DIE ZEIT: Mister Jones, welcher der drei Terroranschläge war der bedrohlichste: die Enthauptung in Frankreich, die Erschießung von Strandurlaubern in Tunesien oder der Selbstmordanschlag auf die Moschee in Kuwait?

Seth Jones: Schwierig, die Toten gegeneinander aufzuwiegen. Am bedrohlichsten ist das Muster, das diese Morde verbindet: Sie wurden von Einzelnen verübt, mit wenig Vorbereitung und wenig Waffen. Bei Tunesien und Kuwait alarmiert mich die Unerschrockenheit, mit der die Täter in den öffentlichen Raum einbrachen, um möglichst viele Menschen zu töten. Frankreich zeigt abermals, dass auch Europa nicht sicher ist.

ZEIT: Einige Kommentatoren beschwichtigen uns mit dem Argument, dass die Aktionen nicht koordiniert waren. Finden Sie das beruhigend?

Jones: Nein, im Gegenteil. Alle Täter beriefen sich auf den "Islamischen Staat". Solche inspirierten Attacken fordern zwar weniger Opfer als etwa der koordinierte Anschlag von 9/11, sie sind aber nahezu unvorhersehbar und vorab kaum zu ermitteln.

ZEIT: Ein Sprecher des IS hatte vorige Woche dazu aufgerufen, im Fastenmonat Ramadan möglichst viele "Ungläubige" zu töten.

Jones: Abu Muhammad al-Adnani sagte wörtlich: "Muslime, zieht in den Dschihad! Mudschahedin, macht den Ramadan zum Desaster für die Ungläubigen!" Solche Aufrufe im Ramadan kennen wir schon von Al-Kaida und den Taliban. Neu ist, dass Al-Adnani verspricht, wer im heiligen Fastenmonat töte, bekomme im Himmel eine noch größere Belohnung.

ZEIT: Warum finden solche lächerlichen Versprechen Gehör? Die Sympathie für Al-Kaida war nie so groß wie die für den IS. Was hat sich seit 9/11 verändert?

Jones: Die Überzeugungskraft des Dschihad hat zugenommen, auch weil die Dschihadisten sich weniger auf das Bilden von Zellen konzentrieren als auf die Inspiration aller. Schon Al-Kaidas Propagandamagazin hieß Inspire, und jetzt rekrutiert Daaisch (arabischer Name für den IS, Anm. d. Red.) nicht nur Kämpfer, sondern unausgebildete Muslime. Nach 9/11 war das die Ausnahme, jetzt ist es die Norm: ob in Ottawa, Sydney, Paris, Brüssel oder Burland, Texas.

ZEIT: Experten sprechen von Selfmade-Terror und warnen, man brauche dazu keine Waffen, nur ein Auto oder ein Messer. Ist das nun ein Krieg oder nicht?

Jones: Der Al-Kaida-Führer Aiman al-Sawahiri und der Kalif des IS Abu Bakr al-Bagdadi sehen es jedenfalls als Krieg. Ihr Ziel ist, die bestehenden Regime in West-, Nord- und Ostafrika, in Nahost und in Südasien zu überwinden und dort eine extreme Form der Scharia zu etablieren. Für sie ist es ein Eroberungskrieg.

ZEIT: Und für uns? Bisher haben Europa und die Vereinten Nationen diese Kriegserklärung ignoriert.

Jones: Wir sollten sie ernst nehmen – und mit einem Set sehr verschiedener Mittel reagieren. In einigen Fällen ist Militär nötig, so im Irak und in Syrien, wo der IS Panzer und schwere Waffen einsetzt. In Europa dagegen müssen Polizei und Strafverfolgungsbehörden mehr tun. Geheimdienste sollten radikale Gruppen infiltrieren, ihren ideologischen Zusammenhalt und ihre finanzielle Absicherung unterminieren. Es wäre ganz falsch, sich auf eine einzige Gegenstrategie festzulegen, ob nun militärisch oder nichtmilitärisch.

ZEIT: Was hat bisher funktioniert?

Jones: Zum Beispiel die von den Franzosen angeführte Offensive in Mali und die saudischen Aktionen gegen Al-Kaida auf der Arabischen Halbinsel. Die Lehre aus diesen schwierigen Fällen lautet aber: Der Fußabdruck internationaler Truppen sollte möglichst schwach sein. Stattdessen müssen wir lokale Streitkräfte und den Widerstand friedlicher Muslime vor Ort stärken. In den genannten Fällen konnten wir auch die Finanzierungswege der militanten Gruppen abschneiden.

ZEIT: Was war der Fehler der Amerikaner 2003 im Irak?

Jones: Der massive Einsatz konventioneller Bodentruppen. Wir müssen lokalen Kräften helfen, die Dschihadisten zu isolieren, zumal die muslimische Mehrheitsbevölkerung keinen Heiligen Krieg will.