"Ob Sie Ihren Müll trennen oder alles in eine Tonne werfen, ist völlig nebensächlich", sagt Michael Braungart. Braungart leitet das internationale Umweltforschungsinstitut Epea in Hamburg und ist wahrscheinlich der schärfste Kritiker des hiesigen Abfallmanagements. Aus seiner Sicht sind nicht träge und gleichgültige Bürger schuld am Müllproblem, sondern Industrie und Politik. Zu viele Produkte und Verpackungen bestünden aus Materialmischungen, die sich kaum noch trennen und wieder verwerten ließen, sagt er. Was nützt eine "Recyclingquote", wenn am Ende nur unbrauchbare Plastikmischungen dabei herauskommen? Oder, schlimmer noch, toxische: "Durch das Recycling kommen jetzt viele giftige Stoffe in die Wiederverwertung, die vorher nicht verwendet wurden", sagt Braungart. "Wir haben das Falsche perfekt gemacht. Und damit perfekt falsch."

Wenn es allerdings etwas gibt, was Braungart noch mehr stört als das Recycling mit schlechtem Ergebnis, dann ist es die Müllverbrennung. "Bei der Verbrennung von Abfällen bekommen Sie gerade mal fünf Prozent der ursprünglich eingesetzten Energie zurück", sagt er. "Die Menschen meinen, wenn sie mit dem Müllproblem überfordert sind, dass sie zum Feuer greifen müssten. Das sind archaische Mechanismen." Und Hamburg sei der größte Feuerteufel.

Zumindest die letzte Landesregierung sah das völlig anders. Die bisherige Entwicklung sei "insgesamt erfreulich", heißt es in einer Senatsmitteilung aus dem vergangenen Dezember. Die Restmüllmenge sinke, immer mehr Wertstoffe würden getrennt gesammelt. Bis 2020, sagt Umweltsenator Kerstan, solle Deutschland eine Recyclingrate von 65 Prozent erreichen, wie es das Kreislaufwirtschaftsgesetz vorschreibt. "Hamburg wird dazu einen Beitrag leisten und seine Recyclingquote weiter steigern."

Gegenwärtig liegt Hamburgs Recyclingquote halb so hoch. Das ist der dritte Grund der Hamburger Müllkrise: Die hiesige Art des Umgangs mit Abfall wird bald gesetzeswidrig sein. "Ja, da hat Hamburg noch Luft nach oben", sagt Umweltsenator Kerstan. "Wir arbeiten an einer Strategie, wie wir die Müllmengen senken und die Recyclingquoten deutlich steigern können. Aber da sind Sanktionen nur das letzte Mittel."

Zwangsmülltrennung, das wäre unpopulär und wahrscheinlich wirkungslos. Der Grüne Jens Kerstan will nicht zum Jürgen Trittin der Hamburger werden – dessen Name steht bis heute vor allem für das unpopuläre und wenig wirksame "Dosenpfand".

Das Land hofft auf eine Verständigung mit den Vermietern im Rahmen des "Bündnisses für das Wohnen", das den Wohnungsbau in Hamburg seit Jahren befördert. Bisher zeigten sich die Hauseigentümer aber in dieser Frage wenig kooperativ. "Es gibt die Pflicht, eine Biotonne aufzustellen", sagt Kerstan. "Diese Pflicht gilt, und die Umsetzung muss im Rahmen des Bündnisses besprochen werden." Das klingt nun doch ein wenig nach Zwangsmülltrennung.

Das Müllproblem in Hamburg hat viele Schuldige. "Keine Mülltrennung wäre der richtigste aller Wege, schon weil es heute Mülltrennanlagen gibt, die das alles auseinanderdifferenzieren können", sagt der Vorsitzende des Grundeigentümerverbandes. "Die automatische Müllsortierung ist deutlich schlechter als die Trennung in den Haushalten", sagt der Umweltsenator.

"Wenn wir als Bürger Kunststoffe vorsortieren sollen, dann überfordert uns das. Es gibt über 50 verschiedene Kunststoffe, und wir sind nicht annähernd in der Lage, sie zu erkennen und zu unterscheiden", sagt ein Professor für Abfallwirtschaft und Recycling.

"Wir haben ein System geschaffen, das es als Umweltschutz ausgibt, Müllverbrennungsanlagen zu bauen. Und die müssen nun gefüttert werden", sagt der Leiter des internationalen Umweltinstituts.

Hamburg hat ein Müllproblem und die Regierung vier Jahre Zeit, es zu lösen. Nur wie man das hinbekommen will, weiß heute noch niemand.

Aktualisierte Version des in  ZEIT:Hamburg Nr. 27 erschienenen Artikels.

Wie sinnvoll es ist, Bio-Tüten zu benutzen, hat Dr. Max im Jahr 2011 auf einer Hamburger Kompostieranlage verfolgt.

Kompostierbarer Müll - Dr. Max: Mythen über Bio-Tüten