Wer darf hier einziehen, Herr Gerkan?"

"Niemand."

"Ich könnte doch hier wohnen. Ich habe noch nicht mal einen Führerschein."

"Das ist der Sache förderlich, reicht aber nicht aus."

Ein Architekt baut ein Haus, das man eigentlich nicht erreichen kann. Zu Fuß ist es mühsam, im Winter sogar gefährlich. Mit dem Auto ist es unmöglich.

Ein Wohnhaus, das sich nur betreten lässt, nachdem man siebzig Stufen hinabgeklettert ist, mehr ein Bergpfad als der Zugang zu einer Designervilla. Ein Haus, das sich an einen Hang klammert, als sei es der letzte Vorposten der stabilen, sicheren Welt, bevor das Wasser kommt, die Gezeiten, das Meer. Das von der Straßenseite aussieht wie ein Tempel, den sich Außerirdische ausgedacht haben, weil sie die Elbnähe für spirituell beflügelnd halten. Ein Bau, der, wenn man schließlich vor der Eingangstür steht, den Charme des Mausoleums hat. Wer auch immer darin ruht, es muss der Vertreter einer kunstsinnigen Kaste sein.

Ein Haus wie ein Statement. Es besagt: Komfort, Repräsentation, die Konventionen des Schönerwohnens: nicht mit mir. Ich bin anders. Ich bin neu. Ich bin der Ort, an dem ein Architekt alle Ideen, die ihn sein Leben lang beschäftigt haben, zum Ausdruck bringt und dann wieder über den Haufen wirft. Ich bin ein Vermächtnis. Das Vermächtnis des Meinhard von Gerkan.

Er ist alt, Jahrgang 1935, und wenn er die Stufen zu diesem Haus hinabgeht, das keines sein will, sondern eher die Architektur gewordene Reflexion solcher Ideen wie Häuslichkeit und Zuhause, wenn er die leiterhaft steile Treppe hinunterstakst, dann sieht man, wie sehr dieses Werk gegen die Verfassung seines Erschaffers konzipiert wurde. Als er einen empfing, in seinem Büro mit der legendären Adresse Elbchaussee 29, war er noch der hoch aufragende Gestaltungssouverän gewesen. Der Architekt als sein eigenes Monument, 1,90 Meter groß, massiger Kopf mit weit auseinanderstehenden Augen, kantige Kinnpartie. Schlohweiße Haare, für die eine Assistentin eine Bürste herbeischaffen soll, und weil sie zu langsam ist, macht er es dann selbst. Greift in den Schopf und verwirbelt ihn noch mehr, bis das Ganze aussieht wie ein Nest, das der Wind zerzaust hat.

Aber dann war man hinabgestiegen zu dem Haus, und Gerkan wurde von Stufe zu Stufe nicht nur kleiner, sondern auch gebrechlicher. Sein Gang schief, mit leicht herausgedrehter Hüfte, als müsse er sich selbst in Schwung versetzen. "Nehmen Sie das Geländer, wenn Sie Angst haben!", rief er lachend nach oben. Vielleicht sprach er auch mit sich selbst, man wusste es nicht so genau, packte dann aber doch zu, zumal nur eine Seite per Handlauf gesichert war, auf der anderen: nichts, nur offener freier Raum und das damit verbundene Gefühl, durch die Luft zu klettern.

Meinhard von Gerkan ist ein großer Architekt, und Größe meint hier sowohl Selbstanspruch als auch wirtschaftliches Vermögen. Sein gemeinsam mit dem Architekten Volkwin Marg vor 50 Jahren gegründetes Büro gmp beschäftigt heute 500 Mitarbeiter. Sie arbeiten in Berlin, Hamburg und Aachen, in Peking, Rio und Hanoi. In der gerade erschienenen Firmenzeitschrift wird einem Kollegen aus Shanghai zur Geburt des Söhnchens gratuliert. Und die Gerkan-Familie wächst weiter, es wird gebaut auf allen Kontinenten. Immer groß, immer ambitioniert, von Anfang an. 1974 ging es los mit dem Flughafen Tegel, ein Geniestreich, der erste Drive-in-Airport der Nation. Es folgten Arenen und Museen, Krankenhäuser und Konzerthallen. Geschäftsquartiere in China und Kliniken in Italien, Universitäten in Indien, Messecenter im Iran. Und natürlich Hamburg, seine Lieblingsstadt, der Ort, an den er 1949 gekommen ist als Vollwaise. Der Vater war im Krieg gefallen, die Mutter starb auf der Flucht aus Posen.