In Berlin geschieht es. Im Auge unterschiedlichster Kulturen und Sprachen. In Kreuzberg sitzt der Grafiker, ohne den das New York Times Magazine leere Seiten hätte. Keine Schrift, keine Artikel. Und ähnlich ginge es den Kampagnen von Nike oder von 3M. Internationale Brands benutzen Schriftarten, deren Erfinder Laurenz Brunner heißt und in einem Szeneviertel der deutschen Hauptstadt jeder Mode trotzt. Für den maßgebenden Grafiker-Doyen in der Schweiz, den Gestalter und Verleger Lars Müller, besitzt der 35-jährige Zürcher alle Voraussetzungen, um ganz an die Spitze zu kommen. Und mit ihm eine andere Zürcher Grafikerin in Berlin: Julia Born.

Das Studio Laurenz Brunner befindet sich im Oranien-Hof, zweites Hinterhofhaus, Aufgang A, erste Etage rechts. Leicht zu finden, und leicht geht die Tür auf in die historischen, überhohen Räume. Im Mietshaus mit Gewerbehöfen aus der Jahrhundertwende hatten früher renommierte Firmen wie die Berliner Silberwarenfabrik ihren Sitz. Jetzt tritt ein schmaler Mann aus der Tür, unauffällig, farbneutral, zurückhaltend. Es muss Brunners Assistent sein.

Irrtum, Laurenz Brunner hält sich keine Assistenten. Es gibt ihn nur im Original. Und das ist schmucklos, genau wie seine aufsehenerregendste Entwicklung: eine Schrift namens Akkurat.

Brunner ist ein moderner Schriftgelehrter und Literat im Herzen, Sohn eines Architekten und einer Kunsthistorikerin, einer, der sich der Energie von San Francisco, New York, London, Amsterdam ausgesetzt hat. Dort hat er studiert oder sein Stipendium der Eidgenossenschaft eingelöst. Auf jeden Fall Kontakte geknüpft und sich ein Beziehungsnetz gesponnen.

Zwei Drittel von Brunners Aufträgen stammen aus dem Ausland. Es ist der internationale Austausch, der sein grafisches Handwerk geschärft und geklärt hat und der dazu führte, dass er im Laufe seiner Arbeit bis heute über hundert Schriften entwarf. Denn dieser Büchermensch liebt die Sprache so sehr, dass er auch die Schrift dazu neu entwickeln will, die eine Geschichte erzählt. Ohnehin glaubt Brunner daran, dass die erste Bedingung für eine starke Grafik ein starker Inhalt sei. Seine aktuellste Schrift heißt Circular (2013), sie hat das Magazin der New York Times übernommen; Akkurat ist sein erfolgreichster Wurf, seit rund zehn Jahren auf dem Markt. Brunner begann mit den ersten Skizzen während seines Studiums am Londoner Central St. Martins College.

Museen und Verlage schwören auf die neue Schweizer Schrift Akkurat

Die Akkurat ist Schweizer Sachlichkeit, gepaart mit deutschem Bauhaus, um in einem Annäherungsbild über den typografischen Wurf zu sprechen. Es handelt sich um eine nüchterne und darum wirkungsstarke Groteskschrift mit viel Weißraum und ohne Schnickschnack.

Und genauso arbeitet Brunner, wirkungsstark minimalistisch. Er nennt die Akkurat versuchsweise "objektiv". Für ihn ist sie ein Werkzeug, ein universelles Tool, welches das, was man in der Typografie den Swiss Style nennt, in die Postmoderne weitergedacht hat. Tatsächlich meinen ältere Berufshasen: Die Pioniere des sachlich-schlichten Schweizer Grafikdesigns – in der Person von Josef Müller-Brockmann, Karl Gerstner oder Armin Hofmann – haben 50 Jahre später ihren Erben in Laurenz Brunner gefunden.

Das nächste Projekt ist die Documenta 14

Schriften entwerfen ist ein babylonisches Unterfangen. Die Zeichenzahl von Akkurat ist inzwischen von 256 auf 875 Buchstaben gewachsen, heute gibt es die Schrift in 50 Sprachen. Kenner bezeichnen Akkurat als den einflussreichsten neuen Schrifttyp des letzten Jahrzehnts. Museen auf der ganzen Welt und Verlage wie Penguin Books benutzen sie, Marken wie adidas und Kunstmessen wie die Documenta oder die Design Miami.

Dabei entwirft Brunner Schriften eigentlich nur nebenbei. Hauptsächlich prägt er das Erscheinungsbild von großen europäischen und amerikanischen Museen und Ausstellungen. Von der Website über den Ausstellungskatalog bis zur Visitenkarten. Und en passant gewinnt er damit Preise, in den Niederlanden wie in der Schweiz.

Doch das ist nur die halbe Wahrheit. Denn ohne Julia Born, die Zürcher Grafikerin, wäre Brunner zweifellos weniger als die Hälfte. Doch wer weiß schon, dass Born Schweizerin ist? Sie hat nach ihrem Studium an der Gerrit Rietveld Academie 16 Jahre lang in Amsterdam gelebt, dort 2000 ihr eigenes Studio gegründet und spricht fließend Niederländisch. Auch sie ist "in Büchern" aufgewachsen, wurde entscheidend am Liceo Artistico in Zürich geprägt – und liebt an der Grafik, dass sie die Schrift und die Sprache zusammenführt.

Wer in diesen Wochen in der Schweiz von Swiss Style spricht, muss Born kennen. Und nicht nur als Tochter von Klaus Born, dem Maler, Illustrator und Lehrer für Gestaltung. Swiss Style heißt die aktuelle Grafikausstellung des Zürcher Museums für Gestaltung. Und die Plakate, Broschüren hat Julia Born entworfen. Zudem kommt es nicht selten vor, dass die Eidgenossenschaft sich die Talentierte aus dem Ausland zurückholt, für eine Buchgestaltung meistens.

Seit drei Jahren in Berlin, arbeitet Born mit Brunner an gemeinsamen Projekten, anderes realisiert sie allein; zum Beispiel den Katalog der Foto-Ausstellung Photo-Poetics in der Kunsthalle der Deutschen Bank in Berlin, einem Satellitenunternehmen des Guggenheim-Museums New York.

Ihr nächstes großes Projekt: Das Grafikdesign der Documenta 14

Born besitzt die optimistische Energie, die ihre Leidenschaftlichkeit nach außen führt, die Brunner nach innen wendet. Born und Brunner sind ein Paar, haben Kinder und haben sich, natürlich, durch ihre Arbeit kennengelernt. Und zwar in Amsterdam, wo beide, unabhängig voneinander an der Gerrit Rietveld Kunstakademie studiert haben – und inspiriert wurden.

Dass sie der Schweiz abtrünnig wurden, ist bezeichnend. Internationalität und Weltläufigkeit ist für das Paar Voraussetzung, immer wieder die eigene Arbeit zu überprüfen. Born, geboren 1975, mit eigenem Studio in Kreuzberg, ist dabei die Künstlerin, die erfolgreich unkonventionelle Bücher gestaltet, und das gern in Kollaboration mit Seelenverwandten. Mit der Schweizer Performerin Alexandra Bachzetsis oder der niederländischen Fotografin Uta Eisenreich zum Beispiel, für die sie auch das knallige, bunte Buch A not B gestaltet hat, das postwendend den Preis der "Schönsten Schweizer Bücher" gewann. Auf diese Auszeichnung ist Born, die Bücherinhalte zu sinnlichen, haptischen Kunstwerken ausbaut, sozusagen abonniert. 2011 verlieh ihr die Eidgenossenschaft auch die höchste Würdigung in der Buchgestaltung: den Jan-Tschichold-Preis.

Borns Energie und Brunners Vorliebe für den Minimalismus kommen in der wahnwitzig komplexen Arbeit zusammen, die jetzt vor ihnen liegt. Es ist die bisher größte und die größte denkbare vielleicht auch: Born und Brunner werden das öffentliche Gesicht der Documenta 14 gestalten, Europas Kunstgroßereignis, das 2017 in Kassel und Athen stattfindet. Und wahrscheinlich der weltweit bedeutendste Anlass für zeitgenössische Kunst. Born kennt den künstlerischen Leiter Adam Szymczyk aus dessen Zeit an der Kunsthalle Basel und hat mit ihm bereits erfolgreich zusammengearbeitet.

Und wird es je ein Zurück in die Schweiz geben? In ihre offizielle Heimat, die der Internationalität, wie Brunner und Born sie schätzen, bekanntlich weniger offen gegenübersteht als Amsterdam oder Berlin? Ob man es glaubt oder nicht: In einem Kreuzberger Hinterhof mit Weltsicht denkt man auch darüber nach.

Interview mit dem Schweizer Grafiker Lars Müller

Laurenz Brunner und Julia Born sind unsere nächsten Star-Grafiker ... sagt Lars Müller

DIE ZEIT: Warum wählen Sie Laurenz Brunner und Julia Born als Newcomer?

Lars Müller: Sie sind denkende, ja lesende Gestalter mit großer Affinität zu Schrift und Sprache. Laurenz’ Schriftentwürfe atmen Schweizer Sachlichkeit. Seine Grafik ist kräftig und wirksam. Julias raumgreifenden Installationen und ihre Gestaltung fordern die künstlerische Freiheit unserer Disziplin zurück. Aus der oft engen Schweiz sind sie via Amsterdam nach Berlin entkommen.

ZEIT: Was können sie, was Sie nicht können?

Müller: Sie finden sich spielend und undogmatisch in der gegenwärtigen Medien- und Bildwelt zurecht.

ZEIT: Was brauchen sie noch, um berühmter als Sie zu sein?

Müller: Berühmt wird in unserem Beruf kaum jemand. Ihre institutionellen und kulturellen Projekte werden zunehmend größer und wichtiger – und werden sie an die Spitze bringen.