Seit 14 Jahren ist Kauczinski beim KSC angestellt. Als er im März 2012 Cheftrainer wurde, stand der Verein auf Platz 17 der Zweiten Liga, stieg mit Kauczinski ab – und 2013 sofort wieder auf. Irgendwann in dieser Zeit muss irgendjemand gesagt oder geschrieben haben, was sich seither in fast allen Artikeln findet: dass dieser Kauczinski vor allem ein "ehrlicher Arbeiter" sei. Das mag damit zu tun haben, dass Kauczinski auf den ersten Blick eher an den Mann erinnert, dem man im Baumarkt gerne die Bohrmaschine abkauft. Er ist ein ausgewiesener Fachmann, aber keiner der asketischen Taktikfreaks wie Thomas Tuchel, kein Systemgenie wie Pep Guardiola.

Wer sich mit ihm aber nur eine halbe Stunde lang unterhält, stellt fest: Der Mann mag ein Malocher sein, mehr noch ist er ein Menschenversteher, ein Fußball-Philosoph, mit exzellenten Umgangsformen, die er auch seine Spieler lehrt. Kauczinski schaut einem in die Augen, wenn er spricht, formuliert präzise, ist schlagfertig, stellt Fragen, hört zu. Während seine Spieler sich im Training lockern, deutet er in die an ihm vorbeihüpfende Horde: "Einige von ihnen sind gerade aus der Jugend gekommen, andere müssen sich jetzt mit der Zeit nach ihrer Karriere befassen. Ich muss mit jedem anders reden, nur so kann ich ihnen gerecht werden. Und nur, wenn ich ihnen gerecht werde, werden sie ihre optimale Leistung bringen."

Es ist weit nach Mitternacht, auf einem Balkon einer geräumigen, geschmackvoll eingerichteten Neubauwohnung in der Südstadt von Karlsruhe. Mehrere Männer sitzen auf Rattanmöbeln und anderen aus dem Wohnbereich entliehenen Sitzgelegenheiten. Vereinzelte Flüche verlieren sich in der Dunkelheit der Nacht. Plötzlich starren einige von ihnen auf ihre Smartphones. Gerade wurden die Statistiken zum Heimspiel des KSC gegen Darmstadt 98 elektronisch übermittelt. "Gelaufen sind wir genug, aber die Zweikämpfe waren beschissen", sagt Co-Trainer Giannikis. Der KSC hat dieses Spiel, drei Spieltage vor Saisonende, mit 0 : 1 verloren. Hätte man gewonnen oder unentschieden gespielt, wäre der Aufstieg aus eigener Kraft möglich, ja wahrscheinlich gewesen. Nun steht man auf Platz vier. Die leise fluchenden Männer, unter ihnen Ingo Wellenreuther, der Präsident, und der Trainerstab, rekapitulieren und kommentieren einzelne Szenen des Spiels.

Kauczinski, der Hausherr, setzt mit seiner Frau eine Gulaschsuppe an

Der Gastgeber und Hausherr, KSC-Trainer Markus Kauczinski, ist nicht auf dem Balkon. Er setzt in der Wohnküche gemeinsam mit seiner Frau Gulaschsuppe an. Jens Todt ist mit nach draußen gekommen, aber der Mann des Wortes, er schweigt. Auch beim anschließenden Essen, als die Gulaschsuppe kopfschüttelnd verzehrt wird, hält sich Jens Todt zurück. Nur ein Mal, als Kauczinski einige Spieler zu Hauptverantwortlichen für die Niederlage erklärt und ihnen eine Pause für die kommenden Spiele verordnet, nimmt sich der Sportdirektor das Wort: "Wir müssen sehen, dass wir die Spieler dann aber auch wieder integrieren."

Der Satz verharrt ebenso beklommen im Raum wie die Herren über ihren Suppentellern. Weit nach Mitternacht findet die Runde wieder mehr Worte, langsam weicht die Enttäuschung einem kämpferischen Fatalismus. Keiner von ihnen ahnt zu diesem Zeitpunkt, dass ihre Frustrationstoleranz beim Relegationsdrama einer unvergleichlich höheren Belastungsprobe ausgesetzt sein wird. Wer an diesem Abend dabei war, hätte ahnen können, dass auch das, was dann folgte, die eingeschworene Gulaschsuppen-Connection, die kreativen Mangeljongleure aus Karlsruhe, nicht aus der Bahn werfen würde.

Ein paar Tage nach dem Drama vorsichtige Kontaktaufnahme per SMS und die Frage, ob sich die Niedergeschlagenheit gelegt habe und man über die neue Saison sprechen könne. Todt schreibt zurück: Selbstverständlich, er sei jederzeit erreichbar – "PS: Sorgen Sie sich nicht um mein Seelenheil. Ich werde nicht im Jammertal versinken". Sekunden später schickt er eine zweite Nachricht hinterher: "Das wäre ja noch schöner." Und in der Tat zeigt sich am Telefon: Die Seele ist heil, das Jammertal durchschritten. "So etwas kann einen auch stärker machen", Worthülsenkonfetti.

Ende Juli startet der KSC in die neue Saison. Ein paar Spieler werden den Kader verstärken, eine weitere folgenreiche Investition betrifft das Trainerteam. Für die Trainerkabine hat der Sportdirektor die Anschaffung einer Eckbank genehmigt. Der Pressesprecher wird sie im Baumarkt aus Massivholz zuschneiden lassen, ein freiwilliger Helfer wird sie dann andübeln. "Das wäre genauso gelaufen", sagt Todt, "wenn wir aufgestiegen wären."

Korrekturhinweis: Manchmal verliert sich aus Liebe der Blick für das Detail. Der Karlsruher SC gewann im Uefa-Cup 1993 in der zweiten Runde mit 7:0 gegen den FC Valencia und nicht, wie in fröhlicher Erinnerung angenommen und in der gedruckten Version dieses Artikel behauptet, im Gruppenspiel gegen Sevilla. Wir haben den Fehler korrigiert. Die Redaktion