Auch Goethe konnte garstig sein. Über seinen jungen Sekretär, der aus einer "guten Familie" stammte, urteilte er 1813: "Diese Menschen wollen sich und nicht der Herrschaft leben und so ist es besser, man scheidet." In seinem Entlassungszeugnis für die Köchin Charlotte Hoyer heißt es: "Sie zeigt sich widerspenstig, zudringlich, grob, und sucht diejenigen die ihr zu befehlen haben, auf alle Weise zu ermüden."

Allerdings hatte es Goethe auch nicht ganz leicht. Der Alltag im Residenzstädtchen Weimar war sehr beschwerlich. Sein Nachbar war ein Leineweber, und das Schlagen der Webstühle zermürbte den Dichter. Zudem schien der Krach der Kegelbahnen im nahe gelegenen Gasthaus vor allem an den Wochenenden unaufhörlich zu sein. Vermutlich war es auf den Straßen, obwohl es keine Autos gab, eher lauter als heute. Ständig läuteten Glocken, die ungefederten Räder der Kutschen und Karren ratterten in einem fort über das resonanzverstärkende Pflaster. Postillione, Nachtwächter und die Türmer auf den Wehrgängen der Stadtmauern trompeteten, was das Zeug hielt. Auf die Bediensteten musste man ein Auge haben: Noch der 80-jährige Goethe schlief mit dem Schlüssel zum Holzschuppen unter dem Kopfkissen – Holz war kostbar.

Preisendörfer nennt sein Buch im Untertitel verschmitzt Reise in die Goethezeit, und da tauchen natürlich zunächst ganz andere Assoziationen auf: Der Geist der Goethezeit, wie das vierbändige Monumentalwerk von Hermann August Korff heißt, ist der Inbegriff einer deutschen Sehnsucht, bildungs- und kulturgesättigt. Heinrich Heine nannte das Phänomen schon ein bisschen ironischer "Kunstperiode". Preisendörfer zeigt sich den Höhenflügen der Kunst gegenüber nun keineswegs abgeneigt, aber ihn interessieren vor allem die Grundlagen, die man eher nicht im Blickfeld hat. Er nimmt zum Beispiel die "Reise" wörtlich: Man hatte es im besten Fall mit Postkutschen zu tun, die sich mühsam über unausgebaute Pfade quälten und zwischen sieben und zwölf Kilometer pro Stunde erzielten.

Die Poststationen, an denen die Pferde gewechselt werden mussten, lagen durchschnittlich 25 Kilometer auseinander. Man war von den oft durstigen Kutschern abhängig, von den Wagenmeistern, die die Achsen schmierten und "die selbst ein wenig geschmiert werden wollten", von Stallknechten und Schirrmeistern. In den Wirtshäusern gab es Blutsauger, Strohsäcke mit Flöhen und Wanzen. Adelbert von Chamisso sprach von der Postkutsche als einer "Martermaschine". E.T.A. Hoffmann verlor fast seine Frau, als kurz vor Meißen ein junges Pferd scheute und den schwer beladenen Wagen umriss – "das Blut strömte aus dem Kopfe". Und zwischen Berlin und Potsdam, auf losem Sand, konnte man gelegentlich erleben, dass Frachtwagen "18 bis 20 Pferde vorhatten, und doch nicht von der Stelle kamen. Die Pferde waren wie mit weißem Schaum bedeckt."

Bruno Preisendörfer hat für die Goethezeit, ungefähr zwischen 1770 und 1830, mit viel Genuss nach allen möglichen Materialien und Quellen gefahndet, die nicht vom "Geist" handeln, sondern vom Alltag. Bei den ausufernden Briefwechseln, die in dieser Zeit fast alle Gefühle und Gespräche ersetzen mussten, kommt es ihm auf die unscheinbaren Stellen zwischen Treueschwüren, Freundschafts- und Liebesbekundungen an, in denen von Kleidung, Nahrung, Bettbezügen, Kerzen- und Wasserbeschaffung die Rede ist. Man begreift plötzlich einiges mehr, wenn man erfährt, dass Goethe, eingeladen zum thé littéraire bei Adele Schopenhauer, sich eine Handlaterne für den Rückweg mitnahm. Oder wenn der Verleger Cotta, aus Angst um seinen potenziellen Erfolgsautor Schiller, diesem für sein einschlaggefährdetes spitzes Häuschen eigens einen Blitzableiter bezahlte. Auch dass der große Hegel für seine Vorlesungen den Tabak anscheinend mit Cannabis gestreckt hat, wirft ein erkenntnisheischendes, etwas schrägeres Licht auf die Philosophiegeschichte.

Der Gestank war ungeheuer. In den Häusern brannten Kerzen aus Rindertalg mit Blut- und Geweberesten. Mühsam wurde durchgesetzt, die Nachttöpfe erst nach 23 Uhr aus den Fenstern zu entleeren. Angesichts des Zustands der Straßen trugen die Berliner "jahraus, jahrein Stiefel", wie Heinrich Heine bemerkte, "denn wer einmal Schuhe anziehen will, muss sich auch notwendig fahren lassen". Preisendörfer berichtet, dass Biersuppe und Butterbrot die wesentlichen Nahrungsmittel waren und dass "Abtreiben" den komplizierten Vorgang bezeichnete, die Butter vom konservierenden Salz zu befreien.

Es war ein ungeheurer Kampf der Aufklärung, die "Schnürbrust" abzuschaffen, um die von engen Korsetts nach oben getriebenen weiblichen Brüste ein wenig zu befreien und es auch adligen Damen zu erlauben, selbst zu stillen und diesen "Sieg über die Ammen" als Fortschritt zu begreifen. Parallel dazu erfand allerdings ein gewisser Campe eine Anti-Erektions-Spange für junge Männer, um Masturbation zu verhindern. Man hatte im Übrigen keine Unterhosen, sondern knielange Hemden, und generell trug man sehr viele und sehr komplizierte Sachen. Als Friedrich Wilhelm III. sich 1797 in Bad Pyrmont zum ersten Mal in langen Hosen zeigte, die bis dahin nur die revolutionären Jakobiner getragen hatten, war das ein ungeahnter Durchbruch in Sachen Mode. Preisendörfers Buch ist eine Fundgrube, aus der man unentwegt zitieren möchte. Ein letztes Detail sei noch gestattet, es betrifft die Schminke der Damen: Um 1800 soll sich in Wien ein junger Engländer "auf dem Gesicht der Frau von G. die Bleikolik erküsst haben und daran gestorben seyn".

Das hat alles mehr mit Goethe zu tun, als man glaubt. Dem Gretchen-Motiv, der Kindsmörderin, widmet Preisendörfer ein sozialgeschichtlich aufschlussreiches Kapitel. Darin zeigt sich genauer, wie es mit der Literatur als dem deutschen Reich der Freiheit bestellt war: "Im hässlichen Leben stand Goethe aufseiten der Obrigkeit, in der schönen Literatur aufseiten der Frauen." Sein Freund Schiller hat das auf den Punkt gebracht: "Freiheit ist nur in dem Reich der Träume." Preisendörfer ist nicht unbedingt polemisch, aber er gibt sanfte Fingerzeige, mit denen auch die Literaturgeschichte plötzlich bewegter und spannender erscheint. Und er gönnt es sich, dass das letzte Wort in seinem großen, mehr als 500 Seiten umfassenden Schatzkästlein nicht Goethe hat – der hat nur das vorletzte –, sondern des Autors schlitzohriger, boden- wie auch luftständiger fränkischer Landsmann Jean Paul.