Ohne Jubiläum kein Erinnern, da ist die Media-Markt-Gesellschaft gnadenlos. 2014 hatten wir des Ersten Weltkriegs zu gedenken. Jetzt war Waterloo zu feiern, der letzte Sieg der Europäischen Union. Zum Jahresende folgt der 50. Geburtstag jener einst europaweit gefürchteten Kampforganisation, von der das provinzsächsische Buch der Lieder singt: "In jeder Schlachte setzt sich durch / der 1. FC Machteburch".

Nahezu unbedacht blieb in diesem krummen Jahr der 17. Juni 1953. Darob fast unbekümmert lief ich am 17. Juni 2015 über Berlins Alexanderplatz. Plötzlich vernahm ich vaterländischen Gesang: "Deutschland ist schon lange Knecht, doch das ist uns gar nicht recht". An der Weltzeituhr demonstrierte die NPD für FRIEDEN, FREIHEIT, SOUVERÄNITÄT. Ein jungnationaler Zeitzeuge verlas Erinnerungen an seinen deutschen Großvater. Der rassige Ahn hatte sich vor 62 Jahren den Protestmarschierern angeschlossen und nahe der Gürtelstraße ein Kampfziel artikuliert, das noch heute alle Volksgenossen von echtem Blut und Korn beseelt: Raus mit der Besatzungsmacht!

Abermals begegnete mir der 17. Juni in Buckow/Märkische Schweiz. Am Ufer des Schermützelsees steht unter alten Tannen still und licht das Haus, in dem Bertolt Brecht seine letzten Jahre verlebte. Dort schrieb er im Sommer 1953 die Buckower Elegien; auch jene berühmte Lösung für die DDR-Staatskommandeure, die dem Arbeitervolk Höchstleistungen zur Sühnung seines Ungehorsams abverlangten: "Wäre es da / Nicht doch einfacher, die Regierung / Löste das Volk auf und / Wählte ein anderes?" Am 17. Juni allerdings hatte Großdichter B. B. Loyalitätsdepeschen an Ulbricht & Gen. und den sowjetischen Hochkommissar Semjonow gesandt. Brecht hielt den Aufstand für faschistisch unterwandert.

Nach derzeit offizieller Lesart geschah am 17. Juni 1953 eine freiheitliche Volkserhebung, deren niedergewalzte Träume im Herbst 1989 und mit der deutschen Einheit spät, aber glücklich in Erfüllung gingen. Nun ja, auch so dichtet Ideologie. Es zeugt von retrospektiver Herzensgüte, Hitlers Deutsche schon acht Jahre nach Kriegsende als Heldenvolk zu erkennen. Der 17. Juni bleibt eine nachkriegsdeutsche Wunsch- und Wundertüte, die jeder nach Belieben füllt und leert. Fakt ist, dass dieser revolutionär-reaktionäre Arbeiter-, Volks- und Einheitsaufstand zur Rettung Walter Ulbrichts führte und zwei große Romane inspirierte: Stefan Heyms 5 Tage im Juni und Sommergewitter von Erich Loest. In Brechts Garten liest man auf rostiger Tafel: "In der Frühe / sind die Tannen kupfern. / So sah ich sie / vor einem halben Jahrhundert / Vor zwei Weltkriegen / Mit jungen Augen".