Das Interview auf Türkisch lesen Sie hier. (Röportajın Türkçe versiyonuna buradan ulaşabilirsiniz.)

DIE ZEIT: Herr Demirtaş, Ihre prokurdische HDP ist der große Sieger der Parlamentswahl. Die AKP von Staatspräsident Tayyip Erdoğan hat bei der Parlamentswahl zehn Prozent der Stimmen verloren. Ihre HDP und die Nationalisten, die gegen den Friedensprozess mit den Kurden sind, haben gleich viele Sitze. Was bedeutet das für die Türkei?

Selahattin Demirtaş: Die Türkei ist ein Nahost-Land. In dieser Region können Menschen, die nicht der gleichen Glaubensrichtung angehören, die gleiche Religion, ethnische Herkunft haben, mittlerweile nicht mehr in derselben Stadt leben. Wenn Menschen mit so unterschiedlichen ethnischen Wurzeln, Religionen, Konfessionen, Geschlechtern zusammenkommen und sich um ein Programm wie in unserer Partei versammeln können, wenn sich also Armenier, Türken, Kopftuchträgerinnen und Homosexuelle in einer Partei vereinen, ist das eine gesellschaftliche Revolution. Das mag in Norwegen oder Schweden normal sein, hier ist es das nicht. Der Wähler hat Nein zu Alleinherrschaft, Rassismus, Konfessionalismus, Nationalismus und Faschismus gesagt. Und Ja zu einer pluralistischen Politik, einer pluralistischen Gesellschaft und zu radikaler Demokratie.

DIE ZEIT: Ihre Partei hat einen türkisch-kurdischen Aussöhnungsprozess mit Staatspräsident Tayyip Erdoğan begonnen. Im Wahlkampf sagte er dann zuletzt: "Es gibt kein Kurdenproblem." Wie hat sich das für Sie angefühlt? Haben Sie hier je an seine Aufrichtigkeit geglaubt?

Demirtaş: Ehrlich gesagt haben wir da Aufrichtigkeit nie als Maßstab genommen. Wir haben darauf geachtet, wie unser Verhandlungspartner in der Praxis handelte. Erdoğans Verständnis von Demokratie, Freiheit, der Lösung des Kurdenproblems, einer neuen Verfassung ist eine, die sich wenig mit unserer Welt und unseren Träumen deckt. Das wussten wir auch, als wir mit dem Friedensprozess begonnen haben. Als er verstanden hat, dass Krieg keine Option für eine Lösung ist, ging er zu der Einstellung über: "Kann ich sie mit dem Friedensprozess wirkungslos machen?" Die Ansichten der AKP haben uns aber nie vom Dialog abgehalten. Wir interessieren uns mehr dafür, den Friedensprozess weiterzuführen, mit Unterstützung der Gesellschaft, als dafür, was Erdoğan will. PKK-Führer Abdullah Öcalan hat erklärt, unter welchen Bedingungen er bereit wäre, die PKK zu einem Waffenstillstand aufzurufen. Als Erdoğan sagte, es gebe kein Kurdenproblem und keine Verhandlung, hat das nur seiner AKP geschadet.

DIE ZEIT: Glauben Sie, dass er in Zukunft nochmal in den Friedensprozess eingreifen wird?

Demirtaş: Ich finde, dass man eine Eigenschaft von Erdoğan nicht vergessen sollte: Was er letzte Woche noch gesagt hat, kann er eine Woche später abstreiten.

DIE ZEIT: Wie sehen Sie die politische Zukunft Erdoğans?

Demirtaş: Ein Präsident, der noch vor einem Jahr mit 52 Prozent der Stimmen zum Staatspräsidenten gewählt wurde, bekam nun nur noch 41. Die Stimmen galten ihm. Er ist ein großes Risiko eingegangen, indem er selbst Wahlkampf betrieb. Ich finde, dass er zurücktreten müsste. Aber jeder weiß ja, dass er das nicht tun wird. Die Politik wird im Präsidentenpalast gemacht.

DIE ZEIT: Jetzt beginnen Koalitionsgespräche. Welche Option wäre aus Ihrer Ansicht die beste – auch für den Friedensprozess zwischen Kurden und Türken?

Demirtaş: Die Parteien, die als erste und zweite aus der Wahl hervorgegangen sind, müssen eine Koalition bilden, also die AKP und die kemalistische CHP. Diese Koalition könnte ein Gleichgewicht herstellen. Eine Koalition, in der wir wären, würde den Friedensprozess am schnellsten voranbringen. Aber das sieht schwierig aus. Eine Koalition, in der die Nationalisten von der MHP dabei sind, wird sich sehr negativ auf den Friedensprozess auswirken. Eine Koalition mit Nationalisten und uns, das ist unmöglich.

DIE ZEIT: Ihre Partei hat im Wahlkampf betont: Wir sind eine Partei der Türkei – und damit auch bei Türken gepunktet. Gleichzeitig steht die Frage im Raum, was mit Abdullah Öcalan passieren soll, den viele Kurden als ihren Anführer betrachten, die meisten Türken aber als Staatsfeind und Terrorist.

Demirtaş: Die HDP ist eine pluralistische Partei, ein Gegenentwurf zum Alleinherrschaftsprinzip der AKP. Öcalan ist unser mutigster Ideengeber. Ich habe ihn acht Mal auf der Insel İmralı besucht, wo er in Haft sitzt. Seit meiner Jugend habe ich jedes seiner Bücher und Texte gelesen. Ich habe verfolgt, wie sich seine Ideen auf die praktische Politik ausgewirkt, und wie sie sich gewandelt haben. Ich habe niemanden getroffen, der entschlossener ist, wenn es darum geht, das umsetzen, woran er glaubt. Wenn man Sie zwei Wochen in diesem Raum eingesperrt hätte (deutet auf sein Büro, das etwa 20 Quadratmeter groß ist), könnte sich Ihre Einstellung nach ein, zwei Tagen ändern. Er lebt seit 16 Jahren in einem solchen Raum, auf einer Insel, isoliert, und trägt mutige Ideen, die sonst niemand im Mittleren Osten wagen würde zu denken, hinaus. In Rojava...

DIE ZEIT: ...die kurdisch-verwalteten Kantone Cizire, Kobane und Afrin im Nordwesten Syriens...

Demirtaş: ...hat er sogar eine Revolution ausgelöst. Aus unserer Sicht ist es nicht zu akzeptieren, dass so ein Mensch isoliert auf einer Insel gefangen gehalten wird. Für uns ist es eine Frage der Ehre, dass er so bald wie möglich frei gelassen wird. Wir müssen der türkischen Gesellschaft mit den richtigen Worten erklären, dass dies kein Kriminalfall oder Blutfehde ist. Auch die Türken müssen vom Gedanken der Blutfehde loskommen. Dass die Türkei heute kein zweites Syrien ist, liegt an den Ideen, die Öcalan den Kurden geboten hat.