Den Klimawandel möchte wohl niemand gegen Arbeitsplätze ausspielen. Vor allem nicht Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD), dessen geplante Klimaabgabe massive Kritik der Kohle-Gewerkschaften provoziert hat. Deren Argument ist, dass die "Strafsteuer" für Kraftwerke mit einem hohen Ausstoß von Treibhausgasen hierzulande etwa 100.000 Arbeitsplätze kosten würde. Dieser Betrachtungsweise schlossen sich die Bundesländer Nordrhein-Westfalen, Sachsen und Brandenburg schnell an, in denen Kohle eine bedeutende Rolle spielt. Gabriel ließ daraufhin durch den nordrhein-westfälischen Wirtschaftsminister Garrelt Duin (SPD) und Michael Vassiliadis, den Chef der Gewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie (IG BCE), einen alternativen Vorschlag zur Gestaltung einer Klimaabgabe erarbeiten. Endgültig entschieden werden sollte über die Abgabe am Mittwoch (nach Redaktionsschluss dieser Ausgabe).

Eine zentrale und in vielen Medien laufend wiederholte Zahl in der Diskussion ist die der 100.000 bedrohten Jobs. Dabei ist völlig unklar, ob sie stimmt. Viele der an der Errechnung beteiligten Organisationen verweisen aufeinander und übernehmen Daten, die sich später nicht mehr rekonstruieren lassen.

Nach Angaben des Bundesverbands Braunkohle (Debriv) arbeiteten im Jahr 2014 rund 21.400 Beschäftigte direkt in der deutschen Braunkohleindustrie, die meisten im Rheinland und in der Lausitz. Dazu kommt eine weitere Zahl, der zufolge der Braunkohlebergbau direkt und indirekt 86.000 Arbeitsplätze stellt. Sie stammt aus einem Gutachten des Forschungsinstituts EEFA im Auftrag des Debriv aus dem Jahr 2011. Die Daten dazu stammen aus dem Jahr 2009. Heute geht es nach Debriv-Angaben auch bei gesunkener Beschäftigtenzahl immer noch um rund 70.000 Arbeitsplätze.

Die Zahl der 100.000 durch die Abgabe gefährdeten Jobs stammt von der Gewerkschaft IG BCE. Ihre Rechnung: 60.000 Arbeitsplätze gingen als Folge des von der Abgabe erwirkten Strompreisanstiegs verloren, zum Beispiel weil die Produktion bestimmter Güter zu teuer und damit unrentabel wird. Die verbleibenden 40.000 setzten sich so zusammen: 11.000 in Kraftwerken und Tagebauen Beschäftigte plus rund 24.000 Betroffene in den Zulieferbetrieben – plus rund 4.000 andere Stellen, weil den Verbrauchern in den Braunkohleregionen weniger Geld zum Einkaufen zur Verfügung stehe. Die IG BCE beruft sich auf eine Kurzstudie der Beratungsfirma Frontier Economics vom Juni 2015, die sie gemeinsam mit dem Bundesverband der Deutschen Industrie in Auftrag gegeben hat. Frontier Economics wiederum beruft sich seinerseits auf Berechnungen des Hamburgischen Weltwirtschaftsinstituts (HWWI) und der r2b energy consulting GmbH vom November vergangenen Jahres.

Frontier und HWWI stellen dennoch unterschiedliche Zahlen zur Verfügung. Frontier spricht von 40.000 direkt plus 70.000 indirekt durch die Klimaabgabe gefährdeten Arbeitsplätzen – und verweist auf das HWWI. Das wiederum erklärt, es seien "unmittelbare Beschäftigungsverluste im vierstelligen Bereich zu erwarten": Rund 7.000 Arbeitsplätze direkt in der Braunkohlewirtschaft plus 17.000 Jobverluste bei den Zulieferern. Macht also insgesamt lediglich 24.000. Auf 40.000, wie von Frontier und der IG BCE behauptet, kommt man bei dieser Rechnung jedenfalls nicht. Die indirekten Folgen des steigenden Strompreises gefährden laut HWWI bis zu 50.000 Arbeitsplätze – nicht 70.000, wie es bei Frontier heißt.

Das Umweltbundesamt prognostiziert eine völlig andere Entwicklung. Die Rechnung: Die Braunkohleemissionen würden durch den Klimabeitrag um rund 22 Prozent verringert. Das Amt geht davon aus, dass in diesem Maße auch der Produktions- und der Beschäftigungsumfang sinken. Das wären dann etwa 4.700 Arbeitsplätze, wobei man positive Effekte der Klimaabgabe auf den Arbeitsmarkt noch gegenrechnen müsste. Dem Amt zufolge entbehren jedenfalls "in der Öffentlichkeit kursierende Angaben zu Beschäftigungsverlusten von bis zu 100.000 Arbeitsplätzen in der Kohlewirtschaft jeder Grundlage".

In größerem Ausmaß wäre der Wegfall von Arbeitsplätzen in den Tagebauen bloß möglich, wenn der von den Gewerkschaften gefürchtete Dominoeffekt einträte. Das wäre der Fall, wenn die Förderung im Tagebau durch Stilllegung oder geringere Auslastung eines Kraftwerkes unwirtschaftlich werden würde. Dieses Szenario hält das Umweltbundesamt aber für unwahrscheinlich. Denn die meisten Tagebaue seien mit mehreren Kraftwerken verbunden. Sollte die Nachfrage eines Kraftwerkes sinken, könne die Kohle an andere geliefert werden.

Das Umweltbundesamt greift auch die Berechnungen des HWWI zu den 17.000 indirekt gefährdeten Arbeitsplätzen an. Davon wären nämlich vorrangig die Bereiche Maschinenbau, Bauleistungen und Elektrotechnik betroffen. Doch gerade Unternehmen aus diesen Branchen lieferten vielen anderen zu – und würden sich immer stärker mit der Produktion erneuerbarer Energien befassen, also mit der Konkurrenz zur Kohle. Die Studie berücksichtige zudem nicht, dass durch die erneuerbaren Energien auch künftig mehr und mehr Arbeitsplätze hinzukommen werden. Der Trend legt das auf jeden Fall nahe: Im Jahr 2004 waren rund um die Erzeugung erneuerbarer Energien noch etwa 160.000 Menschen beschäftigt, im Jahr 2013 bereits 371.000 Personen.

Fazit: Grundsätzlich muss man damit rechnen, dass in der Braunkohleindustrie die Beschäftigtenzahlen sinken. Zum einen, weil sich die Energieversorgung im Hinblick auf den Klimaschutz verändern wird, wie kürzlich beim G-7-Gipfel in Elmau beschlossen. Zum anderen, weil alte Braunkohlekraftwerke bis 2020 sowieso stillgelegt werden. Ob die Klimaabgabe aber wirklich 100.000 Jobs kostet, ist fraglich. Nachvollziehen lässt sich die Zahl nicht. Den politischen Diskurs bestimmt sie dennoch.