Ich wurde kritisiert. Von einer Freundin. Es ging um einen Artikel. Die Freundin ist eine bekannte Feministin und Journalistin und schrieb mir, mein Artikel bediene Vorurteile gegen Frauen.

Ich schrieb zurück: "Aber ich habe gar keine Vorurteile gegen Frauen."

"Ich weiß", antwortete die Freundin, "die Kritik ist ja auch nicht persönlich gemeint."

"Wie denn bitte sonst?", fragte ich.

"Beruflich", schrieb sie.

Danach schrieb ich erst einmal nichts mehr. Ich war ein bisschen wütend.

"Wer Beschimpfungen nicht aushält, ist in unserem Job falsch!", sagte mein allererster Chef bei unserem allerersten Treffen. Wir saßen in seinem Büro, es war mein Bewerbungsgespräch. In dem Magazin, in dem er arbeitete, war der Chef eine Legende. Er hatte weite Teile des Blattes umgestaltet. Mehr Bilder, mehr Formen, mehr Leben. Der Chef zog einen Ordner aus dem Schrank. "Was glauben Sie, was das ist?" – "Ein Ordner", sagte ich, um auf der sicheren Seite zu sein. – "Ein Dokument des Hasses!", rief mein Chef und warf den Ordner auf den Tisch. "Briefe und E-Mails von Lesern und Kollegen, denen meine Arbeit nicht passt!" Der Ordner war dick. Sehr dick. Der Chef blätterte durch die Seiten, klappte den Ordner zu und sagte: "Nur die Harten kommen in den Garten!"

Ich bekam den Job. Das Magazin bekam finanzielle Probleme. Und mein Chef einen Herzinfarkt.

Kritik von Lesern und Kollegen bin ich mittlerweile gewohnt. Auch von Freunden. Wobei es schon ein bisschen her ist, dass ein Freund dabei zwischen Person und Umständen trennte.

Mario und ich hatten zusammen den Kindergarten besucht und die Grundschule. Wir hatten Playmobil miteinander gespielt und Fußball. Jetzt waren wir 15. Ich steckte in der Pubertät. Mario steckte in Mickymaus-Pullovern. Er lehnte die Pubertät ab.

"Ich mag dich", sagte Mario. "Aber du benutzt Wörter wie 'cool' und 'geil'. Außerdem gab es bei deiner Geburtstagsparty Alkohol und Mädchen." Deshalb sei er nicht gekommen, trotz Einladung. Seine Vorwürfe entsprachen der Wahrheit. "Zum Glück", sagte ich. "Okay, dann müssen wir jetzt leider getrennte Wege gehen", sagte Mario. So etwas hat nie wieder ein Mann zu mir gesagt.

Marios Weg führte ihn als Austauschschüler nach Liverpool und dort auf ein Punkkonzert. Das Konzert fand auf einem Hausboot statt, Marios Entjungferung auf der Toilette des Bootes. Ihr Name war wohl Polly. Aber so ganz genau wusste Mario das nicht mehr, nach neun Bier.

Morgen gehe ich mit der Freundin etwas trinken. Privat.