Die Venus, nicht gerade der fröhlichste Planet im Universum. "Jene tödlich heiße Kugel", schreibt Dietmar Dath in seinem neuen Roman Venus siegt, "mit ihren Schwefelsäurewolken", mit "Winden von dreihundert Stundenkilometern Geschwindigkeit, mit einem Regen, der selbst das glühende Metall, das in gezackten Brocken auf den Hängen und in den Tälern herumlag, wegwusch". Das perfekte Baugrundstück für ein neues Utopia würde man sich anders vorstellen. Aber dann wiederum machen Not und schlechtes Schwefelwetter ja erfinderisch: In Venus siegt hat sich, einige Hundert Jahre in der Zukunft, ausgerechnet auf diesem Höllenplaneten die fortschrittlichste menschliche Zivilisation des ganzen Sonnensystems entwickelt. Ihre Städte und Transportwege zum Beispiel werden von einem Material in der Schwerelosigkeit gehalten, das sich "Schwarzes Eis" nennt und der letzte Schrei der Ingenieurskunst ist. "Nur Idioten in Not konnten drauf kommen", sagt einmal jemand über dieses Eis. "Die Genies im Warmen und Hellen und Trockenen durften unwissend bleiben."

Zu den klugen Idioten in Not gehörte auch der Erzähler Nikolas Helander, der als alter Mann zurückblickt auf seine Venus-Jahre. "Auf der Erde, wo ich heute lebe, weiß man nicht viel darüber. Man ahnt nicht einmal, wer wir waren und warum wir taten, was wir taten." Der Sound dieser Sätze aus dem ersten Kapitel deutet bereits an: Wir lesen hier die Erinnerungen eines Mannes, der ehrfürchtig auf eine unwahrscheinliche Sternstunde der Menschheit zurückblickt – den aber gleichzeitig noch immer das kalte Grauen packt beim Gedanken daran, in welchem Gemetzel auch diese Stunde wieder enden musste.

Helander wächst auf als privilegierter Politikersohn, sein Vater, der gerne mit Fontane- und Auden-Zitaten um sich wirft, gehört zur Führungsriege des "Bundwerks". So nennen die Venusianer ihre Gesellschaftsform: Sie haben die ehemalige Kolonie der Erde organisiert als Hierarchie von Delegierten, Energie- und Informationsressourcen werden zentral verteilt. Gleichberechtigt sollen hier die Menschen genauso wie die "Diskreten" und die "Kontinuierlichen" (so heißen die Roboter und die netzbasierten künstlichen Intelligenzen auf der Venus) zusammenleben und ein schöneres Morgen errichten. Das Bundwerk, so heißt es offiziell, sei nämlich nur der erste Schritt hin zum "Freiwerk", jener Utopie, die nicht nur auf der Venus, sondern später im gesamten Sonnensystem erblühen soll und in der "die Maschinen berauscht sein werden und die Menschen endlich nüchtern".

Man wünschte, jemand würde diesen Roman bald aufwendig verfilmen

Zu Beginn ist Helander noch begeistert von dem Erfindungsreichtum der Venus-Bewohner und den Visionen der Bundwerk-Führung. Dann muss er aus nächster Nähe mitansehen, wie die Eliten sich in Machtkämpfe verstricken und wie sein Vorgesetzter einem Attentat zum Opfer fällt. Erste Verhaftungswellen beginnen, ein Massaker an Zivilisten dient den obersten Delegierten schließlich als Vorwand, das Bundwerk nicht in ein Freiwerk, sondern in eine Diktatur umzubauen. Helander landet selbst in einer dieser Folterkammern, die so oft als Begleiterscheinung von großen Gesellschaftsexperimenten auftreten. Am Ende bricht der Krieg aus, auf den alles hinauslaufen musste – das Bundwerk wird angegriffen von einer Allianz aus Spätkapitalisten und Faschisten vom alten Mutterplaneten Erde. Zwar siegt die Venus, wie es der Buchtitel ja auch verspricht. Aber der Traum vom Freiwerk hat sich danach erst einmal ausgeträumt.

So zusammengefasst, klingt Venus siegt nach einem Stück Literatur, das allzu leicht zu entschlüsseln ist – eine übersmarte Parabel auf Aufstieg und Untergang sozialistischer Gesellschaften, die ausgedachte oral history einer Weltraum-Sowjetunion. Das Buch ist aber alles andere als Science-Fiction fürs Literaturhaus, kein pädagogisches Zukunftslehrstück über Gegenwart und Vergangenheit. Es ist, zwischen, unter und über der polithistorischen Parabel, eine spektakuläre Zumutung, wie sie nur einem wie Dath einfallen kann.

Es fängt schon damit an, dass für Dath auch mathematisches Fabulieren zur Science-Fiction gehört. Nicht das Schwarze Eis ist das Prunkstück des Venus-Fortschritts, die wahre Dampfmaschine dieser Zivilisation heißt "Topos": eine neue Programmiersprache, vielleicht sogar eine neue Logik. In ihr sehen die Bundwerk-Vordenker die wunderbarsten Zukünfte aufscheinen. Die Fantasie zu besitzen, den nächsten Fortschrittssprung der Menschheit nicht als Raumfahrerei zu erzählen, sondern als Weiterentwicklung unserer logischen Verdrahtungen; die Frechheit, seine Figuren deswegen seitenlang unverständlich über Grundlagenmathematik dozieren zu lassen – nur so kommt Dath zu diesem irren, überschießenden Element, dem gewissen Etwas, das die echte Science-Fiction ihren bürgerlichen Schrumpfformen schon immer voraushatte. Für den öffentlichen Nah- und Fernverkehr auf der Venus existieren haushohe, gebogene Achterbahn-Schwerelos-Rutschen, die "Zilien" – Transportwege, in denen jenes Schwarze Eis der Ingenieure und die neue Logik auf magische Art miteinander zusammenwachsen. Wenn Dath eine Zilien-Reise schildert, wünscht man sich, es würde schnell jemand diesen Roman aufwendig verfilmen, um eine ungefähre Vorstellung davon zu bekommen, wie so etwas aussehen könnte. Nicht weil Daths Beschreibungskünste unzureichend wären – sondern weil er es mit seinen Andeutungen schafft, tausend neue Welten zu eröffnen, die man sich alle gerne anschauen würde.

Ein Angorafell-Rave statt superlangweiliger Gegenwart

Noch erstaunlicher, dass Dath all das in einem Buch mit linkem Gedankengut zusammenbringt. Genau dem fehlt sonst ja gerne alles Zukunftsweisende, weil Linke heute lieber im Bestehenden herumpopeln, statt Zilien zu erfinden. Wie man das anders handhaben könnte, zeigt Dath vorbildlich in jenem Kapitel, in dem sich Helander an seine schönste Zeit auf der Venus erinnert. In einer Boheme-Künstlerkolonie lebt er zusammen mit den "Neukörpern": Menschen, die Schwarzes Eis und Topos nicht dazu nutzen, Krieg zu führen oder effizienter zu werden, sondern um ihre Körper in den fröhlichsten und wildesten Arten zu verändern, sich Flügel wachsen zu lassen oder ein schneeweißes Angorafell und dann in einem einzigen Rave der freien Liebe ihre Existenz zu feiern. Plötzlich machen die langweiligen Gender-Diskussionen der superlangweiligen Gegenwart Sinn, weil man sie in die Unendlichkeit verlängert sieht: Es geht gar nicht um verschnarchte Fragen danach, ob man Mann, Frau oder weder noch ist, sondern um die Freiheit, das verrückte, packende, erotische Körperliche endlich aus den blöden Zwängen des Körpers zu befreien. Und ganz nebenbei, als Ausgleich für die anstrengenden Gespräche über Kategorientheorie und anderen Mathe-Stubenhocker-Kram, schreibt Dath auch noch Sätze von glasklarer Schönheit: "Der Himmel war grün wie Sommergras, wie meine Lieblingsseife, wie die Comicfrösche auf meiner Bettwäsche."

Für anspruchsvolle Science-Fiction ist der deutsche Buchmarkt leider eine ähnlich lebensfeindliche Umgebung wie die Venus für Menschen. Science-Fiction taucht zwar gelegentlich als Stilexperiment auf, wie zuletzt in Planet Magnon von Leif Randt. Die Verlagerung in die Zukunft wirkt dann aber aufgesetzt, wie ein Astronautenkostüm im Fasching. Ansonsten döst die große Literaturgattung Sci-Fi in den Untiefen der Genre-Regale vor sich hin, aus denen kaum ein Laut nach draußen dringt. Nur Dath ist hier wieder einmal die schöne Ausnahme von der Regel – weder beschränkt aufs Genre-Regal noch kostümiert. Man kann ihm schon vorwerfen, zu viele Bücher zu schreiben – aber was soll der Mann auch anderes machen, wenn er neben seinen Tätigkeiten als Kommunist und Chef-Nerd des deutschen Feuilletons auch noch der einzige relevante Science-Fiction-Schriftsteller der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur sein muss. Vor Kurzem verteidigte er seine hektische Arbeitsweise mit dem Hinweis auf die großen Realisten der Weltliteratur: "Als wären diese Leute nicht Gehetzte, Getriebene gewesen, die unter Verschleiß von Körper und Seele Werke in die Welt schleuderten." Es klang so, als fühle sich Dath auch wie einer der Idioten in Not auf der Venus: Auch er muss in Schwefelgewittern umhertreiben und dabei so viel erfindungsreicher sein als die ganzen Genies in der trockenen, warmen Gegenwart.