KinderZEIT: Sie haben ein Kinderbuch über das Bestimmen in der Familie geschrieben. Warum gibt es darum überhaupt so viel Streit?

Juli Zeh: Kinder und Eltern wollen grundsätzlich etwas anderes, das erlebe ich jedenfalls so. Die Eltern möchten zum Beispiel, dass ein Kind ins Bett geht, das Kind will das natürlich nicht. Wenn man aber immer darüber streitet, macht das Leben keinen Spaß. Man muss sich einigen, und trotzdem muss jemand sagen, wo’s langgeht.

KinderZEIT: Und wie klappt das?

Juli Zeh: Die Familie in meinem Buch veranstaltet am Ende eine Familienwahl. Das kann man als Spiel zu Hause einfach mal nachmachen – und nebenbei noch etwas Wichtiges über Demokratie lernen. In unserem Grundgesetz steht, dass die Macht vom Volk ausgeht. Wir wählen Politiker, von denen wir denken, dass sie für das ganze Land gute Entscheidungen treffen. Die Idee ist, es in der Familie ganz ähnlich zu machen.

KinderZEIT: Wie denn?

Juli Zeh: Jedes Familienmitglied überlegt sich, was er oder sie als Bestimmer tun wird. Dann geben alle ihre Stimme ab, und am Schluss wird ausgezählt. Wichtig ist, dass die Wahl nur auf Zeit gilt, etwa für eine Woche. Wenn die Bestimmer sich mies benehmen und ihre Versprechen nicht halten, werden sie eben wieder abgewählt.

KinderZEIT: Womit punktet man im Familienwahlkampf?

Juli Zeh: Man muss die anderen ja von sich überzeugen, deshalb sollte man Sachen vorschlagen, die allen nützen. Bestimmen heißt eben nicht, dass man immer seinen Kopf durchsetzt. Es ist umgekehrt: Man muss sich um andere kümmern. Der Chef sagt zwar, was gemacht wird, aber er denkt dabei für alle mit.

KinderZEIT: Ein Beispiel bitte.

Juli Zeh: Der Vater könnte damit werben, dass er jeden Abend kocht. Weil er die Arbeit hat, will er entscheiden, was es zu essen gibt. Das ist seine Bedingung. Aber weil er gewählt werden will, sagt er, dass er einen Kinder-Wunschtag pro Woche einführen wird. Alle sollen am Ende das Gefühl haben, dass es gerecht zugeht.

KinderZEIT: Puh, klingt anstrengend ...

Juli Zeh: Gerechtigkeit ist eben eine komplizierte Sache. Man kann nicht einfach Regeln aufschreiben, die auf ewig gelten. Man muss ständig und immer wieder neu verhandeln.

KinderZEIT: In Ihrem Buch gewinnen die Eltern die Wahl. Es hat sich ja gar nichts geändert!

Juli Zeh: Doch, die Kinder haben nämlich plötzlich ein gutes Gefühl damit. Sie haben die Eltern selbst zu den Bestimmern gemacht.

KinderZEIT: Könnten denn auch Kinder Familienchef sein?

Juli Zeh: Darauf müssten wir Eltern uns natürlich einlassen. Wenn wir wollen, dass unsere Kinder verstehen, wie kompliziert es mit dem Bestimmen ist, dann müssen wir uns eben auch trauen, sie Chef sein zu lassen. Jetzt in den Sommerferien oder mal für einen Tag am Wochenende kann ich mir das als Experiment sehr gut vorstellen. Dabei können auch wir Eltern eine Menge lernen.

KinderZEIT: Gibt es ein Mindestalter für Familienbestimmer?

Juli Zeh: Streng genommen nein. Wenn ein Fünfjähriger im Wahlkampf überzeugt und gewählt wird, ist er für eine Woche Bestimmer. Er muss dann aber auch alles tun. Es reicht nicht, zu sagen, was man essen will. Irgendjemand muss auch kochen und einkaufen.

KinderZEIT: Wann hätten Sie sich das zugetraut?

Juli Zeh: Mit zwölf, dreizehn Jahren hätte ich es, glaub ich, hingekriegt, mal eine Woche in den Ferien der Familienchef zu sein. Leider haben wir damals bei uns in der Familie nicht gewählt.