Verwunderlich ist es ja nicht, dass dieser Horrorfilm aus unserem kleinen Nachbarland kommt. Das österreichische Kino hat eine Vorliebe für Abgründe, es erkundet die Verdrängung, zeigt die Leichen in den sauber gefliesten Kellern der Zivilisation, der Geschichte und der Familie. Wenn die Schreie verstummt sind, das Blut weggeputzt ist und alle wieder im Wohnzimmer sitzen, so als ob nichts gewesen wäre – dann beginnt das österreichische Kino zu erzählen.

Schon die ersten Bilder des Films Ich seh Ich seh von Veronika Franz und Severin Fiala sind von einer perfiden Schönheit. Etwa zehnjährige Zwillingsjungen jagen einander durch ein Maisfeld, laufen durch den Wald, erkunden eine Höhle und starren von der Luftmatratze ins schwarze Wasser eines Sees. Es ist ein spielerischer Kindheitsmoment, ein Augenblick der Schwerelosigkeit, und der Hyperrealismus der Bilder lässt ihn schon im Moment des Sehens unwirklich erscheinen.

In einem idyllisch an einem See gelegenen Haus mit Panoramafenstern wartet eine Frau (Susanne Wuest), offenbar die Mutter der Zwillinge (Lukas und Elias Schwarz). Ihr Kopf ist nach einer Operation bandagiert. Von Anfang an ist ihr Ton gereizt, unwirsch, angespannt. Zu dritt spielt man Gesellschaftsspiele, isst zu Abend. Irgendetwas scheint nicht zu stimmen im Verhältnis zwischen den Söhnen und der Mutter, die Rücksicht einfordert und neue Hausregeln aufstellt: Von nun an kein Besuch und keine lauten Geräusche, die Jalousien bleiben geschlossen, wer die Mutter sprechen will, muss anklopfen.

Aus der Perspektive der Kinder erleben wir, wie sich der Ton weiter verschärft. Wie die Mutter die Zwillinge kontrolliert, ausschimpft, bestraft. Besonders aggressiv reagiert sie auf Lukas. Aber warum? Was ist geschehen? Welche Verfehlung hat der Junge begangen?

Allein die Natur bleibt eine Gegenwelt. Der Wald, der vom Regen aufgepeitschte See und die Felder werden zu einer Topografie der Freiheit, zu einem Raum, in dem die Dinge noch so sind, wie sie sind. Nur im Horrorhaus ist alles anders. Nichts Mütterliches haben die Gesten und Worte der Frau. Manchmal beäugt sie die beiden Kinder verstohlen durch die Jalousie, so als handle es sich um Feinde. Und die beiden Jungen wirken in ihrer Zweisamkeit völlig allein.

Einmal sieht man die Kinder nachts auf dem Balkon stehen. Sie beobachten die Mutter, die in den Wald geht. Hier löst sich der Kopf der Frau unter rasenden Zuckungen auf. Das Ganze entpuppt sich als Albtraum. Offen bleibt, ob ihn nur einer der Jungen geträumt hat. Oder beide, in symbiotischer Verbundenheit.

Langsam beginnen die Zwillinge daran zu zweifeln, dass die Frau hinter den Verbänden ihre Mutter ist. Aber wer ist sie dann? Und wo ist die wirkliche Mutter geblieben?

Vor weißen Wänden, auf weißen Teppichen, zwischen weißen Möbeln und im Zwielicht des abgedunkelten Hauses entsteht etwas, was man psychologischen Krieg nennen kann. Er wird zu einem physischen. Die Fronten sind verhärtet, denn hier kämpft jeder um die Wahrheit des eigenen Blickes. Und gegen die eigenen Ängste.

Veronika Franz ist die Ehefrau des österreichischen Dokumentarfilmers Ulrich Seidl (Im Keller, Hundstage) und war als Co-Autorin maßgeblich an seinen Filmen beteiligt. Gemeinsam mit Severin Fiala hat Franz die Verunsicherung, die Seidl durch das selbstverständliche Zeigen von befremdlichen Lebenswelten, Perversionen, seltsamen Sehnsüchten auslöst, in einen psychologischen Horrorfilm überführt. Immer wieder sucht die Kamera den Blick auf die Figuren durch Glasscheiben und Vorhänge, sucht Spiegelungen, Schatten und Schattenrisse, als sei auch sie sich des Gesehenen nicht mehr sicher.

Mit einer gewissen Doppelbödigkeit hat das Regie-Duo seinem Film eine Szene aus Die Trapp-Familie, einem der erfolgreichsten deutschen Heimatfilme der fünfziger Jahre, vorangestellt. Umringt von süßen Kindern, singt Ruth Leuwerik ein Wiegenlied und versorgt die deutsche Nachkriegsgesellschaft mit musikalischem Aufbauwillen: "Guten Abend, gut’ Nacht, mit Rosen bedacht, mit Näglein besteckt, schlupf unter die Deck: Morgen früh, wenn Gott will, wirst du wieder geweckt."

Und wenn der liebe Gott die Kinderlein auf einmal nicht mehr wecken will?

Wie jeder gute Horrorfilm rührt Ich seh Ich seh an Urängste. Es geht um eine archaische Verstörung. Eine Mutter verliert das Vertrauen und die Vertrautheit ihrer Kinder. Zwei Kinder verlieren den Halt des mütterlichen Blickes und damit den Halt in der Welt. Der Film handelt aber auch von der Verunsicherung unter perfekten Wohlstandsoberflächen. Vom Riss in der Wahrnehmung. Von der Angst, dass nach einem Blinzeln plötzlich nichts mehr so ist, wie es war.

Es ist ja sowieso und in jedem Augenblick und auf monströse Weise nichts mehr so, wie es war.

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