Inzwischen scheint es manchmal, als würde die Peer-to-Peer-Branche in der etablierten Finanzindustrie aufgehen. So stiegen die Credit Suisse, die spanische BBVA und Morgan Stanley aus den USA unlängst mit 165 Millionen Dollar bei der amerikanischen Plattform Prosper ein. Bei Lending Club sitzen Wall-Street-Größen wie der frühere Morgan-Stanley-Chef John Mack oder die ehemalige Staranalystin Mary Meeker im Vorstand. Bei Funding Circle zählt Bob Steel zu den Beratern, der einst die US-Bank Wachovia führte und heute Chef des eher exklusiven Investmenthauses Perella Weinberg ist.

In gewisser Weise geht die Peer-to-Peer-Utopie an ihrem eigenen Erfolg zugrunde. Die Ausfallraten der Branche sind bisher bemerkenswert niedrig. Bei Auxmoney liege die Quote seit Jahren unter drei Prozent, sagt Philipp Kriependorf, das sei nicht höher als bei den meisten Banken. Obwohl oder weil die Kreditvergabe automatisiert abläuft. Über die Kreditwürdigkeit entscheide ein computerbasierter "Score", erzählt der Gründer. Wie der zustande kommt? "Betriebsgeheimnis, das ist wie mit der Coca-Cola-Formel." Die Vorstellung, seine Mitarbeiter müssten die Antragsteller persönlich kennen, um deren Kreditwürdigkeit zu beurteilen, ringt Kriependorf nur ein müdes Lächeln ab.

Was man weiß: Wie bei den Banken beruht auch der Score von Auxmoney zunächst einmal auf Daten der Auskunftei Schufa. Daneben fließen die Informationen anderer Datensammler wie Creditreform, Avato oder Bürgel in das Ergebnis ein. Hinzu kommen Informationen, die der Interessent beim Ausfüllen des Antrags im Internet hinterlässt: Wer zwei Minuten braucht, um sein Geburtsdatum einzutippen, verbessert seine Chancen, das gewünschten Darlehen zu erhalten, eher nicht.

Von 100 Anträgen, sagt Kriependorf, lehne Auxmoney rund 80 von vornherein ab. Die übrigen werden in Risikoklassen von AAA (sehr sicher) bis X (recht riskant) unterteilt. Anleger wie "Frau Leberwurst" können sich dann aussuchen, in welche Projekte sie investieren wollen. Dabei gilt, wie immer bei der Geldanlage: Je höher das Risiko, desto höher die potenzielle Rendite. Natürlich kann ein Kreditverleiher sein Geld auch über mehrere Kreditnehmer streuen. Wer sein Geld gleichmäßig über alle Risikoklassen vergebe, habe zuletzt eine Rendite von 6,7 Prozent erzielt, sagt Kriependorf. Das klingt fast zu gut, um dauerhaft tragfähig zu sein. Doch bei aller gebotenen Skepsis: Bislang funktioniert das Modell. Da kann es angesichts der überall sonst so niedrigen Zinsen derzeit nicht verwundern, wenn die Finanzbranche dieses Geschäft nicht allein den privaten Gebern überlassen will.

Kreditnehmer wie Lutz Dittert dürften von der Entwicklung erst einmal profitieren. Je mehr Geldgeber in den Markt strömen, desto günstiger werden die Konditionen. Zugleich wächst mit den frischen Milliarden aber die Gefahr, dass Kredite zu leichtfertig vergeben werden und damit die Ausfallraten steigen. Angeblich haben es manche Fonds zuletzt besonders auf die riskanten Kreditsegmente abgesehen. Das könnte dazu führen, dass die Plattformen bald vermehrt um jene Kundenschichten werben könnten, die besser keinen Kredit aufnehmen sollten, weil ihnen die Finanzkraft zur Rückzahlung fehlt.

Philipp Kriependorf sieht die eigene Branche durchaus kritisch. Er weiß, dass in Märkten, in denen Kleinanleger mit großen Profis konkurrieren, die Kleinanleger leicht den Kürzeren ziehen. So soll es auf manchen US-Plattformen vorgekommen sein, dass institutionelle Anleger bei der Kreditauswahl gezielt bevorzugt wurden.

Andererseits will natürlich auch Kriependorf wachsen. Schließlich kassiert Auxmoney für jeden vermittelten Kredit Gebühren: Je höher die Vermittlungsquote, desto größer die Umsätze. Für drei professionelle Fonds habe sich Auxmoney jüngst geöffnet, erzählt Kriependorf. Wie sie heißen, verrät er nicht, nur dass sie aus dem Ausland stammen. Mehr als 50 Prozent vom vermittelten Volumen bekämen sie zwar nicht, sagt Kriependorf, aber klar ist: Wenn Herr Dittert das nächste Mal Geld braucht, hat "Frau Leberwurst" neue Konkurrenz.