Die Kernwaffen sind zurück in der internationalen Politik. Bis Ende dieses Jahres will Russland, so verkündete es Wladimir Putin, 40 neue Interkontinentalraketen anschaffen, die Nuklearsprengköpfe tragen können. Washington wiederum denkt über landgestützte Marschflugkörper in Europa nach. Geht das atomare Wettrüsten von Neuem los?

Das Ende des Kalten Krieges ließ die Frage offen, ob die wechselseitige Abschreckung der Supermächte USA und UdSSR wirklich den großen Untergang verhindert hatte. Vielleicht hatte die Menschheit nur mehr Glück als Verstand? Schließlich war der Einsatz von Atomwaffen zumindest in den ersten Jahrzehnten keineswegs undenkbar, trotz Hiroshima und Nagasaki. Er wurde im Verlauf des Koreakriegs 1950 bis 1953 in Washington erwogen, und während der Kubakrise 1962 hielt die Welt erst recht den Atem an. Damals schreckten die Supermächte vor dem Äußersten zurück, was aber nicht heißt, dass ihr Abschreckungsregime stabil gewesen wäre. Aufgrund von Fehlalarmen drohte es in den Folgejahrzehnten mehrere Male in die endgültige Katastrophe zu kippen.

Die Zeiten haben sich geändert. Einst war die Sowjetunion die konventionell überlegene Macht auf dem europäischen Kontinent, weshalb der Westen sie mit Kernwaffen von militärischer Expansion abschreckte. Heute indes ist Russland militärisch unterlegen, Putins Gesten sind ein Ausdruck der Schwäche. Was leider eine schlechte Nachricht ist. Denn Russland schwankt zwischen Wollen und Können, ist eine labile Macht. Ob es eine Strategie hat, weiß niemand. Nur seine Taktik ist offenkundig: Gelegenheiten ausnutzen, ansonsten unberechenbar sein. Was ein weiteres erratisches Moment in die ohnehin schlecht sortierte Weltpolitik bringt.

Russland hat kernwaffenfähige Bomber und Raketen in Kaliningrad und auf der Krim stationiert; unlängst erwähnte Putin, dass er nach der Annexion der Krim im März 2014 sogar erwogen hatte, seine Atomstreitkraft in Alarmbereitschaft zu setzen. Damit führte er der Welt einen regionalen Einsatz von Atomwaffen als Option vor Augen. Glaubt er etwa, der Westen würde in so einem Fall auf eine nukleare Antwort verzichten? Wenn ja, dann schätzt Putin den Preis eines Kernwaffeneinsatzes gering, und das wäre hochgefährlich. Wenn nein, dann hieße das, dass er die Eskalation einkalkuliert: noch gefährlicher.

Schlimm, dass heute wieder in solchen Begriffen gedacht werden muss. Amerika und Russland hatten nach dem Ende des Kalten Krieges ernsthaft damit begonnen, Kernwaffen stillzulegen, teilweise sogar zu verschrotten. Das war ein Signal: Atomwaffen verloren an Bedeutung. Doch seit rund fünf Jahren verringern sie ihre Arsenale nicht mehr, sie machen sich vielmehr daran, sie zu modernisieren – auch das ist ein Signal, leider mit umgekehrtem Vorzeichen.

Von einer Entwertung der Kernwaffen ist die Welt weit entfernt. China, Großbritannien, Frankreich, Indien, Pakistan und Israel halten ihre Arsenale in Schuss; Irans neues Gewicht wiederum hat mit seinem kerntechnischen Potenzial zu tun, und wird es nicht begrenzt, dann steigen womöglich die Saudis und Ägypter in die Atomrüstung ein.

Das über Jahrzehnte ausgehandelte System der Rüstungskontrolle liegt währenddessen in Scherben. Amerika und Russland sind aus den entsprechenden Abkommen entweder ausgestiegen, oder sie drohen damit und werfen einander Vertragsbruch vor. Beide vernachlässigen ihre im Atomwaffensperrvertrag festgeschriebene Pflicht zur Abrüstung. Damit liefern sie jenen Politikern nicht nuklearer Staaten ein Argument, denen das Atomwaffenmonopol der Großen ohnehin nicht gefällt.

Diese brisante Lage muss der Westen bedenken, wenn er auf Putins Kraftmeierei reagiert. Die Hauptverantwortung trägt wieder einmal Washington – wer sonst könnte die Rüstungskontrolle wiederbeleben? Europa wiederum muss zwar seine Verteidigung stärken, sollte aber zugleich diplomatisch aktiv werden. Etwa indem es die bereits von 107 Staaten getragene Initiative unterstützt, Atomwaffen völkerrechtlich zu ächten. Übrigens: In Deutschland lagern immer noch amerikanische Atomsprengköpfe.