In der jüngsten Vergangenheit hat das Bundesverfassungsgericht viel getan für die Gleichstellung Homosexueller. 2002 verteidigte es die kurz zuvor eingeführte Lebenspartnerschaft gegen die vehementen Angriffe von CDU und CSU. "Dem Institut der Ehe drohen keine Einbußen durch ein Institut, das sich an Personen wendet, die miteinander keine Ehe eingehen können", stellte der Erste Senat kühl fest. Und das war erst der Anfang. 2010 monierte das Gericht die steuerliche Ungleichbehandlung der Lebenspartner, 2013 folgte die Forderung, auch ihnen das Ehegattensplitting zugutekommen zu lassen. "Wir werden gut von Karlsruhe regiert", stellte Volker Beck von den Grünen zufrieden fest.

Das war nicht immer so. 1957 zumindest bestand kein Anlass zur Freude. Auch damals hatte das Gericht über die Rechte Homosexueller zu urteilen. Es ging um den berüchtigten Paragrafen 175 des Strafgesetzbuches, der männliche "Unzucht" verbot und in den Jahren zuvor ein wütendes Schnüffeln der Strafverfolgungsorgane ausgelöst hatte: Razzien, massenhafte Verhaftungen, mehr als 17.000 Verurteilungen seit 1950. Ungezählte Betroffene begingen Selbstmord. Zwei Verurteilte legten schließlich Verfassungsbeschwerde ein – ohne Erfolg. Das Verfassungsgericht hielt am Paragrafen 175 fest.

Betrachtet man das traditionell spannungsreiche Verhältnis der Rechtsordnung zu alternativen Lebensentwürfen, wird man sich darüber zunächst nicht wundern. Auch in Deutschland ist die Rechtsgeschichte der Homosexualität lange Zeit eine einzige Unrechtsgeschichte, die sich auch nach der Französischen Revolution, als Grund- und Menschenrechte ihren Siegeszug antreten, nicht entscheidend aufhellt. In Frankreich hebt man die Strafvorschriften gegen Homosexuelle 1810 auf, Bayern folgt 1813, einige Territorien machen es nach. Aber ansonsten sieht es trübe aus. Die Mehrheit der deutschen Staaten nimmt sich Preußen zum Vorbild. Dort ordnet das Allgemeine Landrecht 1794 in einer Mischung aus Prüderie und Paternalismus an: "Sodomiterey und andre dergleichen unnatürliche Sünden, welche wegen ihrer Abscheulichkeit hier nicht genannt werden können, erfordern eine gänzliche Vertilgung des Andenkens." Wer überführt wird – gleich, ob Mann oder Frau –, kommt für mindestens ein Jahr ins Zuchthaus mit "Willkommen und Abschied", also schwerer körperlicher Misshandlung am Anfang und am Ende, und wird anschließend in die Verbannung geschickt.

Das juristische Schamgefühl benötigt ein halbes Jahrhundert, um die verbotenen "Abscheulichkeiten" des Landrechts in geschäftsmäßige Prosa zu verwandeln. In Entwürfen spricht man von "widernatürlicher Befriedigung" oder "unnatürlicher Wollust", bis die Entwicklung mit dem neuen preußischen Strafgesetzbuch von 1851 einen vorläufigen Abschluss findet. Paragraf 143 sieht für die "widernatürliche Unzucht" eine Mindeststrafe von sechs Monaten Gefängnis vor – mit einer bedeutenden Einschränkung: Das Verbot gilt nur noch für Männer. Begründet wird das nicht.

Aber das ist auch nicht nötig. Denn in einem patriarchalen Obrigkeitsstaat, dem die soldatische Manneszucht über alles geht, versteht sich der neue Tatbestand von selbst. In ihrem "hohen Grad der Verworfenheit" führe die mann-männliche Liebe zur "Verachtung der Ehe, welche Entvölkerung, Schwächung und zuletzt Auflösung der Macht des Staats erzeugt", warnt 1832 etwa der angesehene Strafrechtler Anselm von Feuerbach. Lesbischen Neigungen begegnet die Rechtswissenschaft hingegen mit fast schon ritterlicher Nachsicht. "Der Durst nach Wollust wird bei unzüchtigen Umarmungen zwischen Weib und Weib mehr erhitzt und genährt als gestillt und befriedigt", schreibt ein Kommentator mit männlicher Einfühlsamkeit. Wenn sie erst den Richtigen gefunden hat, wird sie schon zur Besinnung kommen.

Der Frau ihre Spielchen, dem Manne den Staat: Im Kampf gegen die männliche Homosexualität geht es seit jeher nur vordergründig um die unmittelbar betroffene Minderheit. Tatsächlich ist es ein Kampf um das gesamtgesellschaftliche Machtgefüge. Wer darin sein Geschlecht auf welche Weise auszuleben hat, ist deshalb für alle gleichermaßen unüberwindbar festgeschrieben. Den Mann krönt das preußische Familienrecht erwartungsgemäß zum "Haupt der ehelichen Gemeinschaft", die Frau ist verstandesfreies Zubehör, der Homosexuelle ein Fall für den Strafrichter. Nur die Ehe berechtigt zum Geschlechtsverkehr, und auch dort nur in pietistischer Freudlosigkeit mit dem gesetzlichen Zweck der "Erzeugung von Kindern". Ehebruch ist strafbar, und das berühmte "Kranzgeld" macht den Mann schadensersatzpflichtig, wenn er seine vorehelich deflorierte Verlobte nicht heiratet.