Loukas Lymperopoulos steht am vergangenen Montag in Raum F0.02 der Grundschule Hohe Landwehr in Hamm und tanzt auf ockerbraunem Linoleumboden die griechische Krise weg.

Lymperopoulos, 63 Jahre alt, lehrt tagsüber Mathe, Sport und Sachkunde, abends unterrichtet er zweimal die Woche griechischen Volkstanz, er macht das seit 27 Jahren. Dann stehen sie zusammen im Kreis, die Griechen und die Deutschen, legen die Hände auf den Schultern der Nebenmänner rechts und links ab und tanzen langsam los, ineinander verschlungen, als könne sie nichts trennen.

Bei Syrtos, dem deutsch-griechischen Tanzverein, stimmt die Harmonie noch. Und woanders? Wie erleben Griechen hierzulande den neuesten Höhepunkt einer Krise, die seit Jahren andauert?

Es gibt genug Griechen in Hamburg, die darüber nicht reden wollen. Das Bild, das die Deutschen von ihnen haben, sei falsch, sagen einige. Und das liege nicht zuletzt an den Medien. Warum also überhaupt noch mit Journalisten reden? "Keine Zeit", sagen andere. "Wir Griechen sind ja so faul." Und dann lachen sie, nur halb im Spaß.

Andere wollen reden. Kalliopi Brandstäter, Inhaberin des Restaurants Kalliopea in Hamburg-Barmbek, sagt sofort zu. Auch Thanasis Bagatzounis, Arzt und Inhaber einer Galerie in Uhlenhorst, ebenso Eftychios Fountedakis, Wirt und Platzwart des Tennisclubs Vier Jahreszeiten in Groß Flottbek. Andreas Karakitsios, Inhaber der Taverna Priamos in Altona, zögert ein wenig, dann aber sagt auch er zu, genauso wie Anastasia Ntintinou, die bei ihm kellnert.

Gegen zehn Uhr abends, als die Taverna Priamos fast leer ist, öffnet Andreas Karakitsios sein Feierabendbier und ist bereit, über seine Heimat zu sprechen, die vor der Pleite steht. Karakitsios, 47 Jahre alt, ist seit knapp 20 Jahren in Hamburg. Er hatte einst als Tellerwäscher in der Küche des Restaurants angefangen, das er vor acht Jahren übernahm. Dunkles Holz, blau gemusterte Polster auf den Bänken, es riecht nach Gyrosteller. An der Wand hängt ein riesiger Flachbildschirm, Karakitsios hat ihn zur WM im letzten Jahr gekauft. Auf der einen Seite hängen zwei deutsche Nationalflaggen, auf der anderen Seite zwei griechische.

Auf dem Bildschirm: Bilder aus Leptokaria. Dort kommt Karakitsios her, ein Badeort, Riviera-Strand, strahlender Sonnenschein. "Das Paradies", sagt Karakitsios. Er sei gerade erst da gewesen, die Bilder seien keinen Monat alt. Doch es ist leer im Paradies. Ein Bild zeigt die Lokale an der Uferpromenade, nur zwei Tische sind besetzt. Essen gehen, das können die meisten Griechen sich schon lange nicht mehr leisten.

Eine Dauerkrise, seit Jahren, immer schlimmer, immer hoffnungsloser. Seit einer Weile fragen die deutschen Stammgäste Andreas Karakitsios: Wie geht es denn den Verwandten in Griechenland? Und neuerdings: Wie ist das bloß alles passiert? "Darauf habe ich keine Antwort", sagt er. "Doch schlimmer als jetzt kann es nicht mehr werden."

Was das zum Beispiel bedeutet:

dass die Mutter von Andreas Karakitsios das Telefon abbestellt hat, weil sie es sich nicht mehr leisten kann.

Dass die beiden Kinder der Kellnerin Anastasia Ntintinou, die hinterm Tresen die letzten Gläser abtrocknet, keinen Job bekommen haben nach der Schule. Sie sind 19 und 21 Jahre alt.

Dass Anastasia Ntintinou und ihr Mann nach Deutschland gekommen sind, um wenigstens etwas Geld zu verdienen, das sie nach Griechenland schicken können zu den Kindern. Anastasia Ntintinou fand den Kellnerjob, ihr Mann nur einen Minijob. Was er denn suche? Da lacht Anastasia Ntintinou trocken auf: "Einfach nur Arbeit."

Ein Land ohne funktionierendes Gesundheitssystem, das sei das Schlimmste, sagt Thanasis Bagatzounis, der Arzt. "Die Menschen haben keine medizinische Versorgung mehr."

"Es ist eine humanitäre Katastrophe", sagt die Restaurantbetreiberin Kalliopi Brandstäter. Sie ist 55 Jahre alt und hat jetzt eine Mission: Griechenland zu helfen. 2012 flog sie wieder einmal hin, ihre Eltern leben dort, Verwandte und Freunde. Die Krise war schon eine Weile da, aber jetzt schien sie eine neue Dimension erreicht zu haben. Brandstäter traf verzweifelte Menschen, die kaum noch über die Runden kamen – und die nicht mehr krankenversichert waren. Zurück in Hamburg, wusste sie: "Ich muss etwas tun." Sie gründete den Verein Elliniko, sammelte Spenden, veranstaltete Benefizkonzerte. Mit dem Geld wird eine Sozialklinik in Athen unterstützt, in der Ärzte Patienten umsonst behandeln. 150.000 Euro in zwei Jahren hat der Verein gesammelt.

Wenn sie abends in ihrem Restaurant mit dem Arzt Thanasis Bagatzounis zusammensitzt, der mittlerweile auch im Verein aktiv ist, sagt sie Sätze wie diesen: "Dann müssen wir eben Griechenland retten, wenn die Politiker es schon nicht tun."

Worüber ärgert sie sich als Griechin in Deutschland? Über die Kommentare, die im Internet unter den Artikeln zu Griechenland stehen.

Und Alexis Tsipras, was halten die Griechen in Deutschland von ihm?

Kalliopi Brandstäter schätzt ihn sehr. Am Tag nach der Wahl habe sie sich im Restaurant mit zwei Gästen gezofft, weil die so sehr gegen ihn gewettert hätten.

Und die anderen?

Andreas Karakitsios, der Gastwirt aus Altona, zögert. Dann stellt er sein Bier auf dem Tisch ab und schnappt sich Salz- und Pfefferstreuer. Er knallt die beiden weit, weit entfernt voneinander auf den Tisch. Er zeigt auf den Salzstreuer. Nea Dimokratia, die Konservativen, das sei die eine Partei gewesen. Die sozialistische Pasok, er deutet auf den Pfefferstreuer, das sei die andere gewesen. Zwei Parteien, nach dem Ende der Militärdiktatur sei mal die eine, mal die andere an der Macht gewesen.

"Tsipras mit seiner Syriza, das war etwas Neues", sagt er.

"Nach der Wahl hatte ich schon Hoffnung", sagt Loukas Lymperopoulos, der Tanzlehrer.

"Ich hatte von Anfang an meine Zweifel", sagt Eftychios Fountedakis, der Wirt im Tennisclub.

Ob sie das Referendum erwartet haben? Ein einstimmiges Nein.

"Sie haben gepokert und sind übers Ziel hinausgeschossen", sagt Eftychios Fountedakis.

Thanasis Bagatzounis, der Arzt, nennt das Referendum "eine Demokratieübung".

Haben Sie Angst vor dem Grexit?

"Europa ohne Griechenland, was soll das sein?", sagt Andreas Karakitsios. Nein, sagt er, so weit werde es nicht kommen.

Weit nach Mitternacht stellt er in der Taverna Priamos irgendwann die Ouzo-Flasche auf dem Tisch. "99,9 Prozent der Griechen wollen den Euro", sagt er. Er füllt nach und hebt sein Glas. "Auf den Euro!", ruft er. "Jamas!" Prost! Griechenland gehöre zu Europa, auch Kalliopi Brandstäter sagt das. Aber Ja zu Europa bedeute eben nicht Ja zu allen Reformen, die die Geldgeber durchsetzen wollten.

Am Samstag fliegt sie nach Griechenland, es ist Zufall, dass sie zum Referendum in ihrer Heimat sein wird. Was sie zu weiteren Sparmaßnahmen sagt? "Laut und deutlich: Ochi!" Nein!