Ein Blick löscht die Welt aus. Vier Augen treffen sich, und alles, was zwischen dem Mann und der Frau steht, ist nichtig. Nur noch schemenhaft kreiseln die Paare der Hochzeitsgesellschaft durch das Bewusstsein des Betrachters, das eingesogen wird von der Anziehung zwischen Peer und Solveig im Moment ihrer allerersten Begegnung.

Sie verharrt, zart und scheu, auf der Treppe hinten im Bühnenraum, ihn hat das Geschehen längst an die Rampe gespült. Und doch scheinen sich ihre Seelen entgegenzuschweben, kaum dass sie des fremden Gegenübers gewahr werden. Nur weiß Peer nicht, was das ist – eine Seele, ein Gegenüber. Es wird viele Jahre dauern, bis er begreift. Und sie wird warten, bis an die Schwelle des Todes.

Vor mehr als dreißig Jahren begann Hamburgs Ballettchef John Neumeier, sich mit Peer Gynt zu beschäftigen. Mit dem Ich-Sucher, den Henrik Ibsens Versdrama – einem profanen Parzival gleich – zu den Frauen, den Trollen und in die Wüste schickt, auf dass er sich selbst erkenne. Auch Neumeier ist ein Suchender geblieben. Einer, der seine Kunst unaufhörlich weiterdenkt, ihr Wesen erforscht und das Wesentliche in sie hineinliest: menschliche Gesichter und Geschichten, mit der Sprache des Balletts erzählt.

Wie jeder halbwegs selbstkritische Romancier weiß auch der Tanzautor, dass ihm nicht alle Fabeln gleich gut geglückt sind. Anders als der Schriftsteller hat er jedoch die Chance, noch einmal Hand anzulegen an das fertige, vor Jahren publizierte Werk. Und Neumeier ergreift sie beherzt. Nach der Artus-Sage hat der Choreograf nun seinen Peer Gynt bearbeitet und zum Auftakt der 41. Ballett-Tage präsentiert: eine Neufassung, die das Original von 1989 entschlackt und verdichtet. Mit Ibsen gesprochen, wurden die Zwiebelschalen des Dramas weiter gehäutet, dessen Charakter noch elementarer entblößt. Herausgekommen ist ein feinsinniges Literaturballett, das seinen Helden mit jedem Kapitel in einen Reifeprozess wirft, der erst beim letzten Atemzug endet.

Schon der erste, in den Geburtsprolog eingesponnene Atemzug deutet auf die Metamorphose hin. Statt Peer wie ehedem sieben Wesensglieder mit auf den Weg zu geben, hat Neumeier ihre Zahl auf vier verringert: "Unschuld", "Vision", "Aggression" und "Zweifel", verkörpert von vier ausdrucksvollen Darstellern, begleiten nun die Gyntsche Odyssee. Bisweilen verselbstständigen sie sich, wird Peer zum Zuschauer des eigenen Handelns. So wenn die "Aggression" sich plustert, kaum dass Peer den großmannssüchtigen Plan, "Kaiser der Welt" zu werden, im Filmbiz zu verwirklichen trachtet. So wenn der Leinwand-Triumphzug, der in Julius-Cäsar-Manier errungene Sieg über die Konkurrenz gelungen ist, aber mit einem Totalabsturz bezahlt wird: Auftritt der "Vision" in Zwangsjacke, bevor Peer wirklich im Irrenasyl landet.

Neumeier verlegt Ibsens Afrika-Episoden in die Studios der Stummfilmära, was dramaturgisch schlüssig, optisch aber nicht durchweg überzeugend ausfällt. Wie einer im Showgeschäft die Kontrolle über sich selbst verliert, das lässt sich zwar als Reverenz an den Popstarkult der 1980er Jahre ausdeuten. Heute aber riecht der knallige Exotismus dieser Szenen nach Modefummel und fällt aus dem stilsicheren Schwarz-Weiß-Pastellrot-Rahmen der Aufführung. Peers wechselvolle Beziehung zu Anitra, einer Diva mit Gloria-Swanson-Allüre, verfehlt ihre Wirkung dennoch nicht, weil Neumeier sie als reines Karriereinstrument ausmalt – interessant nur, solange die Aktrice dem Ehrgeizling als Topjob-Sprungbrett dient. Überhaupt hat der Choreograf die Frauengestalten plastisch nachmodelliert, ohne die maßgebliche Personalunion aufzugeben: In der Tänzerin Carolina Agüero bündelt er drei Figuren – die Braut Ingrid, die Verführerische im grünen Kleid und Anitra – zum Terzett fleischlicher Lockung.

Carsten Jung ist Peer, Alina Cojocaru seine Solveig – und beide sind das Paar aller Paare. Der Weg, den ihre Pas de deux zu Alfred Schnittkes Partitur beschreiben, spiegelt Entdeckung, Entbehrung und Erfüllung. Verhalten nur, mit angezogenen Knien und angewinkelten Füßen, lässt sich Solveig zunächst betasten, kaum wagt sie es, mit ihrer Haut, ihrer Hand diesen Fremdling zu berühren. Als wisse sie, dass der Jungmann sich der Nächstbesten an den Hals werfen wird. So kehrt sie ihm den Rücken, lässt ihn ziehen. Am Ende jedoch, wenn er als Gezeichneter heimkehrt, erlöst sie ihn, erlöst sich selbst. Zieht ihm den grauen Anzug aus und streift das Kleid ab, bis beide die Wunden sehen, die das Leben ihnen geschlagen hat.

Unten, im Publikum, sitzen zur Premiere Ivan Liška und Gigi Hyatt, Peer und Solveig der ersten Stunde. Carsten Jung und Alina Cojocaru haben ihren Genius nicht überschrieben, sondern den eigenen wie einen Schleier darübergelegt. John Neumeier hat sie dafür mit einem wundervoll sanft glänzenden Schrittgewebe versehen.

Aufführungen: 30. 9.; 6., 8., 11. 10. 2015