Was ist das für eine Geschichte über die Odyssee eines Hundes, die wie ein Kinderfilm beginnt, zum dramatischen Abenteuer wird, sich in einen Horrortrip verwandelt und am Ende einen zart utopischen Ausblick gibt? Und was ist das für ein Film, den die New York Times feiert als "Rachefantasie, die Sie nie zuvor gesehen haben"?

Underdog von Kornél Mundruczó ist ein Film über eine éducation sentimentale – mit einem Hund und einem Mädchen in den Hauptrollen. Er spielt in einem Land, das Sondersteuern auf Mischlingshunde erlässt, womit wir zugleich bei einer Allegorie auf die neofaschistische ungarische Gesellschaft und am Anfang der Geschichte angelangt wären, die hier erzählt wird: Die Steuern für den Mischling seiner 13-jährigen Tochter will der geschiedene Daniel nicht zahlen. Seine Exfrau ist mit ihrem neuen Mann in die Ferien gefahren, hat Kind und Tier beim Vater abgeladen. Die Frustration über die gescheiterte Ehe verstärkt nur dessen Aggression gegen das Tier, mit dem die Tochter symbiotisch verbunden ist. Hagen, der kaffeebraune Labradormischling mit den warmen Augen und der fortwährend Menschenhände abschleckenden Zunge, wird irgendwo in Budapest an einer Straßenkreuzung ausgesetzt. So beginnt die Leidensgeschichte eines Underdogs: Hagen streunt durch die Stadt, wird von Hundefängern ins Tierheim gebracht, landet bei einem zynischen Imbissbesitzer und schließlich bei einem Spezialisten für Hundekämpfe. Hier wird das Tier brutal geschlagen und zur zähnefletschenden Bestie gemacht. Doch die geschundene Kreatur schlägt zurück. Sie wird zum Anführer einer regelrechten Hundearmee, die mit all den fiesen Menschen, die ihren Weg kreuzen, kurzen Prozess macht.

Das Außergewöhnliche an Underdog, der bei den Filmfestspielen von Cannes den Preis der renommierten Filmreihe Un certain regard gewann, ist die Tatsache, dass die Hunde hier einmal nicht die anthropomorphisierten Spiegelungen des Menschen sind. Sie sprechen nicht und bewegen sich auch nicht wie in einem Disney-Film in von Menschen gesteuerten Animationssequenzen. Die 280 Hunde, die hier in gespenstischen Szenen durch die menschenleeren Straßen von Budapest stürmen, bleiben Tiere, in ihrem sabbernden, zauseligen, winselnden Tiersein. Diese Unberechenbarkeit verleiht ihnen in den Actionszenen stellenweise etwas Unbeholfenes, etwa wenn ein Hund beim Überrennen einer Polizeibarriere, mit den Hinterbeinen strampelnd, an den gestapelten Säcken hängen bleibt. Ebendiese Unberechenbarkeit greift aber auch auf verstörende Weise auf die Geschichte über.

Die Botschaft von Underdog – eine Politik, die sich über den Ausschluss von Minderheiten definiert, schürt Aggressionen, die auf sie zurückschlagen – wird durch das Animalische wieder in eine gewisse Offenheit überführt: Ist es Rache, die die ursprünglich lammfrommen Hunde zu zähnefletschenden Mordmaschinen macht? Oder hat die Bestie Mensch in der Bestie Hund das entfesselt, was sowieso immer schon da war, nur eingepfercht und eingedämmt von Leinen, Befehlen, Streicheleien und Hundefutter?

White God, der Originaltitel von Kornél Mundruczós Film, ist angelehnt an White Dog, einen 1982 gedrehten Thriller des amerikanischen Regisseurs Samuel Fuller. Fuller erzählt die Geschichte eines schneeweißen Schäferhundes, der dazu ausgebildet wurde, schwarze Menschen zu töten, und der nun von einem schwarzen Trainer umprogrammiert werden soll – mit desaströsem Ergebnis. White Dog ist eine Parabel auf den amerikanischen Rassismus und den verzweifelten Kampf dagegen.

Underdog wiederum verankert seine Hundegeschichte in der beunruhigenden ungarischen Gegenwart. Parallel zum Schicksal des Tieres erzählt der Film die Irrungen und Wirrungen von Lili, die sich auf die Suche nach ihrem Mischlingshund macht und dabei mit ihrem Vater, der Polizei und dem autoritären Leiter ihres Jugendorchesters aneinandergerät. Der rebellische Geist ihres Aufbruchs spiegelt sich auch in Mundruczós respektlosem Umgang mit Franz Liszts Ungarischer Rhapsodie, die hier bei Proben bis zur Unkenntlichkeit zerfiedelt, zerblasen, zerstückelt wird. Die Revolution der Hunde mag blutrünstig enden. Dennoch schwingt in Underdog die Notwendigkeit eines Aufstands mit, in einem Land, dessen Regierung das Verfassungsgericht entmachtet, Bürger- und Menschenrechte aufkündigt und Minderheiten zur Jagd freigibt: "Beiß die Hand, die dich füttert – und schlägt."