Machen wir einen Schnelltest. Bitte ergänzen Sie das passende Adjektiv zur Gattung "Naturstudien": a) romantisch b) langweilig c) spektakulär.

Korrekte Antwort: c, ganz klar. Wie das? Ein Blatt des Deutschrömers Friedrich Olivier (1791 bis 1859), zwei welke Ahornblätter darstellend, sorgte im vergangenen Jahr im Auktionshaus Bassenge für eine Sensation: Geschätzt auf 120.000 Euro, wurde es auf 2,6 Millionen Euro hochgeweht. Welke Ahornblätter! Eine mögliche Erklärung: Angesichts der exorbitanten Preise für Gemälde, die klassischen Prestigeobjekte also, fahnde der Markt nun, wo noch Entdeckungen zu machen seien. Eben bei Meisterzeichnungen und Grafik. Und schon gehen auch dort plötzlich die Preise durch die Decke, siehe Olivier.

Mit diesen Gedanken im Hinterkopf vertiefen wir uns in ein Wunder der Beiläufigkeit, ein Aquarell mit mespilus germanica – mit neun Mispelfrüchten, kleinen abgeflachten Kugeln. Wie achtlos hingekullert, und doch jede einzelne liebevoll erfasst von dem wenig bekannten Künstler B. Zeyr. Wir erkennen die Farbschattierungen der welken Kelchblüten, das reflektierte Licht – und nicht zuletzt das hübsche Schattenspiel des Arrangements auf beigem Papier. Rhythmisch verteilt, zufällig? Keineswegs. "Die eher unscheinbare Mispel war im 19. Jahrhundert kein seltenes Motiv für Naturstudien unter deutschsprachigen Zeichnern", schreibt der Kunsthändler Martin Moeller-Pisani. Steinäpfel sind erst nach Frosteinwirkung genießbar und wurden gern zu Marmelade verarbeitet. An der Wand machen sie sich aber auch sehr süß.