USA: Obst und Tourismus

Amerika ist in Aufregung: Das höchste Gericht hat die Homosexuellenehe landesweit zugelassen! Zwei entlaufene Mörder sind gefasst! Obama hat Amazing Grace gesungen! Ach ja, und dann ist da noch die Sache mit Griechenland. Amerikanische Touristen etwa meldeten geschockt nach Hause, dass sie in Athen vor leeren Geldautomaten stünden. Doch alles in allem sieht man jenseits des Atlantiks das europäische Durcheinander distanziert.

Selbst an der Wall Street gibt man sich gelassen. Zwar sind die Aktienmärkte eingebrochen, nachdem Athen die Verhandlungen abbrach. Für den S&P 500, den breiten Aktienindex der amerikanischen Wirtschaft, war der Montag mit einem Minus von zwei Prozent der schlechteste Tag seit über einem Jahr. Griechenland war dabei aber nur ein Faktor. Viele Investoren, die hätten kaufen können, sind in dieser Woche, die mit dem Unabhängigkeitstag endet, gar nicht da.

Selbst wenn die griechische Tragödie einen Einbruch an den Aktienmärkten von mehr als zehn Prozent auslösen würde, wäre das aus Anlegersicht Glück im Unglück, meint Sam Stovall, Aktienmarktanalyst bei S&P Global IQ, der die Märkte seit über 30 Jahren beobachtet. Schocks dieser Art hätten sich in der Vergangenheit als günstige Kaufgelegenheiten herausgestellt, weil sie das Wirtschaftswachstum nicht nachhaltig beeinträchtigten.

Vor allem nicht das Amerikas: Dessen Volkswirtschaft hat im Vergleich zu Europa und Asien geringe Außenhandelsanteile. So lange die heimischen Konsumenten weiter mehr einkaufen, kompensiert das Probleme im Euroraum. Sollte der Dollarkurs steigen und die Eurozone in eine Wirtschaftskrise geraten, würde das vor allem Großkonzerne treffen, die inzwischen einen Großteil ihres Umsatzes im Ausland machen. Den Klein- und Mittelstand berühren der starke Dollar und die Eurokrise weniger, und diese Unternehmen sind derzeit fast ausschließlich für das US-Jobwachstum verantwortlich. Griechenland habe ungefähr das Bruttoinlandsprodukt von Connecticut und mache etwa ein Prozent des amerikanischen Handels aus – das meiste davon Gemüse, beruhigte die Washington Post ihre Leser.

Von Heike Buchter

UK: Wirtschaft ist ungerecht

Die Regierung in London reagierte auf die Aufregung um Griechenland mit – Verbrauchertipps. Während einer aktuellen Fragestunde im Parlament verteilte Finanzminister George Osborne nützliche Ratschläge an Griechenland-Touristen. Weil das Land Kapitalverkehrskontrollen einführe, komme man nicht mehr so leicht an Bargeld aus Geldautomaten. Weshalb er unbedingt empfehlen würde, "genügend Euro mitnehmen, um alles in bar zu bezahlen". Gute Nachrichten hatte Osborne dann noch für die rund 3.000 britischen Staatsbürger, die sich an der Ägäis zur Ruhe gesetzt haben. Er habe persönlich angeordnet, dass ab sofort keine Renten mehr auf griechische Bankkonten überwiesen werden, erklärte der Sparminister. Stattdessen werde man sich schnell und unbürokratisch um andere Formen der Auszahlung bemühen.

Wenn es in der Welt gerecht zuginge, wäre der Fall für die Briten damit erledigt. Schließlich haben sie sich von Beginn an bewusst aus der Eurozone herausgehalten. Dennoch warnt Osborne seine Landsleute vor einem wirtschaftlichen Erdbeben, "das den Finanzcrash von 2008 leicht in den Schatten stellen könnte". Die Eurozone ist Großbritanniens wichtigster Handelspartner. Vor den Schockwellen einer Rezession infolge eines Grexit könnte sich die britische Wirtschaft daher nicht wirksam schützen. Gerade haben die Briten akzeptiert, dass die Folgen der Bankenkrise frühestens 2019 überwunden sein werden, da erscheint der Weg durchs Jammertal noch mal länger. Viele Briten sind empört und von Europa enttäuscht. Sie denken: Vielleicht sollten wir selbst gehen und unser Heil im Brexit suchen.

Von John F. Jungclaussen

Dax bei 10.000? Kein Problem

Auf den ersten Schrecken folgte schnell Ruhe: Am Montag fiel der Deutsche Aktienindex, der die Wertentwicklung der 30 wichtigsten börsennotierten Unternehmen des Landes abbildet, zeitweise um mehr als vier Prozent, doch dann fing er sich am Dienstag bei 11.000 Punkten. Der Kurs des Euro hielt sich bei 1,12 Dollar.

Dass die Werte sich nicht noch schlechter entwickelten, lag an der neu aufkeimenden Hoffnung, Athen könnte sich doch noch mit der EU einigen. Dazu kamen Entwarnungen aus der Wirtschaft. Auto, Bau, Chemie, Maschinenbau – Vertreter der deutschen Industrie beurteilten die möglichen Folgen eines Grexits als "überschaubar", "untergeordnet" oder "beschränkt". Zu klein sei der griechische Anteil an deutschen Exporten (weniger als ein Prozent) und an der Wirtschaftskraft der Euro-Zone (zwei Prozent).

Für Deutschlands obersten Finanzaufseher Felix Hufeld war zwar "noch nicht klar, ob das Marktgeschehen von der Vorstellung geprägt ist, dass doch eine Lösung kommt, oder ob es tatsächlich die Gelassenheit der Märkte widerspiegelt". Die unmittelbaren Risiken der deutschen Finanzbranche halten sich aber in Grenzen. Versicherer wie die Allianz, die Munich Re, die Hannover Rück oder Talanx beziffern ihre Investitionen in griechische Anleihen auf null oder wenige Millionen Euro. Die Deutsche Bank ist nach Abzug dagegenstehender Absicherungen mit Krediten von 528 Millionen Euro engagiert, zum Beispiel bei Schiffsfinanzierungen. Die Commerzbank spricht von 300 Millionen Euro, "etwa gleichmäßig auf Banken, Unternehmen und gewerbliche Immobilien verteilt".

Selbst wenn es am Sonntag zum Referendum über einen Verbleib im Euro kommen und dieses mit einem Nein enden sollte, selbst wenn der griechische Staat insolvent werden sollte: Die Gefahr, dass sich andere Länder anstecken, gilt als klein. Italien und Spanien seien durch Griechenland "nicht mehr existenziell" bedroht, glaubt Aktienstratege Ralf Zimmermann vom Bankhaus Lampe. Und der Dax könne bei einem Grexit zwar etwas fallen, doch das sei kein Crash – sondern ein guter Moment, Aktien zu kaufen.

Von Arne Storn