DIE ZEIT: Frau Kuchta, wie gut trennen die Menschen in Hamburg ihren Müll?

Kerstin Kuchta: Dort, wo freiwillig getrennt wird, da läuft es gut. Aber dort, wo man es ihnen aufdrückt, läuft es überhaupt nicht.

ZEIT: Wer nicht trennen will, der lässt es besser?

Kuchta: Die Qualität separierter Müllbestandteile ist wichtig, wenn ich sie recyceln will. Und wenn ich nicht gewährleisten kann, dass den Menschen das Trennen am Herzen liegt, dann landen eben halb volle Ketchupflaschen im Müll. Und dann kann ich das Zeug hinterher nicht mehr stofflich verwerten, sondern nur noch energetisch nutzen, also verbrennen. Nur die Menge macht’s eben nicht, es kommt auf die Qualität an.

ZEIT: Sind die Deutschen also gar keine Mülltrenn-Profis, wie es immer heißt?

Kuchta: Vor einigen Wochen hatte ich mit meinen Studierenden eine Gelbe-Sack-Sortierung. Das war ein Desaster. Als meine chinesischen Studierenden die Säcke aufmachten, sagten sie: Und wir dachten immer, Ihr Deutschen trennt so brillant. Das ist doch nur Müll, was da drin ist, alles schmutzig. Daraus kann man nichts machen.

ZEIT: Wer trennt denn seinen Müll am schlechtesten?

Kuchta: Die, die alle Tonnen haben, aber nur schlecht trennen, die sind die schlimmsten. Die Qualität ist dann nämlich in jeder einzelnen Tonne schlecht. Es ist technisch dann zwar möglich, das zu waschen, zu trocken und wieder zu trennen. Aber das ist nicht mehr ökoeffizient und ergibt keinen Sinn.

ZEIT: Aber das Trennen ist unsere eine gute Tat am Tag, die nehmen Sie uns gerade weg.

Kuchta: Nur, wenn es nicht richtig gemacht wird. Wer sauber trennt, tut aus ökoeffizienten Gesichtspunkten etwas Gutes.

ZEIT: In Hamburg soll die Recyclingrate in den kommenden fünf Jahren auf 65 Prozent gesteigert werden. Ist das aus Ihrer Sicht eine gute Strategie?

Kuchta: Es ist nichts gewonnen, wenn wir die Menge auf Kosten der Qualität steigern. Nehmen wir den Bioabfall: In Hamburg ist die Trennung langsam eingeführt worden. Und auch nur dort, wo es freiwillig war. Inzwischen ist es rechtlich Pflicht und wird umgesetzt. Zu Beginn hatten wir eine sehr gute Biomüllqualität, was bei einer flächendeckenden Zwangseinführung nicht zu erwarten ist. Wir werden, das ist meine Prognose, mittelfristig zu einem Neuanfang kommen müssen. Und dann trennen wir nur noch das, was ökologisch und ökonomisch tatsächlich Sinn ergibt.

ZEIT: Was wäre denn optimal?

Kuchta: Wir müssen uns fragen: Welche Ressourcen habe ich im Müll, die wertvoll sind? Da komme ich auf 21 Bestandteile, für die es einen Markt und langfristigen Bedarf gibt. Das fängt bei Metallen an: Eisen, Kupfer, Aluminium, Messing. Dann sind das Holz, Textilien, verschiedene Bioabfall- und Glasarten. Zusätzlich drei Papierfraktionen: alles, worauf Sie schreiben, dann das Mischpapier von Magazinen und noch das Papier minderer Qualität, Kartons aus dem Onlineversand zum Beispiel. Und Kunststoffe, mindestens vier verschiedene: PE, PP, PET und Polystyrol. Aber es werden immer mehr wertvolle Kunststoffarten.