Françoise Barré-Sinoussi, welche Frage wird uns künftig beschäftigen?

"HIV ist die Epidemie, die uns daran erinnert hat, dass Infektionskrankheiten für immer da sein werden. Wir hatten gedacht, dass wir mit Antibiotika und Impfungen alle gefährlichen Infektionskrankheiten loswerden, so, wie wir die Pocken ausgerottet haben. Dann kam HIV. Und jetzt, in Zeiten der globalen Erwärmung, werden tropische Krankheiten zu uns kommen. Wir werden Chikungunya in Europa haben, mehr Denguefieber, warum nicht auch Malaria? Das alles ist wahrscheinlich.

Darum muss Forschung Risiken eingehen. Fast alle wirklichen Innovationen entstanden, weil Menschen etwas riskiert haben. Aber können Forscher das heute noch? Ich glaube nicht. Das gesamte Evaluierungssystem beruht darauf, Risiken zu minimieren: Unsere Arbeit wird von Kollegen bewertet – und das ist gut, natürlich, denn sie verstehen etwas davon. Aber sie wollen dabei auf der sicheren Seite bleiben. Wir müssen das System von Grund auf verändern. Wenn ich heute jung wäre, würde ich keine Wissenschaft mehr betreiben. Wir verleiten junge Forscher dazu, vor allem an ihrem Lebenslauf zu arbeiten. Aber darum geht es doch nicht!"

Françoise Barré-Sinoussi bekam 2008 den Medizinnobelpreis für die Entdeckung des HI-Virus. Im August tritt sie mit 68 Jahren in den Ruhestand. Barré-Sinoussi glaubt, dass Aids in Zukunft heilbar sein wird.

Daniel Shechtman, woran erkennt man eine gute Idee?

"Nun, ich habe den Preis für eine Entdeckung bekommen, nicht für eine Idee. Aber ich habe Ideen, die die ganze Welt umspannen und die viel wichtiger sind als die Entdeckung quasiperiodischer Strukturen. Diese Kristalle hatte ich durch Zufall entdeckt, aber nun gehört diese Entdeckung mir. Die Frage ist: Was mache ich damit? Ich kenne einen Mann, der hat diese Muster entdeckt, bevor ich es tat. Was hat er damit gemacht? Er hat es aufgeschrieben und zu seinen Akten gelegt. Man kann das machen. Oder man beißt sich fest in solch einem Rätsel wie ein Rottweiler.

Um erfolgreich zu sein, braucht man zuallererst emotionale Intelligenz. Schauen Sie sich die genaue Definition auf Wikipedia an, aber im Kern geht es darum, wie man mit Menschen redet, wie man sie überzeugt. Es sind nicht die Klügsten, die Erfolg haben, auch nicht die Stärksten. Es sind die Fittesten, es ist knallharter Darwinismus. Und heute bedeutet Darwinismus: soziale Fähigkeiten zu haben und ein Experte auf einem Feld zu sein. Etwas zu finden, das man mag. Und der Beste darin zu werden."

Daniel Shechtman gewann 2011 den Chemienobelpreis für die Entdeckung quasiperiodischer Kristalle. Länger als zehn Jahre dauerte es, bis die Fachkollegen seine Entdeckung anerkannten. Der 74-Jährige entwirft in seiner Freizeit Schmuck und tritt im israelischen Kinderfernsehen auf.

Steven Chu, woran glauben Sie, ohne es beweisen zu können?

"Ich glaube daran, dass wir das Gehirn vollständig verstehen können. Und zwar mit Physik, Chemie und Mathematik. Ob es jenseits davon noch etwas gibt, darüber will ich nicht spekulieren, das ist für mich eine andere Art von Glaube.

Wissenschaftler haben einen bestimmten Blick auf Dinge. Und es ist gut, Wissenschaftler in den höchsten Positionen in der Regierung zu haben. Schauen Sie sich etwa die Atomverhandlungen mit dem Iran an. Offiziell führt natürlich der Außenminister die Gespräche an, aber wenn – wie im Fall der USA mein Nachfolger Ernest Moniz als Energieminister – ein Kernphysiker mit am Tisch sitzt, hilft das ungemein.

Und als sich herausgestellt hat, dass auch auf iranischer Seite ein Wissenschaftler saß, der wie Moniz ebenfalls in Boston am MIT studierte hatte, machte das die Verhandlungen sicherlich leichter."

Steven Chu wurde 1997 der Physiknobelpreis für seine Forschung zur Laserkühlung von Atomen verliehen. Der heute 67-Jährige war von 2009 bis 2013 US-Energieminister im ersten Kabinett von Barack Obama.

Richard Roberts, welche Risiken haben wir vor lauter Begeisterung vergessen?

"Die vergangenen Jahre haben die Forschung zu Genveränderungen ganz enorm nach vorne gebracht. Die Techniken CRISPR und Zinkfinger sind nur zwei Beispiele für methodische Entwicklungen, die es uns erlauben, viel genauer in das Genom von Lebewesen einzugreifen als bisher. Die Frage ist jetzt: Sind diese Technologien sicher, wenn wir etwa an menschlichen Embryonen arbeiten?

Meine Antwort: Ganz sicher nicht. Noch nicht. Aber wir werden an einem Punkt kommen, an dem wir mit extrem hoher Wahrscheinlichkeit sagen können, was die von uns induzierten Mutationen auslösen werden. Das kann in sechs Monaten so weit sein oder in ein paar Jahren.

Die Entscheidung, wie wir diese neuen Fähigkeiten einsetzen wollen, muss die Gesellschaft treffen. Die Probleme im Umgang mit solchen Fortschritten sehe ich dabei weniger in westlichen Staaten als in diktatorischen Ländern wie China. Am Beispiel von Stammzellen sieht man, wozu das führt: Überall in China arbeiten Forscher mit Stammzellen, Firmen werden gegründet. Jeder macht es – ohne jegliche Kontrolle."

Richard J. Roberts erhielt 1993 für seine Arbeiten zum Aufbau von Genen den Medizinnobelpreis. Er kritisiert scharf Experimente wie jene, in denen Grippeviren gefährlicher gemacht werden. Der heute 71-jährige Brite wurde im Jahr 2008 zum Ritter geschlagen.

Ivar Giaever, welche Entwicklung wird unsere Zukunft prägen?

"Das spannendste Thema werden denkende Maschinen sein. Aller Wahrscheinlichkeit nach werden sie kommen. Und das wird mehr verändern als alles je zuvor. Wir brauchen davor keine Angst zu haben, auch wenn es Menschen gibt, die sich davor fürchten. Man könnte in diesem Kontext über Ethik reden, im Sinne eines 'Dürfen wir das', aber ich glaube nicht, dass es Aufgabe der Wissenschaft ist, sich mit ethischen Fragen auseinanderzusetzen.

Wissenschaft beschäftigt sich mit Dingen, die wahr oder falsch sind. Zur Zeit des Vietnamkrieges haben Menschen Forscher für Napalmbomben verantwortlich gemacht. Aber sie hatten nichts damit zu tun. Sie haben die Sachen vielleicht erfunden, aber sie haben nicht die Entscheidung getroffen, die Waffen zu benutzen. Wissenschaftler haben auch die Atombombe erfunden. Aber sie haben nicht die Entscheidung getroffen, sie abzuwerfen.

Ich erhielt den Preis, als ich 43 Jahre alt war. Ich hätte ihn lieber 20 Jahre später bekommen. Plötzlich hörten die Menschen auf das, was ich sagte. Ich mag das nicht, seitdem muss ich viel vorsichtiger sein. Nobelpreisträger sind wie normale Menschen. Einige sind klug, einige sind durchschnittlich, ein paar sind wirklich dumm. Die Leute fragen mich: Wie können wir den Israel-Palästina-Konflikt lösen? Woher soll ich das wissen?! Ich bin nur ein Nobelpreisträger!"

Ivar Giaever wurde für seine Arbeit zum Tunneleffekt und zu Supraleitern 1973 mit dem Physiknobelpreis ausgezeichnet. Der gebürtige Norweger wandte sich danach der Biologie zu, er ist 86 Jahre alt.