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Am Montag dieser atemberaubenden Woche, als sich ein Streichquartett in Berlin darauf einstimmt, das 70-jährige Bestehen der CDU feierlich zu untermalen, als sich die deutsche Kanzlerin dazu entschließt, ihr Schweigen in der Griechenlandkrise zu brechen, zu einem Zeitpunkt, als das große europäische Drama auf seinen nächsten Höhepunkt zusteuert, als aufgebrachte griechische Rentner auf der Insel Kreta an den Türen einer geschlossenen Bankfiliale rütteln und in Athen das Gerücht die Runde macht, den Tankstellen werde demnächst das Benzin ausgehen, an einem Tag also, der nichts Geringeres als die Grundlage des europäischen Traums ins Wanken bringt, da spricht Angela Merkel einen Satz aus, der sich vertraut anhört und doch einen neuartigen Klang hat. Sie sagt: "Scheitert der Euro, dann scheitert Europa."

Noch nie ist dieser Satz einer härteren Belastungsprobe ausgesetzt worden als in dieser Woche. Merkel muss sich fragen, wie die europäischen Institutionen auf die angespannte Lage reagieren werden. Und welchen Plan verfolgt jetzt Mario Draghi, der Chef der Europäischen Zentralbank?

Im Berliner Umspannwerk, wo sich die CDU für ein paar Stunden selbst feiert, sagt Merkel diesen Satz, und sie taucht tief in die Geschichte ein. Sie erinnert daran, dass dieses Gebäude Teil des letzten Verteidigungsrings der Wehrmacht gewesen sei. Und so wie die deutsche Einheit und die Einigung Europas zwei Seiten einer Medaille seien, so seien es auch Solidarität und Eigenverantwortung. Gehe die Fähigkeit zum Kompromiss verloren, "dann ist auch Europa verloren". "So", sagt Merkel, "ist dieser Satz zu verstehen".

Die Kanzlerin ringt. Mit den Griechen, mit dem deutschen Finanzminister Wolfgang Schäuble, sie ringt um Europa und ihr politisches Erbe.

Die Griechen sollen eigentlich in einem Referendum, das 110 Millionen Euro kosten soll, über Reformvorhaben abstimmen, die Europa ihnen abverlangt. Das war der Plan. Die Griechen, so sah es jedenfalls zu Beginn der Woche aus, würden entscheiden: Europa oder Tsipras. In der deutschen Politik herrschte Erleichterung, doch keine 48 Stunden nach der Ankündigung des Referendums steckt Volker Kauder, Chef der Unionsfraktion im Bundestag, den Kopf in den Fraktionssaal der SPD und bittet seine Amtskollegen Oppermann und den SPD-Vorsitzenden Gabriel hinaus: "Wir müssen reden." Tsipras hat ein neues Verhandlungspaket vorgeschlagen. Rettung in letzter Sekunde, oder wieder nur ein neuer Trick, um Zeit zu gewinnen? Inzwischen glauben die Verhandlungspartner Tsipras gar nichts mehr, dafür trauen sie ihm fast alles zu. Droht am Ende sogar der griechische Ausstieg aus dem Euro? Einen solchen Fall hat es noch nie gegeben, und daher überfordert er die Vorstellungskraft aller Beteiligten.

Scheitert der Euro, dann scheitert Europa. Mit diesem Satz hatte sich die Kanzlerin gegen die Kritik verteidigt, sie mache sich kleinkrämerisch an die Rettung einer großen Sache, als schwäbische Hausfrau, nicht als Staatenlenkerin. Sie will deutlich machen: Es geht ihr ums Ganze. Es ist der Versuch, den Rahmen ihrer Politik symbolisch zu vergrößern – und damit sich selbst. Lange hat man den Satz nicht mehr gehört. Schon drohte er, sich gegen Merkel zu wenden: Scheitert der Euro, dann scheitert auch die Kanzlerin. Seit Montag versucht sie, den eigenen Satz zurückzuerobern. Was will sie uns sagen? Der Euro ist Ausdruck und Unterpfand der Werte, die 19 europäische Staaten sich gegeben haben. Er ist gegossenes Vertrauen.

Aber wo soll das alles hinführen? Mit wem soll Europa verhandeln, falls die Griechen Ja sagen zu den Bedingungen der Europäer und damit zugleich Nein zur eigenen Regierung in Athen? Wie soll das Vertrauen zurückkehren, wenn Banken nicht mehr öffnen, die Aktienbörse in Athen schließt und Menschen wie Yanni Papapanagiotou vergeblich versuchen, etwas sehr Alltägliches zu tun, etwas, das auch vom griechischen Staat dauernd verlangt wird – seine Rechnungen zu begleichen?

Yanni Papapanagiotou ist Unternehmer, er lebt in Athen und möchte einem französischen Geschäftspartner Geld überweisen. Also loggt er sich per Onlinebanking in sein Konto bei der Alpha Bank ein, tippt den Namen des Empfängers, Kontonummer und Betrag ein, klickt auf Senden. Es erscheint ein Warnhinweis auf dem Bildschirm: "Transaktion nicht erfolgreich". Das ist alles. Keine Erklärung. Papapanagiotou aber weiß: "Das ist das Ergebnis der eingeführten Kapitalverkehrskontrollen."

Papapanagiotou ist das, was man in diesen Tagen selten trifft: ein erfolgreicher Unternehmer

Seit Montag sind Papapanagiotous Überweisungen ins Ausland nicht mehr so einfach möglich. Für ihn ist das kein kleines Problem. "Bei einem griechischen Unternehmen sind doch eh schon alle skeptisch", sagt er. "Und jetzt kann ich meine Rechnungen tatsächlich nicht mehr bezahlen. Dadurch verliere ich an Reputation."

Papapanagiotou ist das, was man in Griechenland in diesen Tagen selten trifft: ein erfolgreicher Unternehmer. Doch seine Geschichte ist traurig. Mit seinem Ingenieurbüro hat er früher griechische Häfen, Straßen und Fährverbindungen geplant. Vor drei Monaten aber lief sein letztes Projekt in Griechenland aus. Die Auftraggeber haben kein Geld mehr. Seitdem ist Papapanagiotou ausschließlich für Firmen im Ausland tätig, in Albanien, Serbien und Montenegro. Von seinen 35 Mitarbeitern sind nur noch fünf in Athen. Noch aber hat das Unternehmen hier seinen Sitz. Und er zahlt hier Steuern. Aber wie lange noch?

Kapitalverkehrskontrollen, das klingt nicht dramatisch. Doch es bedeutet, dass der Zahlungsverkehr staatlich beschränkt wird, um den Abfluss von Geld zu bremsen. Nur noch 60 Euro am Tag können die Griechen an ihren Geldautomaten abheben, und Überweisungen ins Ausland werden begrenzt. Yanni Papapanagiotou sagt, das alles könne er überstehen. Aber Angst mache ihm ein mögliches Referendum. Wie immer es auch ausgeht, es werde Griechenland erschüttern. Entweder müsse die Regierung zurücktreten, oder das Land werde sich gegen den Euro wenden. Beides sei eine Katastrophe. Wie kann man sie abwenden?