Abfall vom System – Seite 1

Das schöne grüne Hamburg mit seiner neuen rot-grünen Regierung hat ein Umweltproblem. Die Stadt erzeugt, gemessen an der Zahl ihrer Einwohner, mehr Restmüll als jedes andere Bundesland. Das ist ein Fakt. Und was macht man mit solch einem Fakt? Man interpretiert ihn. In dieser Stadt, die mit ihrem Müll nicht umzugehen weiß, kommen die, die ihn interpretieren, zu sehr unterschiedlichen Ergebnissen:

"Hamburg hat zu stark auf Verbrennung statt auf Recycling gesetzt", sagt der Umweltsenator Jens Kerstan. Er ist von den Grünen und erst seit drei Monaten im Amt.

"Unser Trennsystem von Verpackungen ist vor allem gut fürs Gewissen", sagt ein Professor für Abfallwirtschaft und Recycling.

"Die Mieter nehmen zum großen Teil die Mülltrennung nicht so vor, wie sie eigentlich vorgeschrieben ist", sagt der Vorsitzende des Grundeigentümerverbandes.

Natürlich geht es um Abfall, aber auch um den Abfall vom Glauben an Mülltrennung und Recycling – also um die Schuld an der ganzen Misere. Warum läuft es mit dem Müll in Hamburg so dreckig? Warum gibt es so wenig Tonnen für Verbundstoffe, für Altpapier und für Biomüll? Warum schließen Müllverbrennungsanlagen, wenn der Müll doch nicht weniger, sondern mehr wird? Und politisch gefragt: Sind das Probleme, die eine bestimmte Regierung nicht in den Griff bekommt, oder liegt der Fehler im System?

Das Land Hamburg hat Müll-Ziele und Müll-Pläne und sogar eine "Recycling-Offensive". Warum es trotzdem so schlecht läuft? Wer eine Antwort sucht, muss zu denen fahren, die sich mit dem Müll beschäftigen: zu den Männern in den Müllverbrennungsanlagen, zu den Politikern und Lobbyisten, die sich über den Abfall der Stadt täglich Gedanken machen, und zu den Müllmännern, die den Müll von den Straßen holen.

Es ist 5.30 Uhr am vergangenen Freitag. Auf dem Hof der Stadtreinigung am Bullerdeich in Hammerbrook machen sich die Müllmänner startklar für die Arbeit. Noch schnell eine Zigarette, dann sammelt Björn seine Kolonne um sich, mit der er an diesem Tag rausfährt: Philipp, Barry und Nedro, alle zwischen 30 und 40 Jahre.

Die Männer steigen ins Müllauto, die erste Fahrt des Tages geht nach Rothenburgsort. Hinterm Holiday Inn beginnt die Tour. Nedro sitzt am Lenkrad, die anderen Männer rollen die Tonnen aus den Betonboxen hinter den mehrstöckigen Wohnblocks heran. Es sind fast durchweg schwarze Restmülltonnen, die hier stehen. Grüne Biotonnen, blaue Papiertonnen, gelbe Wertstofftonnen – all das gibt es hier nicht.

Stattdessen steht in Rothenburgsort häufig eine Variante der Restmülltonne: schwarz mit rotem Deckel. Sie koste weniger Gebühren als die herkömmlichen schwarzen Tonnen, sagt Björn, dafür müssen die Mieter sie selbst an den Straßenrand stellen. Die Vermieter in dieser Gegend knausern bei den Müllgebühren noch mehr als in anderen Stadtteilen. Ein Mann rennt laut schimpfend dem Müllwagen hinterher: Björns Truppe hat die vier Tonnen seines Hauses stehen lassen. Björn sagt: "Die Tonnen standen nicht am Straßenrand!" Streng genommen hat er damit recht, sie standen ungefähr fünf Meter entfernt an der Hauswand. Der Müllwagen fährt weiter.

Die rot-schwarze Tonne ist die zweitschlechteste Art, Abfall loszuwerden: billig und dreckig. Es ginge auch billig und sauber. Die gelbe Restmülltonne wird gratis entleert, weil der Inhalt sich zu Geld machen lässt, und die grüne Tonne für den Bioabfall, den die Stadtreinigung zu Kompost verarbeitet, kostet den Hausbesitzer fast nichts. Aber die Bewohner der Häuser müssten das System dann auch nutzen.

Das tun sie nicht. Eine große Wohnungsbaugesellschaft hatte in ihren Wohnkomplexen in Rothenburgsort musterhafte Müllsortieranlagen eingerichtet, schwarz, blau, grün, gelb, das ganze Programm. Sie wurden nicht genutzt und schließlich wieder abgeschafft. So etwas komme vor, sagt der Sprecher der Stadtreinigung. Wo aber die Bewohner gut informiert würden, steige die Menge getrennten Mülls schnell an.

An einem Döner-Imbiss empfängt Gestank die Müllmänner. Der Container quillt über vor Essensabfällen. Selbst die größte Hamburger Tonne, der 1,1-Kubikmeter-Container auf vier Rollen, hat nicht ausgereicht für den Abfall. Daneben sind Plastikbeutel gequetscht, einige sind aufgeplatzt, Fleischreste quellen heraus. All das bleibt liegen.

Nach knapp drei Stunden steuert Nedro den Müllwagen zur Müllverbrennungsanlage Borsigstraße. An der Einfahrt wird der Wagen gewogen: Neun Tonnen Hausmüll hat er geladen, eingesammelt in knapp drei Stunden. Dabei haben die Männer nur den Müll mitgenommen, den sie müssen. Nicht den, der tatsächlich angefallen ist.

Für den Vermieter lohnt es mehr, den Müllraum als Wohnfläche zu vermieten

Sind also die Mieter an der Müllmisere der Stadt schuld? Heinrich Stüven, der Vorsitzende des Grundeigentümerverbandes, bestreitet das. Er zeichnet die typische Hamburger Innenstadtstraße mit Müllproblem in seinen Notizblock: vier Häuser nebeneinander, Hauswand an Hauswand, davor einen Fußweg, dann die Straße. Kein Innenhof, kein Keller, kein Platz. "Ich als Vermieter habe also überhaupt nicht die Chance, dort entsprechende Container aufzustellen", sagt er. "Und wollen Sie in einer Einzimmerwohnung eine Mülltrennungsbatterie hinstellen von Biomüll, Restmüll, Pappe, Papier und Glas? Eine großflächige Mülltrennung ist dort illusorisch." Dabei gibt es selbst in Ferienwohnungen kleine Müllsortiereimer mit drei oder vier Kammern.

Heinrich Stüven spricht für 31.000 Eigentümer mit etwa 500.000 Wohnungen in Hamburg. "Die Stadt sagt ganz einfach: Wir fordern das jetzt, Mülltrennung. Ob das aber tatsächlich möglich ist, damit setzt sie sich gar nicht auseinander."

Was Stüven nicht sagt: Für den Vermieter sind Müllgebühren Nebenkosten, eine Ersparnis durch Mülltrennung muss er an seine Mieter weitergeben. Für ihn lohnt es mehr, den Müllraum als Wohnfläche zu vermieten.

Wenn die ehemaligen Müllräume vermietet sind und niemand mehr weiß, wohin mit dem Abfall, dann gibt es in Hamburg immer noch eine Lösung: pinkfarbene Säcke, in denen der gesamte unsortierte Hausmüll landet. In etwa 13.000 Haushalten wird auf diese Art der Abfall entsorgt, vor allem in Eimsbüttel und Altona-Nord. Das ist die schlechteste Art, mit Müll umzugehen: Die Müllabfuhr holt ab, was Ratten und Krähen in zerfledderten Säcken übrig lassen.

Fußwege, Radwege, Parkplätze, Straßen, Grünanlagen – öffentlicher Raum in Hamburg ist knapp und wertvoll. Fast immer, wenn es Streit um öffentliche Pläne gibt, geht es letztlich um Platz. Warum sollte öffentlicher Raum also für privaten Müll zur Verfügung stehen?

"Man muss schon die Prämissen setzen, was wichtiger ist: dass ich den Müll irgendwo unterbringe oder dass ich Menschen unterbringe", sagt Heinrich Stüven.

Wo der Platz für bunte Container fehlt, landet alles in einer Tonne oder in einem Sack. Und die Tonnen und Säcke aus Hamburgs Westen landen immer noch in der Müllverbrennungsanlage am Stellinger Moor – die soeben stillgelegt wurde.

Die Luft an diesem Ort schmeckt muffig-süßlich, nach einer Mischung aus Bananenschalen und Zigarettenkippen, dazu ein bisschen Scheuermilch und der Geruch von Turnschuhen. So stinken 600 Tonnen ungetrennter Hausmüll. "Wenn die Kollegen in der Bioanlage drüben die Luft ablassen, riecht das hier wie Parfüm", sagt einer der Mitarbeiter. Er setzt sich in einen Radlader und schiebt das zu einem Berg zusammen, was eben aus drei Müllfahrzeugen geplumpst ist: Plastikeimer, Sektflaschen, eine Fernbedienung, Shampoo-Flaschen und Margarine-Schachteln, Obstreste, ein Nutella-Glas. Seit am Stellinger Moor der Hausmüll nicht mehr verbrannt wird, sieht und riecht man das Müllproblem der Stadt.

Bis zur Stilllegung dieser Müllverbrennungsanlage Mitte Juni verfügte Hamburg über vier Müllverbrennungsanlagen. In der MVA Stellinger Moor, der ältesten Hamburger Anlage, wurden jährlich etwa 165.000 Tonnen verbrannt, ein Siebtel des Hamburger Restmülls. "Auf dem Gelände könnte nun ein Wertstoff- und Logistikcenter entstehen", sagt Stadtreinigungschef Siechau. "Dazu könnte eine automatische Sortieranlage gehören, die den ungetrennten Hausmüll in Restmüll und Wertstoffe trennt."

So weit ist es aber noch nicht.

Derzeit wird in Stellingen der Hausmüll von den kleineren in größere Müllfahrzeuge umgeladen, um dann nachts durch den Elbtunnel zur MVA Rugenberger Damm unterhalb der Köhlbrandbrücke gebracht zu werden. Nur weil in Stellingen nichts mehr verbrannt wird, produzieren die Hamburger ja nicht weniger Müll. Die Müllverbrennungsanlagen waren jedoch so überdimensioniert, dass neben dem hiesigen Müll und dem der umliegenden Landkreise zeitweise auch Müll aus dem Ausland verbrannt wurde, um sie auszulasten. Diese Verträge laufen in den kommenden Jahren aus; die kleinste und älteste der MVAs wurde daher nun abgeschaltet.

Ende 2016 wird auch die Anlage in Stapelfeld stillgelegt. Von 2017 an wird Hamburg dann noch über zwei Anlagen verfügen, die MVA Borsigstraße und die MVA Rugenberger Damm. Zusammen können sie etwas mehr als die Hälfte des bisher anfallenden Restmülls verbrennen. Nicht mehr.

Das ist der zweite Grund für die Hamburger Abfallkrise: Spätestens im Jahr 2019 weiß das Land nicht mehr, wohin mit seinem Müll.

Dem Ausbau des Recyclings, heißt es in der Senatsmitteilung aus dem vergangenen Dezember, komme daher eine "hohe Bedeutung" zu.

"Wir haben das Falsche perfekt gemacht. Und damit perfekt falsch."

"Ob Sie Ihren Müll trennen oder alles in eine Tonne werfen, ist völlig nebensächlich", sagt Michael Braungart. Braungart leitet das internationale Umweltforschungsinstitut Epea in Hamburg und ist wahrscheinlich der schärfste Kritiker des hiesigen Abfallmanagements. Aus seiner Sicht sind nicht träge und gleichgültige Bürger schuld am Müllproblem, sondern Industrie und Politik. Zu viele Produkte und Verpackungen bestünden aus Materialmischungen, die sich kaum noch trennen und wieder verwerten ließen, sagt er. Was nützt eine "Recyclingquote", wenn am Ende nur unbrauchbare Plastikmischungen dabei herauskommen? Oder, schlimmer noch, toxische: "Durch das Recycling kommen jetzt viele giftige Stoffe in die Wiederverwertung, die vorher nicht verwendet wurden", sagt Braungart. "Wir haben das Falsche perfekt gemacht. Und damit perfekt falsch."

Wenn es allerdings etwas gibt, was Braungart noch mehr stört als das Recycling mit schlechtem Ergebnis, dann ist es die Müllverbrennung. "Bei der Verbrennung von Abfällen bekommen Sie gerade mal fünf Prozent der ursprünglich eingesetzten Energie zurück", sagt er. "Die Menschen meinen, wenn sie mit dem Müllproblem überfordert sind, dass sie zum Feuer greifen müssten. Das sind archaische Mechanismen." Und Hamburg sei der größte Feuerteufel.

Zumindest die letzte Landesregierung sah das völlig anders. Die bisherige Entwicklung sei "insgesamt erfreulich", heißt es in einer Senatsmitteilung aus dem vergangenen Dezember. Die Restmüllmenge sinke, immer mehr Wertstoffe würden getrennt gesammelt. Bis 2020, sagt Umweltsenator Kerstan, solle Deutschland eine Recyclingrate von 65 Prozent erreichen, wie es das Kreislaufwirtschaftsgesetz vorschreibt. "Hamburg wird dazu einen Beitrag leisten und seine Recyclingquote weiter steigern."

Gegenwärtig liegt Hamburgs Recyclingquote halb so hoch. Das ist der dritte Grund der Hamburger Müllkrise: Die hiesige Art des Umgangs mit Abfall wird bald gesetzeswidrig sein. "Ja, da hat Hamburg noch Luft nach oben", sagt Umweltsenator Kerstan. "Wir arbeiten an einer Strategie, wie wir die Müllmengen senken und die Recyclingquoten deutlich steigern können. Aber da sind Sanktionen nur das letzte Mittel."

Zwangsmülltrennung, das wäre unpopulär und wahrscheinlich wirkungslos. Der Grüne Jens Kerstan will nicht zum Jürgen Trittin der Hamburger werden – dessen Name steht bis heute vor allem für das unpopuläre und wenig wirksame "Dosenpfand".

Das Land hofft auf eine Verständigung mit den Vermietern im Rahmen des "Bündnisses für das Wohnen", das den Wohnungsbau in Hamburg seit Jahren befördert. Bisher zeigten sich die Hauseigentümer aber in dieser Frage wenig kooperativ. "Es gibt die Pflicht, eine Biotonne aufzustellen", sagt Kerstan. "Diese Pflicht gilt, und die Umsetzung muss im Rahmen des Bündnisses besprochen werden." Das klingt nun doch ein wenig nach Zwangsmülltrennung.

Das Müllproblem in Hamburg hat viele Schuldige. "Keine Mülltrennung wäre der richtigste aller Wege, schon weil es heute Mülltrennanlagen gibt, die das alles auseinanderdifferenzieren können", sagt der Vorsitzende des Grundeigentümerverbandes. "Die automatische Müllsortierung ist deutlich schlechter als die Trennung in den Haushalten", sagt der Umweltsenator.

"Wenn wir als Bürger Kunststoffe vorsortieren sollen, dann überfordert uns das. Es gibt über 50 verschiedene Kunststoffe, und wir sind nicht annähernd in der Lage, sie zu erkennen und zu unterscheiden", sagt ein Professor für Abfallwirtschaft und Recycling.

"Wir haben ein System geschaffen, das es als Umweltschutz ausgibt, Müllverbrennungsanlagen zu bauen. Und die müssen nun gefüttert werden", sagt der Leiter des internationalen Umweltinstituts.

Hamburg hat ein Müllproblem und die Regierung vier Jahre Zeit, es zu lösen. Nur wie man das hinbekommen will, weiß heute noch niemand.

Aktualisierte Version des in  ZEIT:Hamburg Nr. 27 erschienenen Artikels.

Wie sinnvoll es ist, Bio-Tüten zu benutzen, hat Dr. Max im Jahr 2011 auf einer Hamburger Kompostieranlage verfolgt.

Kompostierbarer Müll - Dr. Max: Mythen über Bio-Tüten