Am Strand von Ipanema braucht man nicht viel Geld. Man kann dort den ganzen Tag lang auf einem gemieteten Klappstuhl sitzen und mit umgerechnet zehn oder zwanzig Euro auskommen. Das reicht für Klappstuhlmiete, Matetee, Maniok-Kekse und gebratene Käsespieße, bereitgestellt von der Armee von Strandverkäufern, die dort anzutreffen ist. Das Problem ist nur: Das richtige Budget für einen Tag am Strand setzt sich nicht bloß aus diesen Kosten für die Einkäufe zusammen. Mit in die Rechnung gehören in der aktuellen Saison auch die Räuber und Diebe.

Seit die Fußball-WM vorbei ist, explodiert in Rio de Janeiro die Zahl der Überfälle, auf Straßen und Radwegen, in Parks und an den Stränden. In Ipanema kann man an heißen Wochenenden drei- bis viermal pro Tag Stampeden flüchtender Badegäste sehen, vor sich hergetrieben von räuberischen Halbstarken, die ihrerseits von knüppelschwingenden Strandpolizisten verfolgt werden. An den schönsten Orten der Traumstadt kommt es neuerdings zu Messerattacken auf Passanten. Einige davon verlaufen tödlich, aber meist gilt: Wer den Kriminellen schnell sein Geld überlässt, den lassen sie nach ein paar Minuten in Ruhe.

Unter den Kennern der Stadt gibt es zwei Denkschulen, wie mit der Gefahr am besten umzugehen ist. Die eine Denkschule rät dazu, überhaupt nichts mitzunehmen, höchstens ein paar Geldscheine. Dann könne man bei einem Überfall auch nichts verlieren. Aber leider gibt es auch Fälle wie den der 28-jährigen Journalistin Luiza Derzie, auf die ein Räuber erst vor Kurzem mit dem Messer einstach – aus Wut, weil sie so wenig Geld dabeihatte: nur 30 Real, umgerechnet rund zehn Euro. Eine neuere Denkschule empfiehlt daher, in der einen Tasche das Budget für den Strandbesuch mit sich zu führen und in der anderen Tasche noch mal doppelt so viel Geld für die Räuber.

In einem Punkt allerdings sind sich alle Kenner der Stadt einig: Es ist auf jeden Fall sinnvoll, keine Bank- oder Kreditkarte einzustecken! Wer dergleichen dabeihat, muss befürchten, dass sich die Straßenräuber kurzerhand für ein "Mini-Kidnapping" entscheiden – eine erzwungene Stadtrundfahrt im Auto, bei der das Opfer an einem einsamen Geldautomaten alles abheben soll, was auf dem Konto lockerzumachen ist. Baden am Strand von Rio de Janeiro, nie war es eine komplexere Angelegenheit.