Eins vorweg: Die meisten Kinder kotzen gar nicht ins Auto. Aber lobt sie jemand dafür? Sagen ihre Eltern etwa Danke schön? Natürlich nicht. Jetzt, wo in den ersten Bundesländern die Ferien beginnen und viele Familien viel längere Strecken im Auto zurücklegen als im restlichen Jahr, ist Brechenmüssen plötzlich ein Thema. Allerdings rätseln Wissenschaftler bis heute darüber, warum im oder aus dem Auto gespuckt wird.

Was sie sich nicht erklären können: Normalerweise ist Erbrechen die Reaktion unseres Körpers auf verdorbenes Essen oder auf einen Magen-Darm-Infekt, wie er im Winter oft die Runde macht. Aber das ist ja nicht der Grund dafür, dass sich manche Leute manchmal auf Autofahrten übergeben müssen. Welcher Sinn wohl dahintersteckt, können Ärzte einfach noch nicht beantworten. Doch das bedeutet nicht, dass die Reisekrankheit nicht real ist.

Wie andere Krankheiten hat sie einen speziellen Namen, sie heißt "Kinetose". Und immerhin gibt es auch eine Erklärung dafür, was sie auslöst. Man könnte sagen: Manchmal und bei manchen Menschen verwirrt das Autofahren den Körper, es bringt ihn aus dem Gleichgewicht.

Unsere Balance verdanken wir dem Zusammenspiel mehrerer Sinne. Zuerst sind da natürlich unsere Augen, mit denen wir sehen, wo oben und unten ist, was gerade ist und was schief. Aber ein Gefühl dafür vermittelt uns erst das Innenohr. Dort sitzen sehr empfindliche Fühler, die uns Bewegungen spüren lassen. Augen und Ohren liefern unentwegt Nachrichten ans Gehirn, selbst dann, wenn wir nicht darauf achten. Zusätzliche Nachrichten erhält das Hirn noch von speziellen Fühlern ("Rezeptoren") an unseren Muskeln und Knochen, die mitteilen, wie unsere Körperhaltung ist und ob wir eher locker oder angespannt sind.

Solange diese Signale zusammenpassen, ist alles in Ordnung. Aber beim Autofahren wird man ja oft ganz schön durchgeschüttelt, von Schlaglöchern oder in engen Kurven, obwohl man im Augenblick vorher noch entspannt war. Besonders Kinder auf der Rückbank sehen den Verlauf der Straße nicht. Ihre Augen senden deshalb "alles in Ordnung" ans Gehirn, während ihre Gleichgewichtsorgane Rumpel-Signale schicken. Die Reisekrankheit ist also wie ein Protest des Körpers gegen unsanfte Überraschungen.

Dafür spricht auch, dass die Fahrer selbst praktisch nie reisekrank werden. Sie sitzen ja am Lenkrad, treten auf Gas oder Bremse und bestimmen somit selbst die Bewegung des Autos. Und die Straße haben sie eh im Blick. Ihr Gehirn weiß daher jedes Rütteln und Schütteln, jedes Links oder Rechts einzuordnen.

Deshalb sind auch die Faustregeln gegen die Reisekrankheit, die wohl jedes Kind schon einmal gehört hat, ganz schlau: Nicht ins Buch oder auf den Bildschirm starren, sondern lieber aus dem Fenster schauen, wenn’s geht, gerade nach vorne! Dann kommen nicht zu viele widersprüchliche Signale beim Gehirn an. Meistens hilft das.

Aber noch mal zurück zu den Kindern. Werdet Ihr tatsächlich häufiger reisekrank als Erwachsene? Ja, allerdings erst ab einem Alter von etwa zwei Jahren, vorher ist der Gleichgewichtssinn noch nicht voll ausgeprägt. Und gibt es nichts, was ganz sicher verhindert, dass man spuckt? Doch, Schlafen.

Deswegen ist es auch ein ziemlich ungeheimer Geheimtipp unter Eltern, einen möglichst großen Teil der Reisestrecke mit schlafenden Kindern zurückzulegen. So werden in diesem Sommer wieder viele Eltern darauf drängen, mitten in der Nacht aufzubrechen. Schon am Abend vorher werden sie den Kofferraum vollpacken und den Wecker extra früh stellen, um lange vor dem ersten Morgenlicht auf der Autobahn zu sein.

Wenn man sie fragt, warum, dann werden diese Eltern natürlich sagen: Um nicht in den Stau oder die Mittagshitze zu kommen. Sie werden nicht sagen: Damit unser Auto sauber bleibt.

Aber wenn alle am Ziel sind und es immer noch gut riecht im Wagen, dann werden die Eltern ihren Kindern dafür sehr dankbar sein. Selbst wenn sie das nicht sagen.