Als er am Ende zu singen begann, warf Barack Obama einen kurzen Blick hinter sich in die Runde der Geistlichen, ob sie diese Verwandlung eines Politikers mittragen würden: dass nämlich der weltliche Präsident der Vereinigten Staaten seine Trauerrede auf den ermordeten schwarzen Pfarrer Clementa Pinckney in ein geistliches Lied transformiert. Ein amtierender Präsident, der in einer Kirche vor Tausenden eine Hymne auf Gottes Gnade anstimmt: Das gab es noch nicht. Obama hat es im Weißen Haus mal Mick Jagger zuliebe mit dem Singen versucht und Sweet Home Chicago in ein Mikrofon geträllert, musikalisch ist der Mann. Aber: Gnade?

Die allerersten Worte des Lieds Amazing Grace, das Obama nun in Charleston anstimmte, hat er noch tastend gesungen. Aber da hatte der Klang schon alle erfasst, die Trauergemeinde war von den Sitzen gesprungen, um sich zu einer der bekanntesten Melodien der Welt zu wiegen. Eine Spannung, die seit Jahrhunderten währt, schien sich zu lösen. Obamas Stimme, ein geübter Bariton, wurde mit jeder Silbe fester, sie öffnete sich weit in den Raum, alle Sorge, ob er den Ton treffen würde, war dahin, denn auf den Ton war der Raum längst gestimmt, und Obama hat ihn getroffen. Als sei nun, nach dem neunfachen rassistischen Mord von Charleston, endlich der Zeitpunkt gekommen, zu bezeugen, dass der erste schwarze Staatschef der Vereinigten Staaten auch der Präsident des schwarzen Amerikas ist. Und dass die schwarze Gemeinde die Gerechtigkeitshoffnung für das ganze bunte Amerika ausdrückt.

Der angeblich mächtigste Mann der Welt beginnt zu singen, nachdem er erklärt hat, nun habe es genug Worte über die Rassenfrage gegeben: Allein diese gewagte Umformung der Macht in ästhetische Erfahrung würde genügen, um zu erklären, warum die Öffentlichkeit durch diese Trauerfeier plötzlich zu beben schien. Die Hilflosigkeit der Politik, das Spiel mit der Menschenfischerei, die Überwältigung durch Musik, all das lag in der Luft: Wie könnte Gesang fehlenden Polizeischutz und die Üblichkeit rassistischer Gewalt übertönen?

Es war indes nicht irgendein christlicher Lobgesang, den Obama anstimmte, um Politik, Theologie und Kunst durch ein gefälliges Heilssonderangebot zu versöhnen. Es war vielmehr jenes Lied aus der Gründerzeit der Vereinigten Staaten, veröffentlicht 1779, das ein weißer englischer Sklavenhändler gedichtet hat, um Gott für die Errettung seines Sklavenschiffs aus der Seenot zu danken: Mit der Hymne Amazing Grace besang jener John Newton seine eigene Bekehrung zum Christentum, die ihn bald darauf zum politischen Gegner der Sklaverei werden ließ. Ein Mensch kann sich ändern, sagt also sein Lied, er muss kein blinder Apologet von Unrecht und Gewalt bleiben, und die Hoffnung darauf ist nicht schwarz oder weiß: "Amazing grace / How sweet the sound, / That saved a wretch like me! / I once was lost, but now am found / Was blind, but now I see."

Die Erweckung der Verblendeten durch Gottes Gnade, die kein Mensch je verdient und die Menschen doch durch Gott zuteilwerden kann – solche Gewissheit taugt gut als Brandsatz für religiöse Eiferer jeder Couleur. Obama aber hat die Linie zwischen geistlicher und weltlicher Gewissheit klar anders gezogen: Die Demokratie hat die biblischen ihrer Ursprünge durch die Idee der Menschenrechte in eine Politik der Gerechtigkeit transformiert und stellt diesen Anspruch seither an jeden ihrer Bürger.

Die Hoffnung ist für alle realgeschichtlich verbürgt durch die Abschaffung der Sklaverei, und in den schwarzen Gemeinden von Charleston drückt sie sich darin aus, dass ausgerechnet die Opfer des Hasses mit der Überwindung des Hasses beginnen. Das ist politisch so entschieden weltlich wie geistlich inspiriert. Aus der Erweckungshymne Amazing Grace wurde in den 1960er Jahren ein Kampflied der amerikanischen Bürgerrechtler, in diese Tradition hat sich Obama in meisterlich zivilreligiöser Rhetorik gestellt. Die schwarze Kirche: "unser klopfendes Herz". Den Rassismus, den Hunger, das Elend, die Gewalt schaffe man aus der Welt, weil der Kampf gegen sie ein politischer Imperativ der Gerechtigkeit sei. Doch sei er, zugleich, für alle, die es glauben, seit Jahrtausenden ein Ausdruck der Gnade: Amazing Grace.

Ein uraltes Wort: Eine Woche lang, sagte Barack Obama, habe er seit den Morden von Charleston über die Gnade nachgedacht, die auf die unverfügbare Güte verweise, die Menschen ausmache und sie dafür öffne, in der Stimme des anderen das eigene Bedürfnis zu hören, gehört zu werden. Dass die eigene Freiheit davon abhänge, dass der andere frei sei. "Zu lange waren wir blind": Dies war auch die Rede eines Präsidenten, der um der Wählbarkeit willen allzu lange vermieden hat, deutlich von der Realität des Rassismus zu sprechen, im ersten Wahlkampf, in der ersten Wahlperiode erneut, und der nun, zum Ende seiner zweiten Amtsperiode, endlich Farbe bekennt.

Aber wer zu singen beginnt, redet ja nicht auf andere Weise nur weiter, sondern er singt. Worte allein bringen Menschen nicht als leibseelische Wesen zum Klingen. Wer singt, wechselt die Sphäre. Mit diesem Lied, das die Tiefe der politischen Geschichte öffnet und das zugleich jeder kennt, das jedem offensteht, kann vernehmbar werden, was sonst nicht zu hören wäre: dass sich der Schmerz in Klang umwandeln lässt, dass eine Gemeinschaft sich erst im Klang aller Stimmen wahrnehmen, vergewissern und fortan ihrer selbst erinnern kann. Die Sehnsucht, sich mit Liedern musikalisch aus der politischen Sphäre zu entfernen und sie erst so neu herbeizusingen, war in Charleston zu hören: als das uralte Lied der Hoffnung auf Anerkennung der Gleichheit.

In diesen Sommertagen Amerikas muss man das Gleichheitsversprechen nicht für eine Chimäre halten, nicht für Ideologie und das Lied nicht für eine Sentimentalität. Denn Amerika feiert zugleich einen ganz anderen, ganz unwahrscheinlichen Sieg der Gleichheit vor dem Gesetz, der in der oft qualvoll puritanischen Historie der Geschlechter brandneu ist – unerhört: Der Oberste Gerichtshof hat die homosexuelle Ehe in allen der Vereinigten Staaten legalisiert und damit auch für das alte Europa die Maßstäbe neu gesetzt. "Wenn er in den Raum trat", hat Obama über den ermordeten Pfarrer Pinckney gesagt, "dann war es, als betrete die Zukunft den Raum." Amerika weiß ein Lied davon zu singen.