen wäre, das aber im Fernsehen als kränkender Verstoß gegen die Gleichheit gilt. So wählte er den Weg nach unten und tat am Ziel, was den Kleinbürger zwar schreckt (lustvoll schreckt), aber nicht kränkt: Er suhlte sich in der Gosse. Dafür ist Raab mit allen großen Preisen, von der Goldenen Kamera bis zum Adolf-Grimme-Preis, ausgezeichnet worden. Mehr kann man nicht erreichen.