Mit der berühmten Schwarmintelligenz ist es nicht anders geschehen als mit der berühmten Odenwaldschule: Der Nimbus ist weg. Beide sind an sich selbst zugrunde gegangen, ein eigentlich recht befriedigender Umstand, wenn man von den Opfern absieht. Das Konzept des liebevollen Miteinanders von Lehrern und Schülern, das sich in der Praxis als Tarnadresse pädophiler Begehrlichkeiten erwies, ist jedenfalls auf ähnliche Weise ruiniert wie der gute Ruf jener Schwarmintelligenz, die sich vor allem im Internet entfalten sollte, dort aber bisher nur in Form des Shitstorms in Erscheinung trat. Was sagen die Reformpädagogen und die Schwarmintelligenztheoretiker heute dazu? Nun, sie sagen natürlich nichts dazu, aber das ist der normale Gang der Dinge bei dem geschichtsphilosophischen Vorgang der Selbstentzauberung.

Stalinisten, soweit es sie noch gibt, äußern sich ja auch nicht ausführlich zu Gulag und Schauprozessen. Man wird ihnen kaum den Gedanken nahebringen können, dass der real existierende Sozialismus an sich selbst zugrunde gegangen sei; vielmehr wird dafür wahrscheinlich der gute alte Klassenfeind verantwortlich gemacht werden. Indes muss die Frage erlaubt sein, was den Klassenfeind seinerzeit an die Odenwaldschule geführt hat beziehungsweise was er noch heute mit dem Schwarm der Internetnutzer anstellt, damit sie kübelweise Scheiße auf ausgewählte Mitbürger niederregnen lassen? Manches spricht dafür, dass der Klassenfeind vom Gedanken des Wettbewerbs ebenso wie von einer faustischen Wahrheitssuche besessen ist: Alle sollen bis zu jener Höchstleistung getrieben werden, in der sie den Kern ihrer Tüchtigkeit offenbaren.

Glücklicherweise gilt aber auch, dass der Klassenfeind nichts ist ohne eine Klasse, die er bearbeiten kann. Anders gesagt: Ohne die kollektive Verfasstheit seiner Opfer müsste er sich jeden Charakter einzeln vornehmen, was entsprechend mehr Arbeit macht. Ist der Klassenfeind am Ende faul? Darauf deutet, dass er sich nach dem Untergang des Sozialismus und der Odenwaldschule bevorzugt im Internet eingerichtet hat, wo ein Klick genügt, um das Böse im Menschen freizusetzen.

Im 19. Jahrhundert nannte man den Pöbel, der heute als Netzmeute firmiert, "die Straße", was allerdings auch hieß, dass man tatsächlich das Haus verlassen musste, um mit Schmutz zu werfen. Das geht jetzt leichter. Womöglich ist dieser Prozess zunehmender Bequemlichkeit bei gleichzeitig wachsender Effizienz genau das, was die Geschichtsphilosophie als Fortschritt bezeichnet.