Stilvolle Absagen formulieren konnten Die Tödliche Doris. "My Dear, thank you for your letter and invitation", heißt es auf einer Postkarte, "but I haven’t time to participate. I live in a beautiful summer-house and watch the moon and the stars all nights." Das ist nicht nur schön gesagt und noch schöner geschrieben, in liebevoll ausgemalten Erstklässlerbogen, die wirken, als seien sie geradewegs einem Poesiealbum entsprungen, es mag sogar manchem leistungsunwilligen Künstler als Vorlage gedient haben.

Auch der Kollaps wird gemeinhin überschätzt. Dem Anspruch nach handelt es sich um einen ebenso spontanen wie irreversiblen Akt, weil er die Zerstörung von Mensch und Material miteinschließt. Wie eine Gruppe junger Wilder namens Einstürzende Neubauten sich die Umsetzung ihrer programmatisch Kollaps genannten ersten LP damals vorstellte, lässt sich jetzt auf einem selbst gedrehten Video nachverfolgen: So furios wurde noch selten ein Autowrack in seine Einzelteile geschreddert. Weitergegangen ist es trotzdem. Nach über dreißig Jahren des Kollabierens darf man die Neubauten endlich dort bestaunen, wo sie nie hinwollten: im Museum.

Das Münchner Haus der Kunst hat sie für eine Ausstellung heimgeholt, all die Antikünstler, Lärmerzeuger und Werkzertrümmerer, die in den frühen Achtzigern für Aufruhr in der hiesigen Kunst- und Musikszene sorgten: Bands mit bewusst sperrigen Namen wie Deutsch Amerikanische Freundschaft, Palais Schaumburg oder Freiwillige Selbstkontrolle, Bands, deren Beitrag zur Musikgeschichte aus einer einzigen Single besteht, Bands, die keine Bands sein wollten, weil sie sich eigentlich als Performancekünstler verstanden, des Weiteren konzeptuell inspirierte Neo-Naive wie Der Plan aus Düsseldorf oder Trio (Da Da Da) und eben jenes Berliner Dada-Trio Die Tödliche Doris, auf das der Titel der Ausstellung zurückgeht: Geniale Dilletanten – in genau dieser unorthodoxen Schreibweise.

Es ist eine uferlose Schau, die einen auf vergleichsweise engem Raum erwartet. Schon im Treppenhaus Fotografien von leeren Straßen, Kneipen und Spontanspielstätten. Drinnen dann selbst gebasteltes Equipment, Schnappschüsse aus dem Nachtleben, in denen sich kunstvoll geschminkte Gestalten um schmucklose Tresen drängeln, flackernde, per Monitor zugespielte Konzertszenen auf Super 8, aber auch Frühwerke späterer Malerfürsten, deren mit breitem Pinsel auf die Leinwand geworfene Hinterlassenschaften flächendeckend die Wände zieren, denn auf die Grenzen zwischen den Disziplinen gab man in den Achtzigern wenig. Der Schriftsteller Thomas Meinecke, damals vor allem musikalisch unterwegs, hat es in einen Slogan gefasst: "Heute Disco, morgen Umsturz, übermorgen Landpartie".

Da sind sie nun beisammen, die Zeugnisse bewegter Zeiten, und haben mit dem Widerspruch zu kämpfen, dass aus der Laune des Moments heraus entstandene Kunstspäße zu Artefakten erstarrt sind. Nicht alles, was aus Privatsammlungen geborgen wurde, ist gut gealtert. Manches wirkt im Nachhinein pathosbeladen, manches wohlfeil, anderes rührend in seinem Versuch, mit primitiven Mitteln Effekte zu erzielen, die heute per Knopfdruck abrufbar sind. Und doch drängt etwas noch immer über die Formate hinaus. Um das Flüchtige der in sich diversen Strömungen fassbar zu machen, kommen in einem Begleitfilm Zeitzeugen zu Wort: Von Annette Humpe bis Diedrich Diederichsen ist alles vertreten, was in den frühen Achtzigern szenegängerisch oder diskursspendend in Erscheinung trat. Ein klares Bild ergibt sich aus dem Chor der Stimmen nicht, doch einige Motivlagen werden erkennbar.