Er habe, wird Jens Todt später sagen, so etwas in seiner Karriere noch nicht erlebt. Der Sportdirektor des Karlsruher SC steht auf dem Rasen des Wildparkstadions, vor sich das Mikrofon der Journalistin von Sky. Wie immer steht Todt, weißes Hemd und Designerjeans, aufrecht, mit kerzengeradem Rücken bringt er seine 1,87 Meter voll zur Geltung. Es ist der 1. Juni, sein Verein hat gerade buchstäblich in letzter Sekunde gegen den HSV den Aufstieg in die Erste Liga verpasst. Ein Pfiff des Schiedsrichters Manuel Gräfe hatte das Schicksal infiziert: angeblich Handspiel, Freistoß, Tor. Aus der Traum. Todt war zu jedem Spieler gegangen, um zu umarmen, zu trösten, dann in die Kurve zu den Fans. Den Weg ans Mikrofon hat er allein zurückgelegt, offensichtlich gebeugt und doch aufrecht. Jetzt bricht es aus ihm heraus: "Man kann gar nicht so viel essen, wie man kotzen möchte."

Jens Todt, seit 2013 Sportdirektor des Karlsruher SC, weiß mit Worten umzugehen, zumal mit den eigenen. Zu beobachten war das besonders in den letzten Wochen, als es galt, eine aus Karlsruher Sicht unfassbare Ungerechtigkeit zu kommentieren: den unter dramatischen Umständen gescheiterten Versuch seines Vereins, im Rahmen der Relegationsspiele in die Erste Liga zu gelangen. Todt war auf allen Kanälen präsent, lobte die Fans, wütete gegen den Schiedsrichter, tröstete die Spieler, den Verein und sich selbst. Geblieben ist jenes leicht modifizierte Zitat, das Max Liebermann zugeschrieben wird.

Karl Kraus oder Liebermann? Da war sich Jens Todt nicht ganz sicher

Dass Todt den großen Impressionisten belieh, um das Drama zu bewerten, war, wie er später sagte, reiner Zufall: "Ich wusste, dass der Satz entweder von Karl Kraus oder von Max Liebermann stammt, und hätte ihn in dem Moment nicht zuordnen können." Denn den Nachweis, mit Sprache umgehen, sie einsetzen und mir ihr spielen zu können, erbrachte der heute 45-Jährige vor Jahren in einer Branche, in der man sich einbildet, den gepflegten Umgang mit Wort und Satz gewissermaßen Tag für Tag, Woche für Woche auf höchstem Niveau neu zu erfinden. Zwischen seiner Zeit als aktiver Bundesligaprofi und Nationalspieler beim SC Freiburg, bei Werder Bremen und dem VfB Stuttgart war Jens Todt Journalist. Er arbeitete mehrere Jahre lang im Hauptstadtbüro des Spiegels und bei Spiegel Online, als Praktikant, Volontär und Redakteur. Seither sind viele Artikel erschienen, in denen der Journalist Todt als Schlüssel zum Verständnis des Fußballers und des Managers Todt herangezogen wurde – gerne auch mit Verweisen auf das "intellektuelle Freiburger Fußball-Biotop" des Trainers Volker Finke.

Doch dieser Schlüssel passt nicht. Die meisten seiner Texte erschienen im Ressort Panorama, Kriminalfälle, Verbrechen, das waren seine Themen. Vermutlich wäre aus ihm ein passabler Journalist geworden. Womöglich aber auch nur, weil er als prominenter Quereinsteiger die eine oder andere Tür offen vorgefunden hätte, die anderen verschlossen bleibt. Todt ist kein Intellektueller, er ist Fußballer. Der Journalismus wäre ein Beruf gewesen, der Fußball ist seine Berufung. Seine Entscheidung, sich in Karlsruhe in eine denkbar unintellektuelle, archaische, unterfinanzierte Männerwelt zu begeben, unterstreicht diese Erkenntnis. Dass es sich dabei auch um eine Selbsterkenntnis handelt, macht Todt jedoch zu einer für die Fußballbranche außergewöhnlichen Figur.

Seit Juni 2013 ist er nun hier im Amt, es ist die längste Etappe, seit er 2008 in seine alte Branche zurückkehrte und diese gleich auch von ihrer weniger sympathischen und weniger seriösen Seite kennenlernte. Nach dem Ende seiner Profikarriere 2002, einem Intermezzo als Chefscout bei Hertha BSC und seinem vierjährigen Ausflug in den Journalismus war Todt zunächst Leiter der Nachwuchsabteilung des HSV. Nach knapp zwei Jahren löste er seinen Vertrag bereits wieder auf, er glaubte, sich des Vertrauens von Vereinsboss Bernd Hoffmann nicht mehr sicher sein zu können. Als Manager des VfL Bochum hielt er sich zwei Jahre, bevor er nach zahlreichen regionaltypischen Rankünen von seinen Aufgaben entbunden wurde.

In Todts Büro auf dem Vereinsgelände steht in einer Ecke, etwas traurig eingeknickt, ein Wimpel, der an einen entscheidenden Triumph des Vereins erinnert. Er trägt die Jahreszahl 2013, das Jahr, in dem der KSC die Liga gewann, die Dritte Liga. "Das war möglicherweise das wichtigste Spiel der Vereinsgeschichte", sagt Todt; wäre die unmittelbare Rückkehr nach dem Abstieg 2012 nicht gelungen, "wäre der Verein vermutlich tot gewesen".

Zwei Jahre später lebt der Verein, gesund ist er bei Weitem nicht: "Wir haben ein negatives Eigenkapital von knapp fünf Millionen und schulden einem unserer ehemaligen Darlehensgeber, dem früheren Filmhändler Michael Kölmel, noch ein paar Millionen", sagt Todt.

Die Zeiten der Misswirtschaft und des Größenwahns, als nach dem historischen 7:0-Sieg 1993 im Uefa-Cup gegen den FC Valencia unter Trainer Winfried Schäfer und mit Oliver Kahn im Tor bereits bis weit ins nächste Jahrtausend hinein geplant worden war, diese Zeiten wirken bis heute nach. "Manchmal vergisst man hier in der Stadt, woher wir kommen", sagt Todt und meint damit nicht die Europokal-Triumphe, sondern das Jammertal nach dem Abstieg aus der Zweiten Liga.

Was seither passiert ist, kann man als stille Revolution bezeichnen: In den zwei Jahren hat Todt sich als Magier des Mangels erwiesen. Gemeinsam mit Trainer Kauczinski hat er ein konkurrenzfähiges Team geformt, durch kluge Transfers Schulden abgebaut, in einem komplizierten, von Ruhm und Ruin der Vergangenheit verseuchten Umfeld das Verhältnis zu den Fans und der Stadt repariert und dabei so etwas wie eine Corporate Identity geschaffen. "Wir sind noch am Notstromaggregat, aber Strom fließt jetzt wieder verlässlich", beschreibt Todt die Situation, "durch die guten Platzierungen in der Liga wurden die TV-Einnahmen pro Jahr um mehr als eine Million Euro gesteigert."

Das erste Gespräch findet in den Katakomben des Wildparkstadions statt. Todt klopft von außen an die Tür. Ein Mann in Unterhose öffnet von innen, er legt die Jeans, der er offensichtlich gerade entstiegen ist, in ein offenes Regal an der Wand. "Da lernt man sich ja gleich richtig kennen", sagt er, während er in seine Trainingshose steigt. Außer ihm sind noch zwei weitere Menschen in dem rund zehn Quadratmeter großen Raum, dazu ein Tisch, auf dem ein Laptop steht, zwei Stühle und an der Wand eine Magnettafel, auf der schmale Magnetstreifen mit Spielernamen heften. Wir befinden uns im Allerheiligsten eines jeden Vereins, dem Macht- und Kreativzentrum: der Trainerkabine des KSC.

Der Mann, der mittlerweile auch seine Fußballschuhe geschnürt hat, heißt Markus Kauczinski, er ist hier Cheftrainer. Die beiden anderen Herren, von denen nur einer noch einen Sitzplatz abbekommen hat, sind sein Co-Trainer, Argirios Giannikis, sowie Torwart-Trainer Kai Rabe. Gibt es nicht irgendwo im Stadion einen etwas größeren Raum für den Trainerstab? "Bevor das neue Stadion kommt", sagt Todt, "werden wir daran nichts ändern." Er sagt "werden", er müsste sagen "können". Bis 2019 wird der alte Wildpark einem echten Fußballstadion weichen. 2019 ist ein magisches Jahr. 2019 gilt es. Spätestens. Für den KSC, für Todt, für Markus Kauczinski.