Hamburg in fünfhundert Jahren? Steht wegen des ansteigenden Meeresspiegels auf Gerüsten. Seine zehn Millionen Einwohner haben die Rechte an ihren Organen der vollständig privatisierten Gesundheitsindustrie abgetreten und lassen sich von Neural Cinema berieseln. Die Kulturbehörde ist zur Behörde für Mental Health & Wellbeing geworden, ihre Senatorin eine via Genetic Refreshment verjüngte Neunzigjährige im Körper eines Teenagers.

Wer ist der subversive Held in diesem überdrehten Scifi-Szenario? Natürlich der unrasierte, zigarettenrauchende Schriftsteller Gordon Schulz, der seine Texte "wahrlich noch mit der Hand" schreibt und das Publikum mit einer Lovestory betört. Und natürlich reagiert das Berieselungsregime in dieser Zukunftswelt äußerst wehrhaft darauf: "Die Senatorin schnippte mit den Fingern, die Pflegekräfte stürzten sich auf den Autor, spritzten ihn hier und dort, bis Gordon nur noch selige Brabbellaute von sich gab."

Kokett? Aber hallo! Gefährlich sein, ernst genommen werden: Was Daniel Bielenstein in seiner dystopischen Erzählung Die Langsamen entwirft, ist der Traum des verkannten Genies. Er eröffnet den Sammelband Dachkammerflimmern mit Texten von Schriftstellern, die sich in dem vor 20 Jahren gegründeten Writers’ Room in einer ehemaligen Fabriketage in Bahrenfeld zusammengefunden haben. Ein "Arbeitsplatz, ein Erprobungsraum, eine Trainingshalle" sei das Gemeinschaftsbüro, in dem 36 Literaten arbeiten.

Die Eröffnungserzählung über einen kauzigen Dichter, der vom Regime als brandgefährlich taxiert und deshalb sediert wird, wie einst Jack Nicholson in Einer flog über das Kuckucksnest, lässt sich auch programmatisch lesen. Immer wieder trifft man in Dachkammerflimmern auf den Typus des schrägen Literatenvogels, der mit der Schlips-und-Kragen-Welt, in die er geworfen ist, auf Kriegsfuß steht. Da ist der schwitzende Proletarier Groot in Wolf Dubjenkos Erzählung Die Prüfung, der beim affig-arroganten Provinzbürgermeister wegen eines Schriftsteller-Stipendiums vorstellig werden muss. Oder der verkrachte Comedian in Sören Siegs Fast, der körperlich zu zappelig und mental zu zerfasert ist, um im Showbiz zur Marke zu werden.

Die Gründung der kollektiven Schreibstube begreifen die Macher als Versuch, jenem Selbstoptimierungszwang, wie er zum ideologischen Outfit auch des modernen Kreativen zu gehören scheint, ein Schnippchen zu schlagen. "Hier entsteht Literatur im Arbeitsalltag from nine to five", steht im Vorwort des Buches. "Im Büro, mit Kollegen, gemeinsamer Mittags- oder Kaffeepause, mit der nötigen Ruhe, ein bisschen menschlicher Wärme und bei Bedarf sogar mit tatkräftiger Unterstützung durch den Menschen am Nachbarschreibtisch."

Das literarische Co-Working und -Counseling scheint zu funktionieren. Die Autorin Ada Dorian beschreibt aus der Perspektive eines Kindes das Versinken der Mutter im Dämmer der Alzheimer-Erkrankung. Tonguç Baykurt erzählt vom Drama einer deutschtürkischen Familie – die Eltern verloben während des Heimaturlaubs den 13-jährigen Sohn. Andreas Greves skizziert charmant Kindheitserinnerungen an die Urlaube auf dem Balkon in Ottensen.

Dachkammerflimmern ist prall gefüllt mit Storys, Gedichten, Fragmenten, Beobachtungen, Romanauszügen – und darin vielfältig und unterhaltsam.