Tags zuvor ist der Grexit mal wieder vertagt worden. Da wäre doch die Vorlesung Einführung in die Europäische Integration an der Universität Bremen die Vorlesung der Stunde. Pünktlich zur Stunde bin ich auch da, aber niemand sonst. Ich bitte einen vorbeilaufenden Mann, der förmlich Wissen ausstrahlt, um Hilfe. Er ruft für mich die Uni-Verwaltung an, die aber nicht weiß, was es mit der Vorlesung auf sich hat.

Zum Glück weiß der gute Mann, Michael Schottmayer, noch weit mehr als nützliche Telefonnummern. Er ist Dozent für Psychologie, und da ich mich als Sozialwissenschaftler auf Müßiggang vorgestellt habe, nimmt er mich mit in sein Seminar über Systemische Organisationsberatung des Masterstudiengangs Wirtschaftspsychologie. Sehr spannend. Ich kenne ein paar Unternehmensberater, testosterongesteuerte Männer, die für McKinsey durchs Land brausen, tagsüber Leute entlassen helfen und abends in Hotelzimmern Pornos schauen. Im Seminar steht es dann allerdings 13 : 1. Dreizehn Studentinnen, ein Student.

Die Universität Bremen residiert in einem Siebziger-Jahre-Bau, dessen spröde Schönheit hoffentlich von der Stadt rechtzeitig erkannt und bewahrt wird. Michael Schottmayer passt dort wunderbar hinein. Angegrauter Schnauzer, betongraues Hemd, darunter aschgraues T-Shirt, dunkelgraue Hose. Das Jackett fällt fast heraus, Anthrazit. Schottmayers Thema: graue Theorie (Luhmann, Kybernetik, autopoietische Systeme).

Aber wie er darüber spricht! Da treibt er’s bunt und führt mitten hinein ins pralle Leben. Er wirft die Sinnfrage angesichts von Organisationen auf, spricht von Familientherapien und erzählt von einem narzisstischen Firmenpatriarchen aus Bremen: "Hinter seinem Rücken haben alle gelästert und ihm Unfähigkeit bescheinigt, aber als er plötzlich starb, saß die ganze Belegschaft paralysiert da und wusste nicht weiter."

Immer wieder geht’s um die Frage, wie sich in Systeme intervenieren lässt, die autopoietisch, also sich selbst erhaltend sind. Die Antwort: "Erst wenn es einen Leidensdruck gibt, sonst macht sich ein System nicht auf den Weg." Dann schlage die Stunde der Berater.

Oder der Politik, wie Schottmayer in einem kleinen Exkurs zur Frauenquote referiert. "Innerhalb von autopoietischen Systemen funktionieren Quoten nur, wenn sie zu einem relevanten Störfaktor werden, etwa durch Strafzahlungen bei Nichteinhaltung." Aber aufgepasst, rät Schottmayer: "Wenn man in einem System an einer Stelle etwas ändert, kann sich dadurch auch an allen anderen Stellen etwas verändern. Alles ist miteinander verwoben."

Ich denke bei diesen Worten an das System der EU. Der Leidensdruck ist groß. Jetzt müsste eine Systemumstellung her. Jetzt müsste interveniert werden. Aber so ruhig und überlegen, wie es Michael Schottmayer mit seinen klugen Studenten übt.

In unserer neuen Kolumne "Hörsaal", die zeitgleich in der gedruckten Ausgabe der ZEIT erscheint, schildern Autorinnen und Autoren der ZEIT Woche für Woche ihre Eindrücke von Vorlesungen an Hochschulen in Deutschland und im Ausland. Wir sind gespannt auf Ihre Diskussionen.

Falls Ihnen eine besonders spektakuläre Vorlesung auffällt, die wir besuchen sollten, dann freuen wir uns über einen Hinweis an: hoersaal@zeit.de.