Es riecht immer noch nach Rauch, auch Tage nach dem Brand. Auf dem Fußweg stehen verkohlte Betten. Sie waren nagelneu, noch in Plastikfolie eingeschweißt. Eigentlich sollten in diesen Betten Asylbewerber schlafen.

In der Nacht von Samstag auf Sonntag hat in Meißen, eine halbe Autostunde elbabwärts von Dresden gelegen, ein frisch saniertes Mehrfamilienhaus gebrannt. Der Besitzer des Gebäudes, ein Bauunternehmer aus dem Ort, hatte schon alles hergerichtet für den Einzug von 32 Flüchtlingen. Jetzt, nach dem Brand, hat er einen Brief ins Fenster gehängt, es ist ein Brief voller Bitternis und verzweifeltem Sarkasmus: "Werte Brandstifter, Glückwunsch zu Ihrer tollen Leistung. Aber offensichtlich können Sie in Ihrer geistigen Beschränktheit nicht anders und fühlen sich dabei auch noch als Helden. Danke sagen 65 Meißner Bauarbeiter", deren Arbeit "wegen Ihres heroischen Einsatzes für das Abendland" vergeblich gewesen sei.

Das suggeriert, dass Pegida – die "Patriotischen Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes" – den Boden für solche Exzesse bereitet haben könnte. Jene Bewegung also, die noch vor wenigen Monaten Zehntausende Demonstranten auf Dresdens Straßen lockte – und die jetzt wie ein Brandbeschleuniger zu wirken scheint. Denn im Umgang mit Asylbewerbern droht die Lage in Sachsen außer Kontrolle zu geraten. Und es sieht so aus, als hätte das nicht wenig mit Pegida zu tun.

In Dresden hat die Bewegung zunehmend Mühe, noch eine relevante Zahl an Pegidisten zu mobilisieren. Dafür aber entwickelt sie sich großflächig zu einer Art Filialbetrieb: In kleinen, radikalen Einheiten drangsalieren Pegida-Anhänger – die schon immer aus der Provinz zu den Demos nach Dresden angereist waren – die sächsischen Kleinstädte, in denen sie zu Hause sind. Sie starten vor Ort Demonstrationen gegen Asylbewerber, laden prominente Pegida-Redner auf ihre Bühnen ein. Sie sorgen damit für ein Klima, in dem Aggression gegen Flüchtlinge wachsen kann. Und in dem sich einige offenbar zunehmend zu Gewalttaten angespornt fühlen.

Man kann das täglich in der Zeitung lesen: Kaum ein Tag vergeht in Sachsen derzeit ohne Attacken auf Flüchtlingsunterkünfte, nicht nur in Meißen. In der Stadt Freital, direkt vor Dresden gelegen, sind bis zu 100 Polizisten im Dauereinsatz, weil hier Abend für Abend Wutbürger vor dem ehemaligen Hotel Leonardo aufmarschieren: einem Haus, das die Sächsische Landesdirektion kurzfristig zur Erstaufnahmeeinrichtung erklärt hatte. 300 Flüchtlinge leben dort; viele von ihnen in Angst. In der vergangenen Woche versammelten sich zeitweise über 150 Menschen vor dem Heim. Sie nennen sich Asylkritiker, aber ein großer Teil von ihnen sind Neonazis und Hooligans, die in Sprechchören brüllen: "Kriminelle Ausländer: Raus! Und der Rest: Auch raus!" Immer wieder heben sich Arme zum Hitlergruß. In Sachsen zählten die Behörden allein bis Ende Mai 31 Anschläge auf Asylbewerberheime.

Der Einfluss von Pegida ist dabei augenfällig: So wohnt Lutz Bachmann, immer noch Pegida-Anführer, in der Nähe von Freital. Er selbst hat vor dem Heim protestiert und im Internet immer wieder zum "Widerstand" gegen die Flüchtlinge aufgerufen. Auf Facebook empfahl er, zum "Glücksritter-Heim" zu kommen, "wo in einer Überrumplungsaktion 150 Asylbewerber angekarrt worden sind".

Ähnlich ist es in Meißen. Dort hat die "Initiative Heimatschutz", die Stimmung gegen Flüchtlinge macht, die Pegida-Rhetorik übernommen. Die Gruppe hatte am Samstag vor dem Anschlag auf einer Meißner Brücke ein Transparent entfaltet: "Schweigen heißt zustimmen – es ist unser Land". Auch Siegfried Däbritz, einer der Frontmänner von Pegida, mischt in Meißen mit. Im Netz gibt er Tipps für die Reise vor das Leonardo-Hotel: "Freunde, wenn ihr heute nach Freital reist, um euren Unmut kundzutun, passt auf euch auf. Die rote SA karrt ihre Randalierer aus Leipzig, Berlin und anderswo heran."

Gemeint sind die Gegendemonstranten, die sich Abend für Abend auf der anderen Seite aufgebaut haben, als Schutzwall vor dem Eingang des Flüchtlingsheims. Die meisten von ihnen sind Antifa-Sympathisanten. Ihr Protest ist mehrheitlich friedlich bis fröhlich.

Wer dagegen durch die Reihen der Freitaler Asyl-Widerständler schaut, sieht etliche Shirts mit Pegida-Schriftzug. Jens Lorek, bekannt als Pegida-Anwalt, stellt sich bei den Freitaler Zusammenkünften als Versammlungsleiter vor. "Alina", eine Pegida-Frau mit fast punkiger Frisur, dirigiert in Freital als Einheizerin in vorderster Front die Sprechchöre.

Einst zog die Pegida-Bewegung ihre Kraft aus dem Umstand, dass sie nur schwer einzuordnen war. Sie inszenierte sich als Sprachrohr eines besorgten Bürgertums, das sich von seinen politischen Vertretern alleingelassen fühlte. Ein offen rechtsextremistisches Auftreten vermied Pegida. Das ist vorbei, nun tobt der üble Rest, vor allem in Sachsens Provinzen. Die Zersplitterung der Bewegung macht sie umso gefährlicher – und sie trifft auf eine weitgehend tatenlose Landesregierung.

Denn Sachsens Politik, blass um die Nase, blass im Handeln, schaut lethargisch zu. Ministerpräsident Stanislaw Tillich (CDU), der sich in der Vergangenheit nie an Brennpunkten des rechtsextremen Protests sehen ließ, hat diesmal – zumindest für seine Verhältnisse – rasch reagiert; er reiste nach Meißen und Freital, verurteilte hier den "feigen Anschlag" und dort die "Hetze und Gewalt", man habe "leider Gottes" eine schwierige Situation. Sprach’s und brauste wieder davon. Anwohner des Asylheims in Freital, die darauf gehofft hatten, ein paar Worte mit ihrem Landesvater zu wechseln, blieben verdutzt zurück. Tillichs Regierung muss sich vorwerfen lassen, in der Kommunikation mit Kommunen, die Asylbewerber aufnehmen sollen, immer wieder versagt zu haben.

Die langjährige Aussitz-Strategie der sächsischen Union, die seit 1990 das Land regiert, hat sich auf die unteren Ebenen ausgebreitet, auf die Bürgermeister und Landräte. Der CDU-Landrat von Meißen etwa motzte dieser Tage einer MDR-Reporterin ins Mikrofon: "Die rechten Umtriebe sehe ich nicht, die Sie meinen. Ich weiß auch nicht, Sie werden es wahrscheinlich auch nicht beurteilen können. Sie kommen gar nicht von hier. Sie quatschen da ja einen Mist nach." Der Oberbürgermeister von Freital wurde erst gar nicht vor dem Asylbewerberheim gesehen, ist auch für Nachfragen von Journalisten nicht erreichbar.

Inzwischen resignieren sogar jene, die immer dazu aufgerufen haben, die Wutbürger von Pegida nicht zu verteufeln, zum Beispiel Frank Richter, Direktor der Landeszentrale für politische Bildung in Sachsen. In der Vergangenheit warb er für einen Dialog mit Pegida. Jetzt aber sagt Richter, der in Freital wohnt und die Proteste miterlebt hat: "Vieles, was ich dort gesehen habe, muss als menschenfeindlich bezeichnet werden." Die Bürgergesellschaft, die sich solchen Leuten in den Weg stelle, sei vielerorts zu schwach ausgeprägt. "Wer aus Hass handelt, muss isoliert und geächtet werden."

Mitarbeit: Martin Machowecz, Stefan Schirmer

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