In Oxford, dort, wo sich heute der Biergarten des Pubs The Head of the River zum Ufer der Themse senkt, sind sie am 4. Juli 1862 an Bord gegangen: Charles Dodgson, besser bekannt unter seinem Pseudonym Lewis Carroll, und das zehnjährige Mädchen Alice Liddell. Sie bestiegen ein Ruderboot des Salter’s Boatyard, den es heute noch gibt, und fuhren nordwärts, die Themse hinauf. In ihrer Begleitung befanden sich Alice’ Schwestern Lorina und Edith sowie, als Ruderer, Dodgsons Freund, der Pfarrer Robinson Duckworth. Dieser Freitag war, so die Legende, der Geburtstag eines der berühmtesten Kinderbücher: Alice im Wunderland.

Die Themse hat in Oxford nichts von jener weltstädtischen Majestät, die sie in London auszeichnet. Ihr Wasserlauf ist nicht breit, acht bis zwölf Meter vielleicht, und nicht sehr tief. Die Einheimischen nennen sie Isis, was sich von ihrem romanisch-keltischen Namen Tamesis ableitet. Und wie die ägyptische Totengöttin hat auch diese Isis ihre Tücken. In regnerischen Sommern tritt sie über die Ufer und überschwemmt entschlossen das umliegende Marschland und die niedrigen Regionen der Innenstadt.

Meist aber ist sie träge, als sei sie sich nicht schlüssig, ob sie wirklich nach London will. Ein ländlicher Fluss, dessen Ufer Weiden, Ulmen, Schilf und niedrige Pappeln säumen. Sechs, sieben Stunden wird die Gesellschaft um Lewis Carroll und Alice Liddell darauf unterwegs gewesen sein. Und nach kurzer Zeit dürfte sich auf dem Boot jene anregende Flachlandlangeweile ausgebreitet haben, die mit einer guten Geschichte vertrieben werden kann. Charles Dodgson tat, was er meisterhaft beherrschte, denn er hatte schon viele Bootsfahrten mit den Mädchen unternommen: Er begann zu erzählen. Der Unterschied zu den früheren Ausflügen lag darin, dass Alice ihren erwachsenen Freund am Ende der Reise bat, die Geschichte für sie aufzuschreiben.

Der 4. Juli ist für die Alice-Forschung entscheidend, weil sich an diesem Datum noch etwas Bedeutendes ereignete. Am 4. Juli 1865, also vor 150 Jahren, erschien Lewis Carrolls Geschichte in der Oxford University Press als Buch. Das Jubiläum wird nun weltweit gefeiert, eine eigene Homepage listet Events von Österreich bis Argentinien auf. Der Zentralort der Ereignisse ist Oxford: Zum Alice Day am 4. Juli werden Fans aus aller Welt erwartet, welche die Stadt in ein großes Wunderland verwandeln sollen. Das irre Personal des Buches wird sich in die Straßen ergießen, mit frei laufenden weißen Hasen, tanzenden Hummern, rauchenden Raupen, verrückten Hutmachern, "Kopf ab!"-brüllenden Herzköniginnen und grinsenden Katzen ist in Massen zu rechnen.

Ich bin eine Woche vor dem großen Fest in Oxford: Ob es hier immer noch eine Pforte ins Wunderland gibt? Als Kind war mir Lewis Carrolls Geschichte eher unheimlich. Alice wird bedrängt von schnippisch-sturen Wesen und unfreundlichen Majestäten, zwischen denen sie sich ihren Platz suchen muss. Ganz so, wie alle Kinder es wohl tun, wenn sie unter die Erwachsenen oder Stärkeren geraten. Sie muss sich verbiegen, klein machen oder strecken – und wird doch immer gemaßregelt, düpiert, abgekanzelt. Und sie macht Erfahrungen, welche sich die Leserschaft nur damit erklären konnte, dass Dodgson seine Erzählung unter Drogeneinfluss geschrieben habe (was aber eher unwahrscheinlich ist). An einer Stelle sagt die sprechende Raupe zu Alice: "Wer bist denn du?"

"Ich weiß es selbst kaum", sagte Alice, "ich muss seit dem Aufstehen heute früh wohl mehrere Male vertauscht worden sein."

"Wie meinst du das?", fragte die Raupe streng. "Erkläre dich!"

"Ich fürchte, ich kann mich nicht erklären", sagte Alice, "denn ich bin gar nicht ich, sehen Sie."

"Wer Alice im Wunderland verstehen will", sagt Mark Davies, "muss die Flussläufe dieser Stadt kennenlernen. Oxford wird vom Wasser beherrscht, und auch Alice im Wunderland ist auf dem Wasser entstanden. Ohne die Themse hätte es kein Wunderland gegeben. Wunderland ist, so würde ich sagen, eigentlich waterland."