Die Enttäuschte

Das Unrecht, es liegt für Anita Böhlig an einer Straßenkreuzung in Bad Liebenstein, Thüringen. Ein großer Parkplatz mit wenigen Autos: Auf diesem Stück Erde befand sich einst die Keksfabrik von Anita Böhligs Großvater. Vor 15 Jahren hat die Stadt sie abgerissen. Und damit endgültig Frau Bohligs Hoffnung zerstört, endlich das Familieneigentum zurückzubekommen. "Es ist entsetzlich, was Menschen alles fertigbringen", sagt Bohlig.

1902 hatte ihr Großvater die Keksfabrik hier gegründet, vermutlich die erste in ganz Thüringen. Das Gebäude sah aus wie ein Mehrfamilienhaus, nicht wie eine Fabrik: zwei Etagen, helle Fensterrahmen, verzweigter Dachgiebel. Nur ein Schriftzug – "Keksfabrik Bohlig" – verriet, was sich hinter der Fassade verbarg. Im Keller stand eine Schokoladenüberzugsmaschine, in der ersten Etage fand man die Produktionsstraße, wo Teig aus großen Trichtern in Formen lief. Nebenan hatte der Großvater seine Wohnung. Anita Bohlig erinnert sich an die süßen Gerüche, die mit den Jahreszeiten wechselten: Waffeln im Frühling, Kekse im Sommer, Lebkuchen im Herbst und im Winter. Wer mit ihr spricht, der hört sofort, was ihr diese Fabrik bedeutete.

Nach dem Zweiten Weltkrieg durfte Richard Bohlig, der Mitglied der NSDAP gewesen war, seine Fabrik von einem Tag auf den anderen nicht mehr betreten. Damals, in der Zeit der sowjetischen Besatzung, wurde die Familie enteignet. Sie verließ den Ort; ging nach Westdeutschland. Anita Bohlig studierte Wirtschaftspädagogik, unterrichtete an einer Berufsschule in West-Berlin.

Nur der Großvater blieb in Bad Liebenstein. Er kämpfte bis zu seinem Tod um seine Fabrik: erfolglos. Bohligs Privateigentum war Volkseigentum geworden. Zu DDR-Zeiten wurde unter dem Namen VEB Keksfabrik Bad Liebenstein produziert. Beliebt waren vor allem die Salzstangen. Immer wenn Anita Bohlig eine Packung sah, kaufte sie sie. Jeder Bissen schmeckte nach Unrecht.

Nach dem Mauerfall nahm Anita Bohlig den Kampf, den der Großvater nicht hatte gewinnen können, wieder auf. "Ich dachte: Jetzt kommt der Rechtsstaat. Jetzt wird unser Unrecht rückgängig gemacht", sagt sie. Aber der Grundsatz "Rückgabe vor Entschädigung", der vielen Westdeutschen ihren enteigneten Ost-Besitz zurückgebracht hat – er galt nicht für jene Enteignungen, die vor Gründung der DDR stattgefunden hatten. Und so blieb Bohligs Wunsch unerfüllt. Die Treuhand verkaufte die Keksfabrik an das West-Unternehmen Bahlsen inklusive Markenname und Rezepten.

"Wie eine Furie", sagt Bohlig, habe sie damals einen Treuhand-Mitarbeiter befragt. Erfolgos. "Ich erinnere mich noch, dass meine Mutter immer geweint hat, wenn wir darüber sprachen", sagt sie.

Sich geschlagen geben? Nein, Anita Bohlig wollte weiterkämpfen. Sie schrieb einen Brief an Bahlsen und bot an, die Firma zurückzukaufen. Doch das Unternehmen ging auf ihren Vorschlag nicht ein. Nach knapp zehn Jahren schloss Bahlsen die Keksfabrik für immer. Nur kurze Zeit später wurde das Gebäude abgerissen. Für die heute 78-jährige Anita Bohlig ist klar: Das Unrecht, das 1945 begann, wurde nach 1990 vollendet.

Bettina Malter

Der Pleitier

Nach dem Mauerfall, da glaubte Roland Ernst an ein Wirtschaftswunder Ost. Mehrere Milliarden Mark investierte der Bauunternehmer aus Baden-Württemberg in den neuen Ländern, er kaufte beinahe alles – vom Wohnhaus bis zur Innenstadtresidenz. "Die Politiker haben von blühenden Landschaften gesprochen. Davon waren wir wirklich überzeugt, sonst hätten wir nicht so viel Geld investiert", sagt Roland Ernst, heute fast 80 Jahre alt, nun in der MDR-Doku.

Ernst, muss man wissen, hat sich wie viele an seinen Plänen für den Osten verhoben. Aber so brutal ruiniert wie er hat sich hier kaum ein Zweiter.

Kurz nach dem Mauerfall gehörte Ernst – der so gut wie keine Interviews mehr gibt, auch der ZEIT nicht – ein großes Stück vom Kuchen in den neuen Ländern. Er hatte schon zuvor als einer der bedeutendsten Projektentwickler bundesweit gegolten, arbeitete für Kunden wie Kaufhof, AEG, Siemens und BASF. Nach dem Mauerfall standen ihm deshalb alle Türen offen. In Ostberlin setzte er sich Denkmale – so mit dem Bau des Quartiers 207 in der Berliner Friedrichstraße, in dem heute das Kaufhaus Galeries Lafayette sitzt. Er baute Bürogebäude am Gendarmenmarkt und die Treptowers an der Spree.

Ernst stammt aus Heidelberg, im Osten ließ er sich nun als Mäzen feiern. Er gestaltete das Gesicht ganzer Städte mit. Sein Herzensprojekt waren die Hackeschen Höfe in Berlin-Mitte. Vor dem Zweiten Weltkrieg war hier ein Mädchenheim des Jüdischen Frauenbunds untergebracht gewesen. Nach der Wende ging das Gelände – seit 1951 Volkseigentum – an jüdische Besitzer zurück. Sie verkauften es 1994 an Roland Ernst im Paket mit 58 anderen Grundstücken in Ostberlin. Insgesamt 300 Millionen Mark zahlte der Bauunternehmer dafür.

"Die Hackeschen Höfe waren am Anfang eine Bauruine", sagt Roland Ernst im MDR-Film. Nebenräume wurden als Lager genutzt, die Fassaden bröckelten. Drei Jahre lang ließ er die Höfe sanieren, sogar Kacheln in Italien brennen. 50 Millionen Mark habe er für die Renovierung bezahlt, so Ernst: "Das war ein großer Schluck aus der Pulle."

Der erhoffte Aufschwung in Ostdeutschland, das Wirtschaftswunder, blieb jedoch aus. Und Ernst bekam Probleme. Er war stets als Projektentwickler aufgetreten; die fertig sanierten Objekte verkaufte er an Endinvestoren weiter. Denen hatte er jedoch umfangreiche Mietgarantien eingeräumt. Weil die Wirtschaft stagnierte, blieben viele Büros leer. "Das hat mir das Genick gebrochen", sagt Ernst.

Um die schwachen Geschäfte auszugleichen, begann er zu tricksen. Im Jahr 2004 entging er nur knapp einer Gefängnisstrafe. Er gestand, zwei Manager der Deutschen Bahn mit Millionenbeträgen bestochen zu haben. Ein Gericht verurteilte ihn später zu 21 Monaten Haft auf Bewährung, außerdem musste er 100.000 Euro Strafe zahlen. Ernst rechtfertigte den Betrug mit seiner Zwangslage. Er schlitterte in die Insolvenz. Er ist einer der Jäger der ersten Jahre, die sich übernommen haben.

Bettina Malter