Wenn Sie diesen Artikel lesen, machen sich weltweit 42.500 Menschen auf, um Krieg, Hunger, Gewalt und Hoffnungslosigkeit zu entkommen. Morgen werden es abermals genauso viele sein und übermorgen wieder. Die Schicksale der Flüchtlinge verändern auch die unseren, ob wir wollen oder nicht. Wenn sie in Europa ankommen, werden ihre Gesichter, ihre Geschichten zu einem Teil unseres Alltags.

Es gäbe deshalb viel zu erzählen über die Gräuel, die im 20. Jahrhundert als Vertreibungen, als Umsiedlungen oder ethnische Säuberungen bekannt wurden. Das Thema ist historisch, aber wegen der atemberaubend hohen Flüchtlingszahlen zugleich drängender und aktueller denn je. Das betont auch die Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung auf ihrer Website – nur ist das so eine Sache mit der Versöhnung. Bis 2018 soll die staatliche Stiftung im Deutschlandhaus in Berlin eine Dauerausstellung und eine Dokumentationsstätte eröffnen, die sich mit Zwangsmigration beschäftigen. Doch das Vorhaben steckt in einer Krise, weil die Vertriebenenlobby ihre Vorstellungen durchsetzen will. Kurzum, es geht um die Frage, ob ein Projekt, das für Versöhnung und internationalen Austausch stehen will, am Ende nur viel Streit und verspieltes Vertrauen bringt.

Nun hat die Stiftung einen neuen Direktor bekommen – und prompt traten aus Protest fünf Historiker aus dem wissenschaftlichen Beirat der Stiftung zurück, zwei Polen und drei Deutsche. Von den einst 15 Historikern ist mittlerweile kaum jemand aus dem Ausland mehr dabei. Alles nicht so schlimm, mag sich die Staatsministerin für Kultur denken, schon bald wird der Beirat turnusmäßig ohnehin neu besetzt. Neue Namen, neue Chancen, weiter geht’s.

Das aber wird nicht funktionieren. Der wissenschaftliche Beirat ist Absicherung und Korrektiv zugleich, denn wenn Deutsche an ihr Leid erinnern, kann das keine innerdeutsche Angelegenheit sein; es ist ein heikler diplomatischer Drahtseilakt, gerade mit den Nachbarländern. Der Beirat als Beratergremium wurde daher mit namhaften deutschen und internationalen Historikern besetzt. So sollte sichergestellt werden, dass es keinen deutschen Alleingang, keine Politisierung der Geschichte geben werde (Vertreter der Vertriebenen im Stiftungsrat schwadronierten schon mal von einer Mobilmachung Polens im Sommer 1939).

Doch es scheint, als sei das internationale Gremium nur Zierde – von außen schön anzusehen, aber nach innen am besten ohne Funktion. Einige der Wissenschaftler im Beirat beklagen sich: Sie würden bei wichtigen Entscheidungen übergangen. Die Vertriebenenlobby, mit sechs Mitgliedern übermäßig im Stiftungsrat vertreten, versuche, das Projekt für ihre Vorstellungen zu benutzen. Die Geschichtspolitik werde provinzialisiert, sagt der Leipziger Professor Stefan Troebst, der jetzt zurückgetreten ist. Die Entscheidung für Wilfried Halder als neuen Direktor – bei 40 Bewerbern – wirkt da wie eine Bestätigung all dieser Bedenken und Kritik. Halder war bislang im Gerhart-Hauptmann-Haus in Düsseldorf tätig, das sich vor allem mit den "deutschen Ostgebieten" und den Belangen deutscher Vertriebener befasst.

Dabei wurde bereits der alte Direktor abgesetzt, weil der Beirat ihm vorwarf, nicht ausreichend zu kommunizieren, die internationale Vernetzung zu vermeiden, Vertrauen zu verspielen.

Es ist nichts Anrüchiges daran, zu erinnern, was Deutsche erlitten haben, als sie vertrieben wurden, im Gegenteil: Ihre Erfahrungen müssen Teil der deutschen Geschichte sein – und sind es auch längst. Doch es braucht den historischen Kontext. Von erlittener Vergeltung lässt sich nur dann erzählen, wenn auch erzählt wird, warum vergolten wurde.

60 Millionen sind derzeit auf der Flucht – so viele, wie die Flüchtlingsorganisation UNHCR nie zuvor gezählt hat. Es wäre die Chance, über die Instrumentalisierung von Menschen, über staatlich organisierte Vertreibung und über verlorene Heimat zu erzählen. Im besten Fall könnte das Erlebte Generationen und Herkünfte verbinden. Dafür aber müsste man sich von der Fixierung auf deutsche Leiden lösen.