Stürmische Zeiten waren in Deutschland 1918 angebrochen: auf die militärische Niederlage im Ersten Weltkrieg folgte im November der Sturz der Hohenzollern-Monarchie, die Abdankung von Kaiser Wilhelm II. und in Berlin die Ausrufung der Republik. Im Januar 1919 erschütterten heftige Kämpfe die Reichshauptstadt, Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht wurden ermordet. In München spitzte sich die Lage nach der Ermordung des Ministerpräsidenten Kurt Eisner im Februar zu – eine revolutionäre "Räteregierung" stürzte Anfang April die gewählte Regierung, die nach Bamberg floh. Und ein 37-jähriger Privatdozent der Münchner Universität flaniert durch die umkämpfte Stadt und wird zum Reporter, der mitten aus einer heute fast vergessenen Revolution berichtet: Unter dem Pseudonym "A. B.-Mitarbeiter" – "A. B." steht für Antibavaricus – schreibt Victor Klemperer für die konservativen Leipziger Neuesten Nachrichten ausführliche Artikel über die chaotische Situation in München. Doch nur wenige dieser Texte konnten damals gedruckt werden.

Heute ist Victor Klemperer als Tagebuchautor berühmt, vor allem seine 1995 erschienenen Tagebücher über den Alltag im nationalsozialistischen Deutschland machten ihn weltweit bekannt, mit Lizenzen in 17 Ländern. 500.000-mal wurden die Klemperer-Tagebücher bis heute verkauft. Jetzt, zwanzig Jahre später, können wir den Chronisten der deutschen Zeitgeschichte von einer neuen Seite kennenlernen: In Kürze werden seine unbekannten Reportagen aus dem revolutionären München 1919 als sogenanntes Revolutionstagebuch im Aufbau Verlag erscheinen, ergänzt um 1942 geschriebene, aber nicht veröffentlichte Passagen seiner Erinnerungen an jene Wochen.

Klemperer erweist sich darin erneut als genauer und unbestechlicher Beobachter – jetzt allerdings zudem als brillanter Reporter und kluger Essayist, mit feinem Sensorium für hohle Rhetorik, tragikomische Situationen und deutschen Opportunismus. Ohne Illusionen demaskiert er die linksradikale Räterepublik um die Intellektuellen Erich Mühsam, Gustav Landauer und Ernst Toller als Traum einer Bohème ohne Rückhalt in der Bevölkerung; hellsichtig prognostiziert er die gewaltsame Machtübernahme durch die Kommunisten und deren blutige Niederschlagung durch die Freikorps-Truppen im Auftrag der sozialdemokratischen Regierung; ungefähr tausend Menschen waren am Ende bei Kämpfen und Erschießungen getötet worden. Wir dokumentieren in unserem Vorabdruck gekürzte Auszüge aus seinen Artikeln. Sie zeigen, was der liberale Klemperer auch war: ein großartiger Revolutionsreporter.